EKW100 EINHUNDERT

TL;DR Und Stabreim ist Stabreim, bis in mein Grab rein sind Binnenreime viel geiler als keine.

Hi, Matthias hier. Ich bin 100. Es ist spät. Sehr spät. Aber ich bin 100. Und ich bin froh, dass ich es tatsächlich geschafft habe. Einhundert Folgen „Ein Koffer Wörter“, das ist schon ein ordentliches Brett. Und wer auch immer Du da draußen bist und zuhört: Danke, dass Du Dir das antust! Und wenn Du ein klitzekleinesbisschen Zeit hast, wäre es toll, wenn Du dem Koffer bei Apple-Podcast oder in anderen Podcast-Portalen eine gute Bewertung gibst. Ich habe ein wenig Statistik zusammengetragen: In den ersten 100 Folgen inklusive der Nullnummer und dieser Folge hier habe ich 308 Reimdingsis vorgetragen, davon einige ganz kurz, Haikus, Vierzeiler, und einige sehr lang. Und 10 davon habe ich in irgendeiner Form als Musikstück vertont. Ich habe mit entschlossen, ab Folge 101 einen anderen Veröffentlichungsrhythmus einzuschlagen. Ab der nächsten Folge gibt es den Koffer nur noch einmal pro Woche. Wahrscheinlich donnerstags oder freitags. Du weißt ja, das geht bei mir häufig eh ineinander über… Und bevor ich jetzt das heutige Feier-Reimdingsi vortrage, möchte ich zunächst noch ein Gedicht vorlesen, das meine Tochter mir eben gerade zum 100. Koffer-Jubiläum geschrieben hat:

Ich pack ’nen Koffer voll mit Worten,
Reis‘ mit ihm zu fernen Orten,
Schreibe, dichte, höre zu,
Jedes Wort bekommst nur Du,
Mit kleinen Briefen kommen sie,
Gedichte, Texte, Fantasie,
Bald komm ich zurück zu Dir,
Dann sind wir wieder wir.

Könnta mal sehen: Für Nachschub ist gesorgt und wahrscheinlich werde ich den Koffer in ein paar Jahren einfach an die Blagen weitergeben und das habt Ihr dann davon 🙂

Jetzt aber zum heutigen Feier-Reimdingsi. Ich wünsche Dir viel Spaß dabei und bis nächste Woche. Tschüß!

Ein Koffer Wörter

Jeden Abend nach dem Essen
Sitze ich vor meinem Mac
Trinke literweise Cola
Dann ist elf. Dreck!

Ich muss heute noch was koffern
Und ich habe: Nichts!
Und ich gucke sehr betroffen
Brauche ein Gedicht

Denke: Haus, Maus, Laus,
Labskaus, Blumenstrauß,
Klaus, Nee! Leichenschmaus
Ich seh, es sieht Scheiße aus.

Nackig steh ich da, vor meinem Schöpf-ah,
Ohne Peil, ohne Plan und ohne Schlüpf-ah

Ein gebrochener Mann, mit ’nem Koffer im Arm
Arm dran, Koffer leer,
Kopf lahm – urgh – schwer!

Und ich starre auf den leeren Texteditor,
Wie ’ne Hexe entsetzt auf’n Inquisitor

Stichpunkte raus! Denke: Haus, Rennmaus,
Labskaus, Nikolaus,
Klaus, Nee! Schließ ich aus!

Und dann ich starte mein Musikprogramm
Lade Drummer, Loops, mach das Keyboard an

Und ich haue in die Tasten, weil ich das halt kann
Brass, Bass, Off-Beat, und dann einfach mal ran:

Wörter! Ein Koffer Wörter!
Jetzt noch härter! Und Abgeklärter!

Wörter! Ein Koffer Wörter!
Er kommt später! In den Äther

Emphasen, Ellipsen, Enumerationen
Pointen, Parataxen und Pallindrome

Oxymorone, Hendiadyoine, Paradoxone, aufgepasst, Freunde!
Alliterationen und Allegorien
Accumulationen, Antonomasien

Symbole, Sentenzen und Evidenzen
Anaphern, Metaphern haben auch Grenzen

Und dann ich starte mein Musikprogramm
Lade Drummer, Loops, mach das Keyboard an

Und ich haue in die Tasten, weil ich das halt kann
Brass, Bass, Off-Beat, und dann einfach mal ran:

Wörter! Ein Koffer Wörter!
Jetzt noch härter! Und Abgeklärter!

Wörter! Ein Koffer Wörter!
Er kommt später! In den Äther

Alle Jamben, Trochäen, fick ich im stehen, denn ich will doch so gerne Daktylen sehen

Ich kann Kreuzreime paaren, Blankverse haben bei mir stets einen gut, denn ich mag ihren Namen

Balladen, Sonette, Haikus und Dada sind viel eleganter und geiler als Prada

Und Stabreim ist Stabreim, bis in mein Grab rein sind Binnenreime viel geiler als keine

EKW099 Schnaps trinken

TL;DR Ich würde Schnaps trinken, würd ich dann nicht abstinken. Neurolog_innen würden wohl abwinken. Nervenisolation im Arsch! Ich würde krass hinken, MRT – bling! – es würde krass blinken und das Insurance Rating würde auch sinken. Darauf eine Kiste Beck’s auf Ex!

Hi, Matthias hier. Schnapszahl! Folge 99 des Koffer-Wörter-Podcasts und das am 11. des Monats! Ja, Pustekuchen. Ist schon wieder der 12. also nach Mitternacht. Wie man die einzigartige Gelegenheit einer Doppelschnapszahl so amateurhaft versauen kann, bleibt mein ganz persönliches Geheimnis. Na gut, immerhin, 99, da ist ja schon fast ein wenig Zeit, um Bilanz zu ziehen. Aber weißt du was? Lass uns das doch morgen machen und heute einfach nur ein bisschen Spaß haben. Ich hab momentan ja immer viel Spaß beim Rumbasteln mit Musik und ich habe so eine ganz vage Ahnung, dass ich diesen Spaß recht exklusiv habe. Immerhin wird das hier als Reimdingsipodcast verkauft und nicht als Musikfrickelpodcast. Aber ich dachte mir, so als ganz allererste vorgezogene Zwischenbilanz vor der gloriosen Folge Einhundert, die ich mir morgen irgendwie aus den Fingern saugen muss, ist vielleicht ein wenig Musik ganz passend. Und zur Feier des Tages trinke ich jetzt eine Cola. Tschüß.

Schnaps trinken

Neunundneunzig kleine Koffer hocken mittelkrass besoffen auf der Hutablage, und ich frage mich seit Jahren, warum ich nicht auch mal Hut trage, denn so ist die Sachlage, ich bin alt und sollte eher’n Buch haben, wo ich heftig absahne,
doch solang ich Wörter falsch verwende, meine Zeit im trauten Heim mit Reim verschwende, ohne Ende feiste Reimdingsi-Bände in die Welt versende, gibt es nichts, was meine Hände fassen, das ich einfach mal aus Spaß verprassen kann, auch ohne mich zu hassen, kann ich es nicht einfach auch mal lassen, Mann?

Ich habe Folgen über Küsse und natürlich das Bedürfnis des Geküsst-werden-müssens, über dumme Nüsse und was ich an ihnen nicht vermisse gemacht, habe Licht ins Dunkel, Dunkelheit ins Licht gebracht, hab mich lustig über Lust gemacht, hab Euch ausgelacht, bis Ihr aufgewacht seid, mir was ausgedacht, was Euch aufgebracht hat und ich hätte nicht gedacht, dass mir das Spaß gemacht haben könnte, hat’s auch nicht, ich hab’s für Euch gemacht und nach neunundneunzig Episoden nachgedacht.

Ich würde Schnaps trinken, würd ich dann nicht abstinken
Neurolog_innen würden wohl abwinken
Nervenisolation im Arsch! Ich würde krass hinken
MRT – Bling! – Es würde krass blinken
Und das Insurance Rating würde auch sinken
Darauf eine Kiste Beck’s auf Ex!

EKW098 Whateverest

TL;DR Betäubung ist die Zwillingsschwester der Schuld oder besser gesagt des Schuldgefühls, und wenn ich gerade niemand Konkreten finde, dem/der gegenüber ich mich mit Betäubung schuldig mache, dann muss eben das eigene Spiegelbild herhalten.

Hi, Matthias hier. Womit betäubst Du Dich eigentlich so im Laufes Deines Tages? Wenn Du sagst: Gar nicht, dann glaube ich das nicht und ich würde Dich bitten, noch mal ein bisschen intensiver nachzudenken. Hier wirst du bei genauerem Nachdenken aber schon auf das kniffelige Problem stoßen, dass Du ja gar nicht wissen kannst, was ich mit „Betäubung“ eigentlich meine. Denn ja, ich nehme Dir gerne ab, dass Du nicht ständig unter einer betäubenden Medikation stehst und ja, rein statistisch ist es recht wahrscheinlich, dass Du kein_e Alkoholiker_in bist oder betäubungsmittelabhängig. Aber Du wirst wahrscheinlich auch das Gefühl oder die Motivation kennen, sich zum Beispiel mit Netflix, Dudelradio oder Podcasts zu betäuben. Man kann sich auch mit Nachrichten oder Onlineshoppen betäuben oder mit Renovierungsplänen für die eigene Wohnung. Jetzt sind schon wieder einige Sätze durch den Äther geflossen, aber ich habe immer noch meine eigene Frage nicht beantwortet: Was bedeutet das denn eigentlich: Betäuben? Für mich ist „Betäuben“ das, was ich tue, um das Leben kurzfristig erträglich zu machen in Differenz zu dem, was ich tun könnte, um mit dem eigenen Leben irgendwie zufrieden zu sein. Du merkst schon, der Gedanke atmet eine recht ungesunde Mischung aus preußischer Arbeitsethik und etwas schwurbeligem Existenzialismus. Da schwingt viel „Gesolltes“ und „Gewolltes“ mit, und ziemlich viel Eso, wenn ich das mal so sagen darf, man könnte schnell auch an Michael Endes Auryn-Amulett in der Unendlichen Geschichte denken, auf das der Satz „Tu, was du willst“ geprägt wurde, der, wie der Protagonist im Laufe des Buches lernen wird, „Tu, was du wirklich willst“ bedeutet, und selbst wenn’s dann eben bisschen flach und eso ist, wäre es vielleicht nicht so falsch zu sagen, dass Betäubung alles ist, was zwischen „Tu, was du willst“ und „Tu, was du wirklich willst“ geschieht. Es ist zumindest in meinem Leben so, dass dieses „Tu, was du wirklich willst“ mit überraschend wenig Kurzfrist-Gratifikation (wie’s eine Psychologin nennen würde) zu tun hat und überraschend viel Arbeit bedeutet. Und, ganz wichtig: Es gibt keinerlei Automatismus, dass viel und stetige Arbeit daran zu tun, was man wirklich will, auch wirklich zu höherer Zufriedenheit führt oder dass ich überhaupt in der Lage bin zu erkennen, was zum Teufel ich denn wirklich tun will!

Auf der anderen Seite ist das Binge-Watchen aller sieben Staffeln von Star Trek Deep Space Nine nach meiner Definition ziemlich sicher eine Betäubung, aber es ist eben auch eine grundsolide Serie, bei der man Grinsen, Mitfiebern, Heulen und mit den Augen rollen kann und das klingt doch erst mal gar nicht so verkehrt… Also, was denn jetzt? Und geben wir’s doch zu: Wenn ich auf dem Weg zur Arbeit im ÖPNV in die leeren Gesichter der Mitmenschen schaue, hab ich verdammt selten das Gefühl, sie hätten ein wenig Betäubung nicht verdammt nötig. Hilft nur alles nix, aber in meiner mit „Sollten“ und „Müssten“ vollgestopften Gehirnwelt ist Betäubung die Zwillingsschwester der „Schuld“ oder besser gesagt des Schuldgefühls, und wenn ich gerade niemand Konkreten finde, dem/der gegenüber ich mich mit Betäubung schuldig mache, dann muss eben das eigene Spiegelbild herhalten. „Spieglein, Spieglein, an der Wand, wer führt das sinnvollste Slash zufriedenste Slash betäubungsfreiste Leben im ganzen Land?“ Und der Spiel zuckt mit den Schultern und sagt nur: „Was weiß ich, aber du bist es ganz bestimmt nicht!“ Und dann gibt es nur drei Möglichkeiten:
Erstens: Du fragst den Spiegel nicht mehr, weilS‘ Dir egal ist.
Zweitens: Du sorgst dafür, dass er ein bisschen länger grübelt, indem du dein Leben etwas vorzeigbarer gestaltest, oder
Drittens: Du tötest alle anderen und Der Spiegel sagt nur noch: „Dääääää…!“

Du wirst Dir vielleicht denken, dass Alternative Nummer drei eher ausfällt, aber es ist schon überraschend, wie viele Typen im Laufe der Weltgeschichte diese Lösung gewählt haben, auch wenn sie mit ähnlich viel Arbeit verbunden ist, wie Alternative 2 und häufig mit dem eigenen Tod endet. Ich korrigiere: Immer mit dem Tod endet. Weil alle anderen Methoden übrigens auch, aber wir lassen Nihilistische Argumentationen in diesem Fall besser mal außen vor, sonst bekommt der Knoten in meinem Kopf die Form eines Auyrn-Amuletts und das wird mir dann deutlich zuuuu eso. Puh. Das war jetzt schon sehr viel Text und sehr wenig Reimgedingse und dabei wollte ich eigentlich noch loswerden, dass auch der so genannte Satanist Aleister Crowley „Tu was du willst“ als Leitspruch hatte, ach guck siehste, schon geschafft, aber es würde an dieser Stelle etwas zu weit führen zu erklären, warum er trotzdem ein Idiot ist, wenn auch ein schlauer. Und jetzt? Was reimt oder dichtet oder whatevert man denn da, um das Thema zu einem irgendwie sinnvollen Abschluss zu bringen? Ich wüsste es zwar, verrats Dir aber nicht, lieber Koffer, weil ich in meinem letzten Satz gerade ein so schönes Wort entdeckt habe, dass ich lieber darüber reimdingsen möchte. Tschüß.

Whateverest

Es weht ein Wind scharf aus Südwest
Am Gipfel des Whateverest
Den kriegt auch Christian ins Gesicht
Als er zu seinem Kumpel spricht:
Gleich sind wir oben, das ist fein
Allein für mich, denn ich will kein‘
Den später man im Guinness-Buch
Auf einem Gipfelfoto sucht
Da soll’n nur ich und Petra stehn
(Die Petra ist sein Yak. Und schön).
Dann schupst er seinen Kumpel runter
Vom Whateverest, der Hund, der!
Und ein Christian-Selfie später
Vor dem Gipfel, fängt das Klettern
Hoch zum letzten Gipfel an
Petra yakt dann aber stramm
An den Trensen bis der Christian
Runter in ’nen Gletscher fällt, Mann!
Und und so kommt es, dass der Berg
Von allen Menschen unbemerkt
Allein von einem Yak bestiegen
Wird, das, sollte man es kriegen
Höchstwahrscheinlich nie gesteht
Wie’s am Whateverest zugeht.

EKW097 Im Märzen der Bauer

TL;DR Aufgeweckte Schnecken stecken häufig ihren Schneckenstecken in die nächste Schnecke rein. Auch das kann wahre Liebe sein.

Im Märzen der Bauer
Die Sauen umbringt
Denn siehe, die hatten ihn sauber umringt
Und wollten ihn zwingen, die Ferkel zu hol’n
Nur war’n die geschlachtet, da war nix zu woll’n
Da floh unser Bauer hoch auf seinen Wagen
Und ließ von dort oben die Sauen erschlagen

Hi, Matthias hier und ich möchte Euch auch heute wieder an meinen herrlich skurrilen Alltagsbeobachtungen teilhaben lassen.

Zum Beispiel:
Mir ist ein Kochlöffel abgebrochen.
Es hat heute geschneit.
Ich bin den ganzen Tag schon sehr müde.

Herrlich verrückt, nicht wahr? Was soll man machen, wenn da das Leben nur so tobt und man bloß hineingreifen muss in das Potpourri der Skurrilitäten und alle nur so: Wow, was für ein Teufelskerl, was für ein Leben. Gestern gerade wieder: Der Rewe-Mann war da und hatte keine Paprika, zumindest nicht die vorbestellen gelben, was war das ein Hallo im Treppenhaus, „Es gibt nur rote? Ich rast aus?!“ Die liebe Frau schaut mich abends immer nur ungläubig an, wenn ich ihr von meinem Tag erzähle, ich wolle ihr wohl einen riesengroßen Bären aufbinden. Ja, sag ich dann zu ihr, die Sache mit dem Bären, das war noch mal eine ganz eigene Geschichte, die ging nämlich so:

Es hat sich letztens mal ein Bär
Bei mir verirrt, ist schon war her,
Das war, als man noch ohne Maske
Durch die die vollen Straßen raste
Und da macht es plötzlich „Brumm!“
Und rumms, reißt mich ein Braunbär um
Nicht weil er mich als Beute reißen,
Und alsbald verspeisen wollte,
Sondern weil ein viel gesuchter
Bär wie er, klar, auf der Flucht war
Da man seinesgleichen grollte
Als ich mich dann aufgerappelt
Seh ich, dass der Petz noch zappelt
Weil er selbst in einem Zaune
Hängt, der rings an einem Baume
Leidlich gut befestigt hing
Nur jetzt mit einer Tatze drin
Da sag ich „Lieber Meister Petz,
Das kommt davon, wenn man so hetzt!
Würdst Du gemessnen Schrittes schreiten
Würd das hier kein Leid bereiten!“
Sagt der Bär: „Dass ich Dich treffe,
Trifft sich gut, ich sag’s Dir, Cheffe,
Denn ich bin ein so genannter
Reimbär, der, kommt er gerannt, er-
Staunlich oft von einem Reimer
Eingebaut wird. Und nach meiner
Kenntnis bist du auch so einer.“

Ja, auch sowas ist der Definition nach ein Reimdingsi, wenn auch kein besonders gutes. Befriedigend Minus bestenfalls. Aber auch das ist das pralle Leben: Manchmal kickt der fehlende Alkohol so richtig und dann reicht es zum Schluss nur noch für einen lauwarmen Vierzeiler und das noch lauwärmere Versprechen, dass morgen alles besser wird. Ey. Ischwör. Tschüß.

Abends hat der Lampen-Mann
Die Lampen an.
Nur leider geh’n ihm dann zuhaus,
Bei seiner Maus die Lampen aus

Okay, geht das nicht wenigstens noch’n bisschen besser?

Kommt, wir gehen Igel striegeln
Die sich nachts im Tiegel spiegeln
Obacht, wenn die Igel lallen
Könnten sie ins Wasser fallen

Nein, es geht nicht besser:

Aufgeweckte Schnecken stecken
Häufig ihren Schneckenstecken
In die nächste Schnecke rein
Auch das kann wahre Liebe sein

EKW096 Theorie der modernen Lyrik

TL;DR Heute ist, bzw. war Weltfrauentag. Und darum gibt’s von mir heute keinen Rausschmeißer zum Schluss, sondern ich überlasse das letzte Wort einer der größten deutschsprachigen Dichterinnen des 20. Jahrhunderts, Else Lasker-Schüler. Das Gedicht heißt „An Gott“ und stammt aus dem Buch „Meine Wunder“ von 1911

Da sitzt ein Kerl, erwachsen, in der Stube, zieht sich probeweise Verse an, so’n bisschen wie bei H&M in der Garderobe, an- und wieder abgelegt, kurz an- dann wieder abgeregt, säh man in seinen Kopf hinein, er könnte 13 – Überschaum aus allen Poren tropfend – sein, dem überhaupt kein Reim zu peinlich oder klein sein kann, denn irgendwann, da hat sein Ich beschlossen, nicht oder nur wenig überzeugend vor sich hin zu reifen, kneift vor allen längstgestreiften Zeichen seines Fertigseins, und albert atemlos in Eins durch Kleines oder Großes.

Statt, wie alle ander’n einen Dachstuhl auszubauen oder cool mit flacher Hand das eine oder and’re Kind zu hauen, weil es den Leander aus der ander’n Klasse plattgemacht hat, achtet er nicht drauf, ob seine Kinder Klassenkonferenz in Quarantänezeiten schwänzen, weil er Verse sucht und Sätze, die er noch ergänzen muss, mit Wucht verflucht

Und zwischendurch Verzweiflungsmärsche durch das Sonnenlicht, weil der Exkurs zumindest kurz verspricht, dass alles knorke wird und sich zum Guten wendet, nicht nach kurzem Sturz zerbricht und unvollständig endet.

Hi, Matthias hier, ich habe mich aus Gründen im Laufe des Tage mit der Theorie der modernen Lyrik beschäftigt. Es gibt dazu ein hervorragendes Buch, genauer gesagt ein zweibändiges Werk, herausgegeben von Walter Höllerer und es ist die Leistung dieses Autors, dass er in seinem Werk „Theorie der modernen Lyrik“ ausschließlich Reimdingsi-Schmiede selbst und nicht etwa Literaturwissenschaftler_innen zu Worte kommen ließ, denn erstere pflegen zumeist eine Sprache oder Themenauswahl, die anderen Reimdingsi-Schmied_innen bei ihrem täglichen Struggle durchaus helfen kann, während zweitere einfach nur sehr komische Leute sind. Jetzt ist dieses Buch von Walter Höllerer schon was älter, selbst die von Norbert Miller und Harald Hartung herausgegebene Neuauflage von 2003 ist schon reichlich angestaubt, aber trotzdem stehen viele wahre und wichtige Dinge drin, auch wenn ich mir deutlich mehr Beiträge weiblicher Autorinnen wünschen würde. Aber: Isso, bleiben wir Pillermannträger heute also weitgehend unter uns. JEDENFALLS: Es gibt darin einen sehr schönen Text von Gottfried Benn, aus dem ich kurz zitieren möchte, einfach, um zu zeigen, wie altmodisch eigentlich unsere (und auch meine) Themenwahl in den Reimdingsis ist, denn Gottfried Benn ist jetzt ja auch nicht mehr so ganz taufrisch, sag ich mal. Er schreibt (und ich kürze jetzt an der einen oder anderen Stelle „Wenn Sie am Sonntag Ihre Zeitung aufschlagen, finden Sie in einer Beilage meistens (…) ein Gedicht. Es ist meistens kein langes Gedicht, und sein Thema nimmt die Fragen der Jahreszeit auf, im Herbst werden die Novembernebel in die Verse verwoben, im Frühling die Krokusse als Bringer des Lichts begrüßt, im Sommer die mohndurchschossene Wiese im Nacken besungen, zur Zeit der kirchlichen Feste werden Motive des Ritus und der Legende in Reimen gebracht (…). Ich gehe hiervon aus, weil dieser Vorgang einen Hintergrund hat, die Öffentlichkeit lebt nämlich vielfach der Meinung: da ist eine Heidelandschaft oder ein Sonnenuntergang, und da steht ein junger Mann oder ein Fräulein, hat eine melancholische Stimmung, und nun entsteht ein Gedicht. Nein, so entsteht kein Gedicht. Ein Gedicht entsteht überhaupt sehr selten – ein Gedicht wird gemacht. Wenn Sie vom Gereimten das Stimmungsmäßige abziehen, was dann übrigbleibt, wenn dann noch etwas übrigbleibt, das ist dann vielleicht ein Gedicht.“

Ich finde, das ist ein sehr gutes Zitat, und vor allem ist es schon 70 Jahre alt und trotzdem müssen wir uns noch immer mit Novembernebeln und Krokussen herumschlagen, müsst ihr, liebe Koffer, Euch von mir Krokusse und Novembernebel anhören. Ja, seid Ihr denn bescheuert? Moment, werdet Ihr sagen, aber das ist ja immer irgendwie ironisch gebrochen. Stimmt, isso, aber trotzdem: Fortschritt geht irgendwie anders, oder? Ich will hier jetzt nicht dazu aufrufen, diesen Podcast zu de-abonnieren, denn das hab ich schon ein paar mal zu viel getan und inzwischen könnte ich den verbleibenden Hörenden die Folgen besser per Mail zuschicken, das wäre vom Kostenaufwand günstiger, aber man könnte ja einfach mal versuchen, nicht noch die siebte Ironieschleife zu drehen sondern einfach mal über die Dinge zu reimdingsen, die wirklich neu sind. Mit zeitgemäßen lyrischen Mitteln. Das Problem ist nur: Was soll das denn sein? Quantenphysik? Polyamorie? Völkermord? Gab’s zu Benns Zeiten auch schon. Wenn wir ehrlich sind, haben wir das Reimdingsi-Game schon mehrfach durchgespielt. Besonders wir weißen Pillermannträger haben so viele tote Bäume damit gepflastert, das sollte eigentlich für die nächsten paar hundert Jahre reichen. Nur, jetzt kommt’s: Was, wenn wir nix anderes können, oder noch schlimmer, in dem, was andere schon vor 100 Jahren zur Vollendung gebracht haben, so mittelmäßig sind, dass wir ganz persönlich sogar noch Fortschritte machen können? PP. Persönliches Pech, sag ich mal. Und Du, lieber Koffer, liebe Kofferöse, lies Dir doch vielleicht mal Reimdingsis von Nicht-Pillermannträgern durch. Heute ist, bzw. war Weltfrauentag. Und darum gibt’s von mir heute keinen Rausschmeißer zum Schluss, sondern ich überlasse das letzte Wort einer der größten deutschsprachigen Dichterinnen des 20. Jahrhunderts, Else Lasker-Schüler. Das Gedicht heißt „An Gott“ und stammt aus dem Buch „Meine Wunder“ von 1911. Tschüss.

An Gott

Du wehrst den guten und den bösen Sternen nicht;
All ihre Launen strömen.
In meiner Stirne schmerzt die Furche,
Die tiefe Krone mit dem düsteren Licht.

Und meine Welt ist still –
Du wehrtest meiner Laune nicht.
Gott, wo bist du?

Ich möchte nah an deinem Herzen lauschen,
Mit deiner fernsten Nähe mich vertauschen,
Wenn goldverklärt in deinem Reich
Aus tausendseligem Licht
Alle die guten und die bösen Brunnen rauschen.

EKW095 Kleine Sonne

TL;DR Hey, kleine Sonne, voll geil, dass du scheinst, weil, ich mein, dein Gescheine macht, dass ich was reim. Wenn dein Schein mir lacht, mach ich ein Reinmdinsgsi, hach, das ist leicht, deine Pracht ist eine eisenharte Macht!

Hi, Matthias hier! War Hammer draußen heute, oder? Sonne und so. War leider bisschen müde und hab den halben Tag verschlafen, aber das dolle an diesem Reimdingsimachen ist ja, dass man sich die Dinge einfach ausdenken kann. Und: Schubbeldidubs, hatte ich einen herrlichen Frühlingstag. Gehirne, oder? Mega-nice! Tschüß!

Hey, kleine Sonne

Hey hey hey hey
Hey, hey, hey, hey, kleine Sonne
Hast Du Zeit? Bist du frei für Zeit zu zweit?
Kleine Sonne, großes Licht
Keine Sorge, musst du nicht
Hey, hey, hey, hey
Hey, hey, hey, hey, kleine Sonne, voll geil, dass du scheinst, weil, ich mein, dein Gescheine macht, dass ich was reim, wenn dein Schein mir lacht, mach ich ein Reinmdinsgsi, hach, das ist leicht, deine Pracht ist eine eisenharte Macht, sie paart Serotonine mit Vitamin D, zur Belohnung gibts Hormone und ein Spritzer Harmonie und alle alten Schranzen lassen Diskrepanzen falln und Polizisten tanzen statt uns anzuranzen, es gibt lecker Eis direkt vom Italiener, nicht TK außem REWE und das ist viel schöner, weil die Leute in der Schlange warten immer hammerlange, aber keiner ist mehr Bange, dass der Winter noch mal anfangen wird, und wenn doch, keiner stört sich daran, alle blinzeln in die Sonne, denken ‚Scheiß drauf, Mann!“ denn wenn Meteorologen uns belogen und betrogen haben, stürmen wir den Eiswagen, lassen uns nicht sagen, dass wir wieder in den Buden hocken und Konsole zocken solln‘ wir wollen keine Flocken, wir woll’n fette Oster-Glocken

Hey, hey, hey, hey
Hey, hey, hey, hey
Hey, hey, hey, hey, kleine Sonne, voll geil dass du scheinst, und das Eis in der Regentonne schmilzt auch feist und es bleibt noch ein Stück vom Glück zurück, krass, und ich drück alle Daumen, dass ich das auch blick‘, denn so dreist wie alle ander’n meist die Schneise unterwandern, die man Meise nennen oder einfach scheiße finden kann, ist es schwer für mich, kleine Sonne, dich, und deine Strahlen zu genießen, weil sie Blumen sprießen lassen und mit Wärme übergießen alle kalten, kahlen Stellen, alle doofen alten Dellen die wo stadt-rattendämlich aus den Gullideckeln quellen. Ich will einfach nur Wärme, Vogellärm und gerne jede Menge mega-bunter Schmetterlingsschwärme. Denn nur Summen und Brummen lässt auch den letzten verstummen, der nach Herbst oder Winter schreit, weil ihn der Neid treibt, das, kleine Sonne, ist ein Issue, das eh bleibt, dass egal, was du kleine Sonne uns auch schenken tust, dass es immer Dummies gibt, die trotzdem denken tun, das sei nicht genug, kleine Sonne, ich rat’s dir, hör nicht auf sie, du bist Hammer, ich sag’s dir.

Hey, hey, hey, hey
Hey, hey, hey, hey
Hey, hey, hey, hey, kleine Sonne, voll geil dass du scheinst, weil, egal, was ich sage, du bist da und wenn du meinst, dass mit Frühling was geht, dann hau rein, denn es steht nicht geschrieben, dass du warten musst darauf dass ich was seh, lass die Knospen einfach krachen und ihr Knopsending machen, lass die Weidenkätzchen lachen und sie Katzensachen machen, es ist geil, dass du knallst und bis der letzte Affe schnallt, dass jetzt der Winter in der Hinterhand nur irgendwelche Kinder hat, die Schlitten fahr’n wolln, dann lass sie halt hart schmoll’n, ich freu mich, dass du da bist, du bist geiler als Christstoll’n

EKW094 Wie sie

TL;DR Und wer mitreißt, so wie sie, verströmt, statt tausend Tränen, tausend helle Töne.

Hi, Matthias hier, Euer werktäglicher Blödelbarde von der Reimdingsifront. Und wie das eben so ist an dieser Front, da gibts manchmal blitzartige Landgewinne und manchmal Stellungskrieg und weil ich Kriegsmetaphern sehr, sehr, sehr dämlich finde, sag ich einfach wie es ist:

Heute red ich keinen Scheiß,
Weil ich kein‘ Scheiß zu reimen weiß
Dafür hab ich was ganz Kleines
Und, guess what, ich glaub, ich mein es
Sogar ernst, so ernst ich kann,
Schaun wa mal, ob’s klappt. Bis dann!

Wie sie

Wie sie in ausgesuchter Zeit
In hemmungsloser Redlichkeit
Die Nächte überwindet
Und am Tag
An dem sie lebt, nicht Stunden schindet
Selbst den Morgen mag
Mit seinen Bitterstoffen
Denen sie ein Nippen gönnt
Nicht mehr…
Statt dass sie frustbesoffen
Hin und her
Durch Stunden rennt
Und, statt zu spalten, stets verbindet

Wie sie mit wohlgesetzten Schritten
Grenzen überschreitet
Lachend Möglichkeit verbreitet
Wo die Anderen nur stritten
Und inmitten von Erstarrung
Chaos stiftet
Und Verwirrung mit „Das ist gewollt!“ beschriftet
Überall, mit bunten Stiften

Wie sie statt Zielen tausend neue Listen hat
Die wie Gedichte klingen
Weil sie, bis zu einem Grad
Wo kleinkarierte Könige regier’n,
Auch stimmen
Und das Schulterzucken zur Vollendung bringt
Wenn denn am Ende nur der Ausgang stimmt
Und dabei gerne alles neu entworfen sieht
Solang es nur genau, wie sie es meint, geschieht

Wie sie mit zäher Eleganz
Die Schönheit sieht
Und einen Sinn, auch wenn er wacker flieht,
Vom Grund des tiefsten Ozeans
Der Torheit hoch auf ihre Seite zieht
Und mit der Hoheit ihrer Lebensgier
Ein Ehrenmal des Lebens meißelt
Das sie dann, nach fünf Minuten oder so,
In Grund und Boden lacht, und wo
Gelacht wird fallen Pläne,
Und wer mitreißt,
So wie sie, verströmt statt tausend Tränen
Tausend helle Töne

EKW093 Igelpenisse

TL;DR Frühling lässt ja sein blaues Band undsoweiter, und da flog mir heute im Rahmen wichtiger Internetrecherchen das Foto eines kleinen, sein Geschlecht präsentierenden Igels über den Bildschirm.

Es kam ein geschniegelter Igel
Zu Ingo und zeigt‘ seinen Schniedel
Und Ingo, der stierte
Wie traumatisiert
Doch er wirkte im Ganzen zufrieden

Hi, Matthias hier. Let’s talk Igelpenisse, shall we? Frühling lässt ja sein blaues Band undsoweiter und da flog mir heute im Rahmen wichtiger Internetrecherchen das Foto eines kleinen, sein Geschlecht präsentierenden Igels über den Bildschirm. Nun, er war klein, ohne Frage, und ganz rosa. Und das Igelchen guckte ganz grimmig in die Kamera, als er da so auf dem Rücken liegend zum Star tierpornographischer Aufnahmen wurde. Nun besitzen Tiere im Allgemeinem und Igel im Besonderen überraschend wenig Persönlichkeitsrechte und daher konnte das Tier – außer grimmig zu gucken – auch recht wenig gegen den voyeuristischen Akt unternehmen, der da an ihm vollzogen wurde. Auch die Stacheln, das ist mein Takeaway aus diesem Foto, scheinen eigentlich eher dekorativer Natur zu sein, denn immerhin lag der Igel mit dem stacheligen Rücken zuunterst direkt auf der nackten Handfläche eines menschlichen Präsentators. Alles in allem, das muss ich allerdings zugeben, ist das beschriebene Igelfoto ausnehmend knuffig und daher verlinke ich es trotz potentiell persönlichkeitsrechtlicher Problematik und eventueller Jugenschutzrelevanz in den Shownotes (Und zwar genau hier: https://heavenlyhedgies.com/wp-content/uploads/2019/04/Zeke-male-hedgehog-3_cropped.jpg).

Die Nachbarin

Ich habe eine Nachbarin
Die wohnt bei mir im Haus mit drin
Woraus Du Fuchs wohl sogar ohne
Kontext weißt, wie ich so wohne
Wär’s ein Einfamilienheim
Passt keine Nachbarin mehr rein
Das heißt, sie passte, nur dann hieß sie
Mitbewohnerin, ich ließ sie
Wohl womöglich in ’nem Zimmer
Unterm Dach die Nacht verbringen
Oder sie wär Lebensparter-
In, doch gäb das wohl Theater
Würd ich sie mit Nachbarin
Bezeichnen. Nicht dran denken. Schlimm.
Und ja, ich weiß, ein Doppelhaus
Pass ebenfalls, in dem wir aus
Getrennten Hälften morgens steten
Schritts heraus zum Carport treten.
Aber nein, in diesem Falle
Wohn‘ wir mit noch and’ren alle
Separat in Wohnungen
In ein- demselben Hause drin

Doch wie auch immer, diese Dame,
Die im Haus ich wohnen habe
Hat mir letztens mal im Flur
Wo ich sie ansprach, einfach nur
Ein „Komm zum Punkt!“ ins Angesicht
Geschrien. Warum? Ich weiß es nicht.

Leider besteht die Welt nicht nur aus Klamauk und Igelpenissen. Machmal musst auch du, lieber Koffer, musst auch du, liebe liebliche Lieblingsreisetasche die harte Realität namens „Zeitökonomie“ facen, wie man so schön sagt. Und diese Zeitökonomie, let’s face it, die sagt mir, dass die heutige Episode zwar unterdurchschnittlich lang bzw. überdurchschnittlich kurz ist, dass ich aber, wenn ich jetzt noch einen seelenlosen Vierzeiler dranhänge, den Normerwartungen an einen Durchschnittsreimdingsipodcast absolut entsprochen habe und damit mein Tagwerk für heute beschließen kann. Also: Tschüß.

Ich Sachen ‚Stacheln‘ kann es sein
Dass Igel oder Stachelschwein
Gar harte Konkurrenz erwächst
Wenn Du Dein Weib ins Dickicht hetzt

EKW092 Feuerkind

TLDR; Feuerkind, hast in Flammen gestanden, sie brannten bis sie irgendwann dann viel zu schnell /
Erloschen sind, hast auf Regeln geschissen, weil du sicher warst zu wissen dass sie einfach nur/
Bescheuert sind/
Feuerkind/
Ruhe deiner Asche/
2 Kubikmeter Dreck/

Hi, Matthias hier. Bin ein bisschen spät dran heute. Kommt davon, wenn man über Dinge schreibt, die persönlich sind und dann nicht funktionieren. Whatever. Muss Du durch, und die nächste Folge wird dann wieder lustig. Juchhe! Ciao.

Feuerkind

11 Grad in der Sonne,
Im Schatten der Linden kannst du Matten von Krokussen finden

11 Grad und die Bussarde paaren sich im Himmel wie schon immer, seit Millionen von Jahren

11 Grad und die Schreie der Vögel hallen weit übers Feld und waldige Hügel

11 Grad, nur am Friedhof im Wald, liegt noch Schnee und die Gräber sind kalt

11 Grad und ich sehe dich vor mir, wie du grinst, wenn du ein paar alte Böller explodiern

Lässt, 11 Grad, immer Nerd, immer Spiel mit dem Feuer, like what?!, einfach unerhört

11 Grad, viel zu warm, für den knöchellangen Mantel, ob du den wohl zuletzt noch getragen hast?

11 Grad, viel zu kalt, um zu brennen, deinen Geist zu erkennen den nur Feuer entflammt hat

11 Grad, 2 Kubikmeter Dreck zwischen mir und dir und das Feuer ist weg

Feuerkind, hast in Flammen gestanden, sie brannten bis sie irgendwann dann viel zu schnell

Erloschen sind, hast auf Regeln geschissen, weil du sicher warst zu wissen dass sie einfach nur

Bescheuert sind
Feuerkind
Ruhe deiner Asche
2 Kubikmeter Dreck
Brauchen ewig
Bis sie
Verfeuert sind

2 Grad, alle Wolken verzogen, doch es Leichtigkeit zu nenn‘ wär gelogen

2 Grad, Sterne schieben Extraschicht, doch das Licht erreicht uns nicht

2 Grad, und am Friedhof im Wald, liegt noch Schnee und die Gräber sind kalt

2 Grad hinterm Haus, Zigaretten, einer holt das alte Foto von dir raus

2 Grad, alte Stories fliegen, einer stolpert, lässt ein Clausthaler liegen

2 Grad, irgendwo schreit’n Kind, einer flucht und rennt, weil wir ja glücklich sind

2 Grad, Mehrfamilienhausiedlung, ‚Ist schon zehn? Mann! Verabschiedung

2 Grad, eine Ewigkeit nichts gehört und dann – Bamm! – stoppt die Zeit

2 Grad, alle friern, keiner lacht doch es findet sich keiner, der Feuer macht

Feuerkind, hast in Flammen gestanden, sie brannten bis sie irgendwann dann viel zu schnell

Erloschen sind, hast auf Regeln geschissen, weil du sicher warst zu wissen dass sie einfach nur

Bescheuert sind
Feuerkind
Ruhe deiner Asche
2 Kubikmeter Dreck

Nichts ist gut
Und alles lodert
Du hast es angezündet
Bevor’s vermodert
Du hast es angezündet
Und duckst dich jetzt weg
Hinter 2 Kubikmetern Dreck

Feuerkind, du hast in Flammen gestanden, und sie brannten bis sie irgendwann dann viel zu schnell

Erloschen sind, hast auf Regeln geschissen, weil du sicher warst zu wissen dass sie einfach nur

Bescheuert sind
Feuerkind
Ruhe deiner Asche
2 Kubikmeter Dreck
Brauchen ewig bis sie
Verfeuert sind

EKW091 Baum und Blatt

TL;DR „Er gehörte zu den Malern, die Blätter besser malen als Bäume“. Aber dennoch wurde aus „einem Blatt, das im Winde wehte (…) ein Baum; und der Baum wuchs , er strecke unzählige Äste aus und bekam ganz phantastische Wurzeln…“

Es fand ein Poet aus Hannover
Kein‘ Reim auf die Heimat, was doof war,
Drum dichtete er
Meist über das Meer
Weil’s reimlich viel leichterer Stoff war

Hi, Matthias hier. Ja, so hab ich auch mit dem Kopf geschüttelt, als ich den EingangsLimerick zum ersten Mal laut vorgelesen habe. Aber schließlich gibt’s einen Grund, warum ich die Dinger Reimdingsis nenne und nicht Poeme oder so. Als Alltagspoet musst du wirklich sehr gut sein oder opportunistisch und nach 90 Folgen Koffer-Wörter-Podcast kann ich ruhigen Gewissens sagen: Ich habe aus Gründen hart an meinem Opportunismus gearbeitet. Denn erstens bin ich nicht sehr gut, sondern nur gut. Und zweitens bin ich so verdammt faul und prokratinatorisch veranlagt, dass ich jeden Werktag kurz vor Mitternacht vor dem Dilemma stehe, jetzt noch mal richtig einen rauszuhauen oder einfach das Erstbeste ins Mikrofon zu rülpsen, was mir durch den Schädel geistert. Momentan zum Beispiel liegt ein Buch neben meiner Tastatur, das ich erst kürzlich wieder hervorgekramt habe, weil es ein paar bedenkenswerte Dinge über das Schaffen von Kunst enthält. Lasst uns also streng nach dem Motto „Einfach-das-Erstbeste-ins-Mirko-Rülpsen“ kurz mal darüber reden. Das Buch heißt „Baum und Blatt“ und stammt von J.R.R. Tolkien, dem Herrn-der-Ringe-Typen, der im Nebenjob aber auch Philologie-Prof. in Oxford war. Neben einem lesenswerten Aufsatz über „Märchen“, in dem es unter anderem um Phantasie und Imagination geht (für die verknöcherte Professorenschaft damals offenbar eher ein Reizthema) ist in diesem Buch auch die recht kurze Geschichte „Blatt von Tüftler“ – Leaf by Niggle – abgedruckt. Niggle ist ein Maler, aber einer von der vor sich hinfriemelnden Sorte. Mehr oder weniger sein ganzes Künstler-Leben lang malt Niggle an einem einzigen Baum, wobei er eigentlich, wenn man es ganz genau nimmt, nur einzelne Blätter malt. Tolkien schreibt „Er gehörte zu den Malern, die Blätter besser malen als Bäume“. Aber dennoch wurde aus „einem Blatt, das im Winde wehte (…) ein Baum; und der Baum wuchs , er strecke unzählige Äste aus und bekam ganz phantastische Wurzeln…“ Und man kann sich denken, wie die Geschichte weitergeht. Vögel besuchen den Baum, hinter dem Baum entwickelt sich eine Landschaft und nach und nach ist Niggle ganz und gar damit beschäftigt, dieses eine Bild immer mehr zu erweitern. Er vergisst seine anderen Bilder oder verwendet sie, um das eine große Bild zu erweitern. Dauernd wird er durch dämliche Alltagsdinge und insbesondere seinen nervigen Nachbarn aufgehalten und Niggle wird niemals fertig. Die Leute fangen an, über den komischen Kauz zu reden, man macht sich Sorgen, man beginnt, seine Nützlichkeit für die Gesellschaft in Frage zu stellen und Niggle selbst reibt sich vollständig zwischen seinem Baumprojekt, seinem Alltag und den gesellschaftlichen Zwängen auf. Interessant ist, dass Nigel nicht mal ein besonders guter Maler ist, nur für diese Sache mit den Blättern, da hat er ein Händchen und versucht stets, bei jedem Blatt „seien Form, seien Glanz und das Glitzern der Tautropfen an seinen Rändern einzufangen.“ Mich hat die Geschichte von Tüftler, wie er im Deutschen heißt, schon als Kind fasziniert. Denn na klar, auf die sprachliche Kunst übertragen, war Tüftler eher der Reimdingsi-Schmied als der Romancier, und doch entsteht schließlich ein in mehrfachem Sinne wunderbares Gesamtwerk. Was ich immer ganz besonders eindrucksvoll fand, war die Tatsache, dass Niggle trotz all seiner Schwierigkeiten und all seiner Verzweiflung, die er – auch selbstverschuldet – erleiden musste, niemals Opportunist geworden ist.

Baum und Blatt

Irgendwo hat eine Junta Gott gespielt
Und irgendwo ein Papst ein Pferd gesegnet
Irgendwo hat ein Minister auf das Kanzleramt geschielt
Und irgendwo hat’s auch bestimmt geregnet

Irgendwo hat ein Konzern den Aktienwert halbiert
Und irgendwo ein Arsch mit seinem Geld geprahlt
Irgendwo ist irgendwas Verbotenes passiert
Und Niggle hat an seinem Blatt gemalt

Irgendwo hat eine Frau kein Kind empfangen
Weil sie gerade lieber Star Trek sah
Und irgendwo, da hat sich einer aufgehangen
Weil er in Grammatik eine Niete war

Irgendwo hat ein Friseur eröffnet
Und die anderen Friseure haben ihn verklagt
Irgendwo hat jemand zu spät Stopp gesagt
Und Niggle hat an seinem Blatt gemalt

Und irgendwann, da haben sie gefunden
Dass der Niggle nicht zuhause hocken soll
Dass der Niggle viel zu viele Stunden
Viel zu wenig Pferde segnet, woll

Und haben ein Gesetz gemacht
Dass Niggle keine Blätter malen darf
Das hat den Niggle letztlich umgebracht
Denn Pferde segnen, das kann nur der Papst