EKW061 Kreative Dringlichkeiten

Dieses Mal gibt es eine ganz besondere (und ganz besonders lange) Folge, denn ich habe einen Gast. Den in Podcastland berühmten Kai aus dem Hobbykoch-Podcast, der Geschichtenkapsel, dem Trick17-Podcast sowie dem Zeitspeise-Podcast. Weiterhin erwähnt wird in dieser Folge der Podcast Roboter und Pilze von Timm Süss.

Und hier die Gedichte aus dieser Folge:

Es geht mir nicht gut – beim Prokrastinieren
Allein schon das Wort
Verschwendet viel Zeit

Man könnte stattdessen so Vieles Vollführen
Mit Tieren hantieren!
Und spart sich viel Leid

Es macht keinen Sinn, die Dinge zu schieben
Ist alles nur Scheiße
Mit Soße, ich weiß

Doch And’rerseits, lässt man die Dinge mal liegen
Erledigt sich’s häufig von Selbst
Wie man weiß

Schon klar, es gibt Risiken solchen Verhaltens
Die Faust einer Deadline schlägt
Mir in den Bauch

Doch so ist mein Leben, um mich zu entfalten
Tanz ich mit dem Teufel
Des Morgen-Reicht auch

Der Vierzeiler des Tages
Hat ein Gedicht der Zeilen vier,
ist nicht viel Platz für Sinn darin,
ihr seht, das ist die Dritte hier,
womit ich schon am Ende bin.

To Do List
Der Punkt ist kurz und sehr allein
Ist Leuchtturm, Arschgranate, Spielverderber unter allen Punkten
Ist verfickte Singularität
Ist immer Ende unter
Kant kapieren, Steuer, neuer Stecher
Fahrrad reparieren

Könnte Ansporn sein
Für Carpediemkitsch und Telefongespräche
Könnte Jetzterstrecht und Trotzdem sein
Und ist verfickte Singularität
Ist Stolperstein
Memento Ultimo am Supermarktregal
Beim Bioquark

Der Punkt ist kurz und ewig lang
Ist Lähmung, Grund genug für’s Fressen, Saufen
Netflixmarathon und Haareraufen
Ist verfickte Singularität
Ist Sterben. Hilft ja nix
Man ist ja Kind. Anruf bei Mutti
Ewigkeit beginnt.

EKW060 Marzipankartoffelverharmloser

Hi Matthias hier. Wollen wir vor dem ersten Reimdingsi mal kurz über das Jahr 2021 reden? Genauer: Über seine suboptimale Performance? Genau, als hättest Du die Wahl. Reden wir also: 2021 hat bisher nur mäßig abgeliefert, ich sage nur Aktien. Naja. Obwohl! Mein Portfolio hat in sehr okayem Maß an Wert zugelegt. Findest Du langweilig? Was genau wäre denn Deine Referenzkategorie? Die Corona-Pandemie? Die Musikcharts? Deine Mutter? Ich verrate Dir ein Geheimnis: Weil alles mit allem zusammenhängt und man sich ja irgendein Relevanzkriterium aussuchen muss, ist sowas wie der S&P500-Index – Klammer auf: Das ist was mit Aktien, Klammer zu – wahrscheinlich ein verdammt gutes. Keine Sau interessiert sich für Deine Mutter oder die Anzahl der Obdachlosen in Deinem Kaff – halt, stimmt nicht – nur sehr wenige Säue interessieren sich – aber selbst die wenigen Säue reagieren auf den Gemütszustand deiner Mutter und die Obdachlosen mit gewissen Konsum- oder Investitionsentscheidungen. Zigaretten, Kuscheldecken, Sicherheitsschlösser, Baseballschläger – such dir aus für wen du was gebrauchen kannst. Du kaufst oder kaufst nicht, amerikanische Konzerne verdienen Geld oder eben nicht und näher kommen wir dem Zustand der Welt im Jahr 2021 nicht. Wobei die Chinesen sagen würden, dass wir immer noch im Jahr der Ratte sind und das Jahr des Büffels erst irgendwann im Februar beginnt. Am elften, wenn Du’s ganz genau wissen willst. Das Jahr 2021 performt also nicht, sondern ist einfach nur kultureller Bulllshit, genauso wie das Jahr des Büffels oder dieser Podcast hier. Gucken wir dagegen auf den S&P 500, so ist er derzeit auf All-Time-Rekordhoch und das magst du irrelevant oder doof finden, aber das ist deine Mutter eben auch. Und jetzt zum ersten Reimdingsi.

Noch mal kurz zu Weihnachten

Geschenke sind schon weggeschmissen
Ärger oder Freude wichen längst dem Schatten
Neuer Sehnsucht die beschissen
Ähnlich schmeckt wie letztes Jahr
Als Leben zwischen all den Ratten
Auch schon unerträglich war

Wer jetzt allein ist, wird wohl Podcasthase werden
Oder mit dem Kopf im Ofen hängen unter lecken Herden
Im Galopp verkloppt von kecken Pferden

Neujahr kam wie dieser Typ im Fernsehen
Unvermeidlich wie das Wetter, das er macht
Grad regnet’s noch, er sagt Gewitter und es kracht
Der Oppa von der Leiter, was wir gern sehen

Leben ist kein Blumenstrauß, es ist wie Leben
Ganz egal, ob wir das Beste geben
Oder auch nur 10 Prozent, es geht vorbei
So wie das Jahr, der Oppa, sein Geschrei

Wenn du den Müll noch hast mit den Geschenken
Lauf schnell hin, um deine Hände zu versenken
Greif die Spatzen mit den Händen bis sie platzen
Denn die Tauben auf dem Dach
Sind ach
Nur schlecht getarnte Katzen

Was, liebe Kofferiche und Kofferösen, lernt uns das? Nicht viel, sagst Du vielleicht, und das täte mir leid, denn das spräche einzig und allein gegen Dich, der oder die du in diesem Fall nicht in der Lage wärst mit Phantasie und eigenen Gedanken auf den Schrott der anderen Ratten zu reagieren. Freu Dich doch, dass du nun endlich dazu kommst, in den alten Readers-Digest-Abo-Romanen der Großmutter zu schmöckern, bevor beide, Bücher und Großmutter, dem Feuer übergeben werden. Ich persönlich lerne aus Schrott so viel, dass ich einen Heidenrespekt davor bekomme, neuen Schrott dazuzustellen. Ich hab vor drei Monaten einen Podcast zum Thema Gegenwartsarchäologie gehört, da gings um Gartenzwerge und Bierdosen und Hörsaalgraffiti und ich erinnere mich, dass ich mir die Scheiße nicht anhören wollte, aber dann lief’s nun mal während ich auch lief und dann lies ich’s eben laufen und plötzlich merkte ich, wie relevant die Aufbewahrung und Untersuchung von Hörsaalgraffiti vielleicht sein könnte, schließlich gibt’s sowas gar nicht mehr und wer weiß, wie lange nicht, vielleicht nie mehr, und sowas darfst du ruhig mitbedenken, wenn Du demnächst das Scheißweihnachtsgeschenk von Omma wegschmeißt: Vielleicht war es ja die allerletzte Duftseife, die Du jemals von ihr bekommst und was sagt das über sie, dass sie denkt, dass dir sowas gefällt. Oder vielleicht denkst sie’s auch gar nicht, sondern greift einfach so ins Regal, die alte Zicke, aber auch das erzählt ja etwas. Und da du ja ganz offensichtlich nicht gerade an astrophysikalischen Geheimnissen herumforscht – denn dann würdest du diesen Podcast nicht hören – kannst du ruhig mal ein bisschen über Omas Duftseife nachdenken. Das schuldest du vielleicht nicht ihr, denn kann sein, dass sie wirklich ganz bezaubernd scheiße war, aber vielleicht schuldest Du’s Dir selbst, Um das Thema Duftseife ein für alle mal zu den Akten legen zu können. Auf Wiederhören.

Marzipankartoffel

Es aß im Harz ein arger Stoffel
Eine Marzipankartoffel
Und er wundert sich schon sehr
Wo der Kartoffeln Duft wohl wär

Den er so mochte, als er noch,
Als Bub durchs Grün der Felder kroch
Und Knollen prüfte, ob sie wohl
Schon reif war’n, dass er sie sich hol

Natürlich hatte dieser Mann
Schon häufiger wohl dann und wann
Von Erdäpfeln aus Marzipan
Und ihrem süßen Sinn erfahr’n

Doch nahm dies Wissen ihn nicht ein
Denn was nicht sein darf, kann nicht sein
Und so bekam auch dieses Jahr
Die Firma Niederegger – klar!
‘Nen Sack Kartoffeln zugeschickt
Als Beispiel wie so’n Stoffel tickt

EKW059 Messungen am Rande der Dunkelheit

Ich verfluche die Ferngläser, weil sie unerreichte Möglichkeiten zeigen
Weil sie tendenziell zur Weitsicht neigen
Und zu Kratzern
Wenn sie
Knacks
Auf Katzenbanden landen

Hi, Matthias hier. Wissenschaft ist, wenn Menschen eine Sonde an den Rand des Sonnensystems schicken, um die Schwärze der Dunkelheit und die Leere des Vakuums zu erforschen. Und es kommt heraus, dass es an der Schwelle zum Nichts überraschend hell und voll ist, denn alle tausend Jahre kommt ein Atom vorbei und lässt recht herzlich grüßen und das Nichts ist voller Wellen und Quanten und so hatte man sich dieses Nichts jas eigentlich nicht vorgestellt, verdammt noch eins, kann man denn nirgendwo einfach mal für sich sein?

Sagittarius A*

Das Rauschen zwischen uns gleicht einer Metapher
Dass Dir jetzt der Kopf nicht platzt ist ein Problem
Ganz eigener Art
Ich hatte einen Paarreim für Dich vorbereitet
Der hier noch herumliegt denn
Auf ebay-Kleinanzeigen lässt sich sowas nicht verramschen
Ohne Was ist letzter Preis
Ich schrübe gern einhundert Euro aber Ehrlichkeit verlangte
Siebzehn
Plus Versand

Und dann der physische Verfall
Ich halte Herzen für die Muskel aller Liebe
Aller Fressattacken aller Enddarmkontraktion
Und allen täglichen Verschleißes
Und statt Emotion ist da viel Blut
Statt Pochen nur ein Räderwerk
Hormonlogistik

Sagittarius A* ist einer deiner Namen
Schwarzes Loch das schwarze Löcher frisst
Wie NicNacs unterm Weihnachtsbaum
Dein Hintern sitzt auf einer Krippe
Neugeborner Sterne
Und drei Waisen eilen panisch bis
Ins Morgenland das Schwerefeld
Zu Fliehen
Aller Schwärze
Deines Herzens
Die am siebenten Advent
Die Nacht verbrennt

Hui, was ist denn mit dem los, wirst du dich vielleicht fragen und vielleicht ist gar nichts los, los ist allenfalls die Spotify-Playlist oder die Dunkelheit. Keith Jarret ist ja letztens gestorben und seitdem läuft seine Playlist hier rauf und runter weil ich weiß: Er hätte es gehasst! Oh Gott, hätte er es gehasst für Bruchteile von Centbeträgen gestreamt in komprimierter Form über billige Bluetoothboxen als Ablenkungsdudlei in einem X-beliebigen Kopf zu landen. Ja, er hätte es gehasst und dafür mochten wir ihn schließlich. Für seine tiefe Verachtung für den ramponierten Bösendorfer-Stutzflügel in der Kölner Oper und überhaupt die ganzen Dilettanten, die das Leben furchtbar und Kunst überhaupt vollständig unmöglich machen. Und dann setzt er sich hin und spielt das beste Konzert der Weltgeschichte und findet’s Scheiße und ja: Das ist nunmal auch Kunst und für nicht wenige die beste von allen.

Apothekenfräulein

Apothekenfräulein, erlaube die Anmaßung
Dieser chauvinistischen Anrede
Aber sie ist wichtig für den Kontext
Dieses Stücks reimloser Poesie

Apothekenfräulein, Hüterin meines Wohlbefindens
Gibt mir eine Packung schlecht wiederverschließbarer Taschentücher
Aber das ist wichtig für den Wiedererkennungswert
Unserer Begegnung

Apothekenfräulein, ja, ich nehme auch Generika
Denn steckt darin nicht Erika
Ein Name wie ein Heinz-Erhardt-Film
Im Zweiten Deutschen Fernsehen

Apothekenfräulein, deine Brille ist so herrlich verschmiert
Als hättest du grad just noch eben Wurst gegessen
Hinten irgendwo im Pausenraum
Mit Vollkornbrot und Butter

Apothenkenfräulein, zwischen Erkältungsplazebos
Und medizinischer Zahncreme harrst du freundlich
Bis dreimal der Hahn gekräht und du nach Hause darfst
Zu deinen überraschend sachlichen Katzen

Apothekenfräulein, mach den Kühlschrank hurtig auf
Und öffne eine Flasche Grüner Veltiner aus dem REWE
Denn nicht alles was du sagst und tust muss Sinn ergeben
Und irgendwann ist Schluss mit Lächeln dann wird gesoffen.

Tschüss

EKW058 Hamburgersparmenü mit Käse

Lab

Lab ist ein Enzymgemisch,
Aus Chymosin, Pepsin, das frisch
Soll Käse kommen auf den Tisch
Aus dem Labmagen junger Wiederkäuer
Im milchtrinkenden Alter gewonnen
Und zum Ausfällen des Milcheiweißes
Bei der Herstellung von Käse genutzt wird.

In modernen Milchzuchten werden die
Neugeborenen Kälber nach 2 bis 10 Tagen
Von der Mutterkuh getrennt, geschlachtet
Und verwertet. Die tiefgefrorenen Labmägen
Werden zerkleinert und
In einer Extraktionslösung
Wird das Lab-Enzym daraus extrahiert.

Hallo, Matthias hier. Diese Corona-Lockdowns machen da was mit uns. Vor allem mit uns luxusbetroffenen Bürostuhlvollfurzern. Wir haben nix zu tun und fangen irgendwann an, unseren eigenen Joghurt zu zimmern. Oder Käse. In diesem Kontext, namentlich beim intensiven Studium der Anleitung meiner Joghurtmaschine, verhakte ich mich in den Frischkäseherstellungsoptionen dieses Wunderteils und stieß auf das schöne Wörtchen Lab, an dessen Klang ich mich schon ewig nicht gelabt hatte und dessen Bedeutung mir gänzlich unbekannt war. Irgendwie hatte ich als käsefutternder Vegetarier bis dahin immer noch geglaubt: “Naja! Vielleicht haben diese Hochleistungskühe mit ihren zwingend für den Milchfluss notwenigen Kälbern ja doch ein irgendwie okayes Leben. Immerhin ist der Stall trocken und der Wolf kann nicht rein.” Stimmt. Aber der Mensch. Und der sagt: “I bimm’s, Kalle, der Kälber-Keuler, und isch brauch mal dein Lab! Nee, bleib sitzen, du kleines Zottelchen, so komm ich besser ran, Muhahahaha!” Aber wer weiß, wofür es gut ist. Nachher wird unter den ganzen süßen schwarz-weiß-getupften Kälbchen jedes Jahr auch ein braunes Hitler-Kälbchen geboren und wenn uns die Kälbchen-Hechsel-Industrie nicht zuverlässig von denen erlösen würde, wer weiß, wozu diese Tiere im Stande wären, wenn sie erst mal groß sind!

Der Tod und das Kälbchen

Es traf der Tod im Kuhstall ein
Wie jeden Donnerstag
Und trat zum Kälbchen, das so klein
Im Schein des Rotlichts lag

Es räuspert sich der Sensenmann:
“Auch wenn’s mir nicht behagt,
Du kleiner Racker stirbst, ich kann’s
Nicht ändern. Du hast Lab.”

“Was ist das?”, fragt der Springinsfeld
Doch Tod hat keine Zeit.
Die List’ is lang und Zeit ist Geld
Und Geld heilt Traurigkeit

Zumindest die vom Tod, er teilt
Das Kälbchen sehr gekonnt
In Hundefutter, Lab und Fleisch
Und eilt nach Bad Pyrmont

Weil hier die nächste Kuh-ndschaft weilt
Der Witz war echt nicht gut
Doch Schnurz. Das nächste Kälbchen schreit
Noch mehr. Und Muttern muht.

Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Fast jede kennt den Spruch und denkt vielleicht irgendwie an Marx oder so? Is richtig. “Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.” So lautet der Originalsatz und ich sage dir, in dieser zweiten, originalen Form, halte ich ihn für Kappes, weil ich behaupte, das Beide Richtungen möglich sind, und je mehr Geld und Homeofficemöglichkeiten wir haben, desto eher können wir uns die Richtung “Bewusstsein bestimmt Sein” auch leisten. Ich bin zum Bespiel aus ganz anderen Gründen Vegetarier geworden, als wegen des Scheiß-Tierleids, denn das war mir die ersten fünfundzwanzig Jahre Aldisalamifresserei ja auch völlig Schnuppe. Aber jetzt, wo ich die Sache mit ohne Fleisch erst mal für mich klargekriegt habe, ergeben sich plötzlich ganz andere moralische Möglichkeiten und ich kann auf Leute herabschauen, die früher fast unantastbar waren. Nur die Sache mit dem Lab, die vergess ich besser ganz schnell wieder. Käse ist eben geil und Kälbchen, jetzt mal ganz unter uns, Kälbchen sind völlig überbewertet. Darum hätte ich diese Folge auch gerne “Kälber aufschlitzen, jetzt!” genannt, aber irgendwie hab ich Sorge, dass die Apple – Anführungsstriche unten – Zensur – Anführungsstriche oben wieder viele Sternchen daraus macht und das ist mir zuviel Komplexität an einen stinknormalen Donnerstag. Tschüß

Ochsenschwanzsuppe

Weißt du noch, wie’s damals war,
Als Bratwurst noch geschmeckt
Und Toast Hawai in Ordnung war
Selbst wenn das Fleisch gestreckt.

Und weißt du noch, wie’s damals war
Mit Ochsenschwanz im Bauch
Das schmeckt für mich wie “Wetten, daß…?!”
Und lecker war es auch.

Jetzt gibt’s stattdessen Soja-Schrott
Mit Indigenen-Blut
Beim Netflix-Bingen geht das flott
Und schmecken tut es gut.

Moralisch macht das trotzdem einen
Riesenunterschied
Jetzt fressen wir uns selbst und keinem
Ochsen mehr sein Glied.

EKW057 Urania Propitia

Meine Muse küsst mich nicht
Sie saugt mich aus, bis etwas bricht.
Meist ist es nur der Kiefer, der
Kurz aus- und wieder einrenkt, wer
Will das nicht auch mal? Keiner? Doll!
Dann knutsch ich weiter, Rock’n’Roll…

Hi Matthias hier. Wie sahen Deine Mathearbeiten aus? Damals? Inne Schule. Meine fingen immer ganz vielversprechend an. So ein bisschen wie die Mappen am Schuljahresanfang. Alles neu und sauber und getränkt vom Geist, jetzt alles richtig und ordentlich zu machen. Bis der zweite Schultag kam und alles war wie immer: Hefte verknickt, irgendwo schimmelte ein Salamibrot und das halbe Hanuta von Andrés Geburtstag tünchte von unten das Physikbuch in zartes Braun. Bei den Mathearbeiten konnte man den Verfall quasi live miterleben. Die sauber aufgestellte Rechnung zu Aufgabe 1, die Nebenrechnung gut strukturiert mit Bleistift auf einem Einlegezettel daneben. Dann Aufgabe 2, stopp, stimmt! Fehler! In Aufgabe 1 was übersehen. Sauber durchgestrichen, Sternchen dran, weil unten schon Aufgabe 2 angefangen war, also mit genügend Sicherheitsabstand zu Aufgabe 2 wieder Sternchen und zweiter Versuch zu Aufgabe 1. Puh, gerettet. Aufgabe 2 fortgesetzt, Mist, doch zwei Rechenschritte mehr als geplant, also möglichst großräumig um den Sternchenteil von Aufgabe 1 herumrechnen und die Nebenrechnung jetzt bloß nicht mit den Ergänzungen zu Aufgabe 2 vermischen. Ah, Mist, schon passiert. Egal, sind ja nur Nebenrechnungen. Aufgabe 2 erledigt, hat aber viel länger gedauert als gedacht und das Ergebnis hat überraschend viele Stellen hinter dem Komma, sehr viele. Ahhh! Zum Glück, Fehler doch noch gefunden, alles kann so stehen bleiben, nur ein paar Zahlen müssen ausgetauscht werden. Bumms, nix passiert. Außer: Hab ich das in Aufgabe 1 dann nicht auch falsch gemacht? Problem: Aufgabe 1 ist wegen der Umkreisungschallenge von Aufgabe 2 schon reichlich klein und – ich sach mal – “auf Kante geschrieben”. Weiß du was, wir hatten ja diesen Vorsatz, dass es diesmal NICHT so endet, wie sonst, sondern dass einmal alles gut und strukturiert und richtig ist. Wieviel Zeit kann das schon kosten? Die Ganze Seite 1 wird rausgerissen, neue Überschrift: “Mathematikarbeit Nr 1, Klasse 8c” und alles sauber übertragen. Fast ohne Fehler, Durchstreichen und Killern. Endlich: Aufgabe 3. Versteh ich nicht. Fünf Minuten wirres Kritzeln auf den Nebenrechnungszettel, der inzwischen wie der Rosetta-Stein aussieht. Keine Chance. Aufgabe 4. Ich versteh nicht mal den Teil bevor die Fragen kommen. Berthold hat eine hinreichend große Zahl von Innenwinkeln eines Fünfecks bestimmt und sucht jetzt was? Den Cosinus von wem? Wo auf meinem Scheiß-Taschenrechner ist denn diese Cosinus-Taste und musste ich da nicht irgendwas umstellen? Von DEG auf RAD? Oder war das umgekehrt? Was war denn vorher eingestellt? Wieso geht’n der Rechner dauernd wieder aus, ich hab die Solarzellen doch gestern extra geputzt. Ist das da Hanuta-Rest auf der roten Folie?

Ich weiß nicht, wie lange du das aushältst, mir kräuseln sich schon beim Gedanken an diese Situationen die Fingernägel. Und heute hatte ich was ganz Ähnliches. Ganz ohne tickende Uhr an der Wand und einen stinkenden Zottel am Pult, der sich was grinst bei der Betrachtung schwitzender Pubertätsopfer. Ich wollte einfach nur wissen, ob an einem bestimmten Tag an einem bestimmten Ort im 17. Jahrhundert zufällig gerade Vollmond war. Gegooglet, nix gefunden! Die ganzen Internetrechner hören 19- oder 18-hundert auf. Also selbst gerechnet. Ich weiß, dass der erste Vollmond der 20. Jahrhunderts im Januar am… Wenn die Umlaufzeit des Mondes um die Erde 27 Tage 7 Stunden und ein paar zerquetschte sind, dann muss ich doch nur die 365 Tage, ach nee, die Schaltjahre! Wann is’n noch mal Schaltjahr und waren die glatten Hunderter jetzt ausgenommen oder eben gerade nicht…

3! VERFICKTE! STUNDEN! hab ich da gesessen und endlich herausgefunden, dass am 30. November 1618 in der niederschlesischen Stadt Schweidniz, heute Świdnica gerade so abnehmender Vollmond war. UND! DAS! WAR! FALSCH! Er nahm zwar ab, war aber nur noch halb, ich hatte mich um 6 Tage verrechnet und hab keine Ahnung warum, aber die Internetseite, auf ich eigentlich nur nachschauen wollte, wo und wann der Mond aufgegangen ist, die konnte zufällig auch Vollmonde im 17. Jahrhundert überall auf der bekannten Welt ausrechnen und der Mond, nur mal FYI, der geht natürlich immer im Osten auf, die Erde dreht sich da nicht für die Sonne in die eine Richtung und dann für den Mond auch mal in die andere Richtung, damit der, weiß nicht, im Norden aufgeht. Und jetzt, wette ich, willst du ENDLICH VERFICKTE SCHEIßE NOCH EINMAL WISSEN, WARUM ICH DICH HIER SEIT 5 MINUTEN MIT EINER SO DÄMLICH LANGWEILIGEN GRÜTZE LANGWEILE und ich sag’s wie’s ist: Ich mach das, weil heute sonst einfach nix anderes passiert ist und Leute vor Computern isch nun einmal mit irrelevanten Dingen beschäftigen nur dass einige einen Podcast darüber machen, den du Trottel auch noch abonniert hast und das hast du jetzt davon! Aber um wenigstens einen Faden noch kurz weiterzuspinnen. Einer meiner Mathelehrer, einer von diesen stinkenden Zotteln, hatte für sowas immer so einen unglaublich innovativen Spruch mit “Krauser Kopf, krause Rechnungen…?” auf Langer, irgendsoeine Tantenscheiße, die nahelegt, dass Leute mit Locken nix ordentlich machen können, was umso ärgerlicher war und ist, als es bei mir absolut stimmt und ich auch noch Linkshänder bin… Das machts alles noch viel Klischeehafter und… Ach. Scheiße.

Urania Propitia

Ich bin in den Sommer geflogen
Auf Google Maps weit in den Osten
Nach Swidnica und bin per Streetview
Durch Gassen gewandert
An Autos vorbei und Geschäften
Hab Menschen in T-Shirts ein Eis schlecken sehen
Und goldenenbrokatevangelische Kirchen
Bin ziellos gestreift und gestriffen
Und weiß jetzt, dass Rynek i Ratusz
Der Markt und das Rathaus sind
Und dort, auf einer Bank
Hab ich sie sitzen gesehen
Wie eine Klavierlehrerin
Ganz wie so ein Fräulein im Western
Das morgens am Schultor die Kinder begrüßt
Mit Globus und Buch auf den Knien
Urania Propitia
Und ihre Augen zum Himmel gerichtet
Iwo, hat zum Rossmann geguckt
Braucht Brillenputztücher und Wein
Und Red Bull
Wird spät heute Nacht
Und Kondome
Denn Sterne und Liebe
Gibt’s reichlich
Und Mond und Kometen
Doch Rossmann hat zu

Hab ich also direkt vor ihr gestanden, den Rossmann im Rücken und das Witzige ist, die Menschen auf dem Platz: Niemand verpixelt, alles knackescharf, nur das Gesicht des Denkmals von Maria Cunitz auf dem Marktplatz von Swidnica ist verschwommen. Urania ist übrigens die Muse der Astronomie und Maria hat ihr Buch über die Berechnung der Planeten- und Sternpositionen in Ermangelung eines Verlags einfach selbst drucken lassen. Been there, done that, kann ich da nur sagen und freue mich, in so edler Gesellschaft zu sein. Tschüss.

EKW056 Kassandra, My Ass

Dreikometenjahr

Es kam der erste
Klein und flink
Und als er kam, war allen klar
Dass dies das Ende war

Es kam der zweite
Langer Schweif
Und als er kam, war Panik da
Wo sonst der Primark war

Es kam der dritte
Gleißend hell
Fiel in die Sansibar
Was ziemlich knorke war

Dreikometenjahr,das ist schon ein furchtbar guter Name für ein Jahr. Wenn 2021 mal irgendwann zu Ende ist und wir reden davon als Dreikometenjahr, dann hat irgendwo in diesem Land irgendeine PR-Abteilung viel richtig gemacht. Die Frage ist nur welche? “Qui bono?” wie der oder die Lateiner_in NICHT sagt, denn ich mag dem Dativ zwar nicht sonderlich, in diesem Fall aber rufe ich Euch zu: “Dativ, wem Dativ gebührt!” Es heißt natürlich “Cui bono?”, nicht wahr? Qui, que, quod, cuius, cui, quem, quam, quod, quo, qua, quo. Aber ich schweife ab, kein Wunder, nicht wahr, wo’s doch um Kometenjahre geht, und zwar nicht irgendwelche, sondern um Dreikometenjahre. 1618 war so ein Dreikometenjahr, was sich eindrucksvoller anhört, als es wirklich ist, denn so richtig eindrucksvoll und sichtbar war davon nur einer, der aber so richtig. Die Wissenschaft hat für so etwas den Namen “Großer Komet” geprägt, und das ist ja mal ein wirklich superkreativer Name.
“Hey Pavlov, alter Drecksack, diese Megakometen, die Riesenklötze, diese Superoschis, wie sollen wir die denn mal nennen?”
“Große Kometen.”
“Hammername.”
Da sollte man fast schon dankbar über wissenschaftliche Namen wie SarsCov2 sein, denn dürften Astronomen unsere Viren benennen, dann hieße unsere derzeitige Plage womöglich “Neues Virus”. Oder “Anderes Virus”. “Corona” dagegen hätten Astronomen es mutmaßlich nicht benannt wegen Verwechslungsgefahr mit, genau, dem gleichnamigen Bier der Inbev Brauerei. Aber wir wollten ja über 1618 reden, das Dreikometenjahr, das eigentlich ein Einkometenjahr war und damit ein lächerlich kometensichtarmes Jahr im Gegensatz zu heute, wo wir auf der Erde 20 bis 30 Kometen pro Jahr mit bloßem Auge sehen können. Zugegeben: so ein Superkomet wie das Ding 1618 sind die eigentlich nie, aber der 1618er musste auch viel mehr leisten, nämlich einen 30-jährigen Krieg vorhersagen. Das haben nämlich damals schon alle gesagt. Ja okay, die FDP erst 1648 nach dem westfälischen Frieden (da haben die nämlich gesagt: “Wir haben’s schon immer gesagt, dass der 1618er-Komet eine 30-jährige Hochkonjunkturphase für Hersteller von Handmetzelwaffen bedeutet!”). Aber die anderen wussten tatsächlich direkt: “Hui, das wird schlimm!” Kepler zum Beispiel. Und alle anderen auch. Weil Kometen, das waren Unheilszeichen, man wusste nicht mal, was das eigentlich ist und wo die herkommen. Viele dachten, Kometen seien so eine Art Erdfürze, die sich in den Äther entladen. Wie auch immer, Kometen waren und sind anders als das Normale und sowas reicht hierzulande ja häufig, um es wegzusperren, zu verbrennen oder eben mit bösen Mächten in Verbindung zu bringen. Und weil Astronomie und Astrologie damals noch zwei Seiten derselben Wissenschaft waren, mussten sich die Keplers und Brahes ziemlich häufig damit beschäftigen, irgendwelchen superreichen ihr Horoskop zu schreiben und Kometensichtungen zu deuten. Das lief dann häufig nach dem Motto “Die Katastrophe als Chance sehen, Herr Wallenstein! Das dürfte einer Waage wie Ihnen doch recht leicht fallen!”. Ja genau, einer der großen Metzelbrüder des 30-jährigen Krieges war Waage. LOL. Aber wie komme ich überhaupt auf Kometen? Das hat mehrere Gründe: Erstens hab ich nix zu tun und mit irgendwas muss ich mich ja beschäftigen. Zweitens ist heute Montag und ich muss meinen Podcast vollsabbeln und da ich alle Gedichte, die ich noch auf Halde hatte, inzwischen verpodcastet habe, muss ich einfach über alles reden, womit ich mich am Tag so beschäftigt habe. Und drittens schreibe ich ein neues Buch. Das erste wird jetzt ja bei Amazon verramscht (btw, falls du’s noch nicht getan hast: Kaufst du “Im Moor” von Matthias Kleimann, ist seeeeehr günstig und seeeehr gut und braucht seeeeehr viele gute Rezensionen bei Amazon, weil die Säcke die ganzen gefälschten Rezensionen meiner Familie nicht akzeptieren. Ich schreibe jedenfalls ein neues Buch, das hat mit Kometen zu tun. Unter anderem. Auch mit Sex und Gewalt und Frauen und Gott, aber eins nach dem anderen. Und darum erzähle ich eben von 1618, dem Jahr des großen Kometen und des Prager Fenstersturzes, den damals übrigens alle, die davon wussten, für eine böhmische Feld-, Wald- und Wiesenrevolte gehalten haben. Hätte man damals ‘ne Umfrage gemacht, was schlimmer ist, Fenstersturz oder Koment, ich hätte nicht auf die böhmischen Stände gesetzt. Die Leude warn dumm, damals. So wie heute auch, nur dass die’s damals nicht besser wissen konnten und wir’s heute nicht besser wissen wollen.

Kassandra, My Ass

Es war mal eine Meckerliese
In Westanatolien
Die machte alles mies, die fiese
Liese, wie’s den ander’n schien

Sie kam aus königlichem Hause
Papa war der CEO
Von Troja. Und ihr Bruder klaute
Helena aus Sparta. Doe!

Was denkst Du, tat der Meckervogel
Als ihr das zu Ohren kam?
Richtig. Meckern, und zwar ohne
Punkt und Komma, lieber Schwan.

Lieschen meckerte beim Essen,
Beim Verdauen, auf dem Klo,
Lieschen hielt nicht mal die Fresse
Wenn sie schlief. Echt. Nirgendwo.

Lieschen sah in allem Zeichen
Dass die Welt bald untergeht
Es war wirklich zum Hirnerweichen
Wie’s in Homers Ilias steht.

Endlich, viele Jahre später,
Hatte Lieschen eimal recht,
Pferd rein, Saufgelage, blöder
Gings nicht: “Whaaaat, jetzt echt?”

Kurz darauf lag Lieschens Leiche
Stinkend in Mykene rum
Lerne, Lieschen: Meckern reicht nicht!
Änder was! Oder bleib stumm.

Ich muss aus gegebenem Anlass noch mal kurz ein bis sieben Lanzen für die arme Kassandra brechen. Die hat in der Ilias wirklich übel auf die Fresse bekommen von den Griechenarschgesichtern und das war ü-ber-haupt nicht okay. Und klar, war auch ‘ne üble Welt damals, alles voller Machos und Sausäcke. Aber die Amazonen, die leider dösig genug waren, sich in diesen dusseligen Krieg reinziehen zu lassen, die haben immerhin den Griechen ein paar mal den Popo versohlt. Ich weiß, hat letztlich nicht geholfen. Ich war trotzdem immer klar “Team Amazon” und dass im DC Extended Universe rund zweitausend Jahre später Amazonenprinzessin Wonderwoman den Nazis auf die Schnauze haut und nicht Meckerlieschen Kassandra, hat bestimmt auch Gründe. Also, wir merken uns: Dreikometenjahre sind astronomisch bestimmt cool, ansonsten aber vollständig uninteressant und wenn dann mal Kometen und Corona zusammenfallen, dann hört auf zu raunen und zu meckern, sondern haut den Nazis auf die Schnauze. Kurve gerade noch gekriegt,puh. Tschüss.

Sechszeiler des Tages

Wir haben ein kleines Kometenproblem
Weil die Teile sich einfach nicht ordentlich drehn
Sie flutschen voll komisch im All hin und her
Und komm’ sie mal näher, steppt hier gleich der Bär
Drum lass uns mal alle Atomwaffen bau’n
Und uns umhau’n, sonst tun’s die Kometen versau’n.

EKW055 Another Day in Paradise

Another Day in Paradise

So was ähnliches wie ein Vierzeiler, nur eben auf Englisch und mit fünf Zeilen und anderem Reimschema

I once told an old homeless lady
That I’ve got a flat for her, maybe
I’d just need a sheet
with her payslip, indeed
She didn’t speak English! Sooo lazy…

Hi, Matthias hier. Letztens hab ich es wieder gesagt: “Sorry, ich hab nichts”, was totaler Bullshit ist, denn natürlich hab ich, nicht sofort vielleicht und “auf der Tasche”, wie man sagt, aber ich hätte schon, ich will nur nicht. Ganz einfach. “Sorry, ich will nicht” muss es heißen, oder noch präziser, “Lass mich mit deinen Problemen in Ruhe, ich hab meine eigenen Probleme, nämlich ob ich mir die Airpod Pros jetzt noch mal kaufe wegen x und y und überhaupt, ist ja schließlich mein Geld, aber für dich hab ich nix, ich zahl ja Steuern”. So muss es wohl heißen. Oder, wenn ich richtig mies drauf bin, dann gebe ich 50 Cent und ein “Bitteschön” und hol mir noch ein gezwungenes Dankeschön ab, hättest du dein Anliegen mal besser präzisieren sollen, kein Wunder, dass du vor dem REWE auf dem Pflaster sitzt. Die eigene Arschlochhaftigkeit mal irgendwo zu formulieren, sowas ist wichtig, seit die Beichtstühle aus der Mode gekommen sind, weil einem potentiellen Kinderschänder Kleinkriminalität zu beichten ist doch irgendwie abgeschmackt. Man stelle sich vor, du kommst mit deinem Sermon aus Obdachlosenverarssche und Masturbation und wenn du fertig bist sagt die andere Seite “Hoppla, jetzt komm ich!”, und erzählt dir eine Geschichte, da würde Arte einen Themenabend draus machen mit vielen faltigen Expert_innen, Triggerwarnung und eingeblendetem Spendenkonto. Lieber mal den Beichtstuhl großräumig umschiffen und die Podcastbeichte etablieren. Du kannst dir ja eine angemessene Buße ausdenken und mir mitteilen, wenn ich’s mir aussuchen dürfte, ich würde Alexa dreißig Rosenkränze beten lassen und wenn du fragst, warum, sagte ich, dass Siri zu doof dazu ist. And now to something completely different…:

Erster Tanz

Weißt du noch, wir haben getanzt
Wie alle Amateure haben wir
Den Untergrund erkundet
Ob er unsre Körper zueinander
Oder voneinander weg die Schritte führt
Und die Gedankenexplosionen
Vielleicht müde Funken sind
Und brünstig rülpsende Ochsenfrösche

Weißt du noch, es gab kein Wägen
Sondern Wünsche, kein Erfahrungsschatz
Hat uns die Herzen eingerissen
Haben jeden Schritt zum ersten Mal
Zu Zweit gemacht so bummsfidel und hochnotpeinlich
Sind gefallen und gestrauchelt
Sahen Scheiße aus, wie Amateure,
Sahen aus wie Udo und Anita bei der
Chachacha-Auffrischung kurz nach
Udos Schlaganfall und nach Anitas
Ewiger Anitaexistenz

Und weißt du noch
Wir haben besser geknutscht als jemals wieder
Besser alle anderen im Stich gelassen
Weißt du noch das erste Mal
Von allem weißt du noch
Wie wir uns stolz wie Bolle vorgezeigt
Wie einen Lottohauptgewinn
Und alle: Ist ja interessant
Und weißt du noch wie sich das niemals ändert
Niemals ändert, weißt du
Noch ist alles niemals anders
Und das Anders wird ein Wägen sein
Ein Tanz und doch ein Wägen
Und Erfahrungsschatz
Der uns das Herz einreisst

Ich hatte mal eine Dose Original-Spam aus England, die stand neben meinem Computer, weil das unglaublich witzig war und ich mich aber sowas von originell komisch fand, meine Herrn, ich war einfach der Geilste. Jedenfalls kam viel früher, als viele denken würden, der Tag, an dem ich den Spam gegessen habe, und danach wusste ich, warum Vegetarier-werden definitiv eine ernste Option ist. Inzwischen hab ich ausgerechnet, dass ich mir so rein Karma-mäßig durch ein Jahr Vegetariertum locker 12 Obdachlosenwitze leisten kann. Fünfzehn Jahre Vegetarismus bedeuten also, dass ich echt einiges aufzuholen habe. Vielleicht geh ich mal beim nächsten Beichtstuhl vorbei und frage nach ‘ner Abkürzung, die Jungs auf der anderen Seite wissen da doch Bescheid. Tschüß.

Frühstücksfleisch, Frühstücksfleisch
Davon wird mein Brägen weisch
Noch ein Kippchen und ‘ne Worscht
Ein Wacholder gegen Dorscht
Und mein ZNS sagt “Hey!
So’n Schlachanfall wär jetzt okay.”

EKW054 Nicht alles Gold

Vierzeiler

Wo ein Wille ist, scheiden sich die Geister
Labyrinthe werden nicht mehr hingenommen
Werden hinweggefegt durch einen kühnen Plan:
Das Leben träumen

Steile These gleich mal zu Anfang: Die Linken haben uns die Träume weggenommen!
Die Linken, jetzt, ne… Ich bin ja irgendwie links, glaub ich. Zumindest mein Wahlverhalten der letzten Zwanzig Jahre legt nahe, dass ich nicht besonders rechts bin. Früher, da wollte ich sogar sehr links sein, aber ich musste mich da immer irgendwie einordnen, wurde mir nahegelegt, weil man sonst nicht links sein kann, wurde mir nahegelegt, man sei dann höchstens “linksliberal” und das, so musste ich schmerzhaft lernen, war offenbar irgendwie das Gegenteil von links, weil es irgendwie bürgerlich war, so die Art Zeitleserarztsohnverhalten, das man von zeitlesenden Arztsöhnchen eben so erwartet als so wirklich Linker. Links, das lernte ich, bedeutet Solidarität auch mit den Dummen, die häufig das Sagen haben. Das war eins der Probleme mit den Linken: Dass die Wortführer in meinem Alter alle dümmer waren als ich. Bei den Älteren, da hab ich das verstanden, da zählen in der Politik Talente wie Organisationstalent, Fleiß, Beharrlichkeit, Sitzfleisch, auch ein bisschen Populismus. Geschenkt. Aber bei uns Amateuren, dachte ich, könne man noch unbefangen Ideen und ihre Umsetzung diskutieren. Arschlecken, sag ich nur. Die Wortführer konnten einfach länger rumsitzen und länger reden, einfach so lange reden, bis der Rest nach Arztsöhnchenhausen zum Abendessen wollte. Da gab’s nicht nur Futter, sondern auch die besseren politischen Gespräche, isso. Und dann traf man sich am nächsten Tag wieder und die Saufschwadronierkanone von gestern Abend saß da immer noch und erzählte was von Träumen. Ich hatte schon immer ziemlich viel Fantasie und dass der Typ mit Terroristentuch um den Hals mir jetzt noch erzählen wollte, dass er (es waren immer er’s, übrigens), dass er die besseren Träume hatte als ich, das konnte ich einfach nicht so schlucken. Ich hatte immer die besseren Träume, ich hatte Hammer-1-A-Erste-Klasse-Träume mit Schlagsahne und Marzipannupsel oben drauf, und das was der Stinkepuschel im alten Omasessel im SV-Büro da geträumt hatte, das war einfach nur die letzte halbe Stunde Suff von gestern Abend gewesen. Und ich verzeihe es den stinkepuschelanhimmelnden Mädchen von damals bis heute nicht, dass sie nie was gesagt haben, sondern Stinkepuschel immer noch freiwillig Gauloises Blondes ohne Filter angeboten haben. Dabei waren sie viel schlauer als er und hatten garantiert auch die besseren Träume. Ich wette, die viel besseren Träume. Es hat jedenfalls wirklich viele, viele Jahre inklusive einem Managementstudium und zwei Trillionen Semestern multivariate Statistik und Datenanalyse gebraucht, bis ich gelernt habe, dass man die öffentliche Träumerei besser nicht den Stinkepuscheln von damals überlässt. Sondern besser selber träumt. Ich weiß schon: Ist nicht alles Gold. Aber das sag ich dann einfach dazu.

Es ist nicht alles Gold

Der Vater nicht, mit seinem Arschgesicht
Und auch die Mutter nicht, die war schon mittags dicht
Selbst der Zehn-Euro-Schein, der könnte größer sein
Und schöner auch, der Lauch, statt einer Brücke drauf
Wär doch ein Nackedei längst nicht so’n Einerlei
Aus Brücken und aus Stein
Es könnte schöner sein.
Das Leben und der Tod
Dass, wenn man heimgeholt,
Vom großen Manitu
Man gerne noch erzählt
Wie schön sie war, die Welt
Und wenn man dann so ruht
Man was zu Lachen hat
In seinem dunklen Grab
Und in die Tasche tut
Man den Zehn-Euro-Schein
Den mit dem Nackedei
Zum sich eins Grinsen rein.

Mein Buch, dieses “Im Moor”, das gibt’s jetzt auch als Papierversion und ich freu mich, wenn du es bei Amazon kaufst. Den Link schreibe ich mal in die Shownotes. Du kannst es bestimmt irgendwie auch im Buchladen um die Ecke kaufen, aber der hat ja gerade zu. Tja. Pech. Und weil wir hier unter uns sind, verrate ich noch ein kleines Geheimnis: Das Buch ist wirklich total super und so. Aber ich hab mir die Endkorrektur so ein bisschen gespart, weil’: Sowas macht überhaupt keinen Spaß und mein Leben ist kompliziert genug. Und ich mach dir an dieser Stelle mal ein Angebot: Für jeden Rechtschreibfehler, den du findest und mir schickst, kommst du ein bisschen schneller in den Himmel. Sagt Jesus. Der findet mein Buch nämlich auch super, hat aber genauso wenig Lust wie ich, die ganzen Rechtschreibfehler zu korrigieren. Außerdem kann er nur Aramäisch, das olle Landei. So. Ende für heute. Tschüss.

Alter Tannenbaum

An meinem alten Tannenbaum
Da hängen Kinder dran
An Kabeln. Schau, sie zucken kaum
Er ist auch gar nicht an.

Und jedes Kind trägt mein Gesicht
Das sieht erschrocken aus
Komm ich mit meinem großen Licht
Und zünd es an, das Haus

Es brennt das Zimmer, brennt der Baum
Es brennt die Kinderschar
Und ihr Geschrei, du hörst es kaum
Als wär es gar nicht da

Der Baum steht tadellos herum
Mit Schmuck und Kerzen dran
Nur manchmal zuckt ein Ästlein stumm
Ob es wohl brennen kann?

Link zum Buch:

https://www.amazon.de/dp/B08SB9M52D/

EKW053 Hashtag Kabeltrommel

auf dem fluss

es war gut auf dem fluss
die augen zum himmel gerichtet
die wolken zu sehen

und die ufer
ohne mein zutun in der ferne
erloschen zu wissen

nicht zu steuern in der strömung
und nicht ahnen
was zu steuern ist

katarakt! zu rufen ohne furcht
vor einem fall der schwerelos ist
bis zum tod

bis der fluss im flachen land versandet
denn das hatten wir nicht
durchgenommen

Hi, Matthias hier. Immer wenn rumgerantet wird, die Schule würde nicht gründlich genug auf das Leben vorbereiten, bin ich der erste und lauteste Widerständler. Weil ich mich immer noch an die schlimmsten zwei Wochen Deutschunterricht meines Lebens erinnere, in denen wir lernten, Bewerbungen zu schreiben. Wobei “Lernen” ein großes Wort in diesem Kontext ist. Eigentlich bekamen wir eine hinreichend schick gestaltete Informationsmappe der Kreissparkasse Herford ausgeteilt, in der wir alles Wichtige zum Thema “Bewerbung schreiben” nachlesen konnten. Inklusive einer CD-ROM mit einer Word-6.0-Vorlage für einen Tabellarischen Lebenslauf. Ich sah der Deutschlehrerin ihren Ekel und ihre Scham an und schaute um mich herum in viele befremdete Gesichter, denn wir waren uns alle einig, dass das hier eindeutig furchtbarer als Hermann Hesse war. Schon allein, dass sich die arme Deutschlehrerin, immerhin eine studierte
Germanistin, nicht in der Lage sah, Bewerbungsmappeninhalte und deren Stil in gewohnter Weise mit uns pädagogisch zu erarbeiten, sondern auf Unterrichtsmaterialien des Klassenfeindes zurückzugreifen, zeigte schon, wie fremd ihr die ganze Geschichte war. Ich gestehe, ich zählte mich lange und sehr bewusst zum Team Dünkelhafte-Hesse-Befürworter, und zwar immer dann, wenn irgendwelche Stümper_innen versuchten, lebensweltnahe Inhalte in den Deutschunterricht einzubringen. Sollten sie sich doch gehackt legen, diese Praxisvorbereiter und Totoptimiererinnen, diese pisagläubigen Arschlochpädagogen, die mir meinen Bildungsbürgersöhnchensandkasten wegnehmen und mich zu einem Praktikum bei der Steuerberaterin um die Ecke überreden wollten.

Tja. Nun. Das Problem ist: Selbst wenn das Leben nicht in einer steilen Steuerberaterkarriere kulminiert, die Wahrscheinlichkeit für einen Lebenswerg á la “Narziß und/oder Goldmund” liegt trotzdem bei Null. Irgendwann solltest du besser mal mit dem Reflektieren aufhören, sonst hängst du ruckizucki am nächsten Baum. Irgendwie wurde total vergessen, uns auf die Leere vorzubreiten. Und nein, Mama, bevor ich wieder besorgte Anrufe bekomme, sooo schlimm ist es jetzt nicht und ich besitze außerdem auch gar kein passendes Seil zum daran Aufhängen. Wobei: Kleiner Lifehack, haha: Kabeltrommeln. Transportabel, reißfest, wenig verdächtig. Aber um noch mal auf die Leere zurückzukommen: Da stehste dann da im seichten Wasser deines Lebensflusses und das Wetter ist eher so mittel, nicht doll, nicht schlecht und merkst dann: Da hilft weder Faust noch die Bewerbungsmappe der Kreissparkasse Herford, die inzwischen nur noch Sparkasse heißt. Denn das gehört auch zur Wahrheit: Der Mephisto, der kommt auch nicht so ganz von alleine um die Ecke gesprungen und bietet dir den Gamble deines Lebens an. Probiers mal aus, schmeiß mal alles hin, misch dir einen Becher Gift zusammen und fang an rumzuschreien. Wenn du Glück hast, kriegst du eine Gefährderansprache durch die Polizei. Wenn du Pech hast, klingelt deine alte Deutschlehrerin und will dir einen Wachturm verkaufen.

Jehova Zeugen
Es standen zwei am Hauptbahnhof
Die waren stur, verhärmt und doof
Und die Version vom Paradies
Die’s Heft in ihren Händen pries
Sah aus wie damals ‘Falcon Crest’
Nur halt mit Morphium-Attest
Da dacht ich mir: Das kannst du auch
Nur besser und mit einem Hauch
Von Sechs-Appiel in der Verpackung
Ohne alle Sexverknappung
Denn die Leute wollen Porno
Nicht Sudoku und Adorno!

Also stellt ich mich dabei
Und raunte: “So, ist gut ihr zwei.
Ihr habt’s bewiesen, also geht,
Wie’s hinten in der Bibel steht,
Mit aller Macht des Gottesmannes,
Offenbart Euren Johannes
Und die Englein werden singen
Und die Heiden werden ringen
Mit der Fassung und dem Neid
Weil Ihr nun mal die Geilsten seid.
Und dann bespringt euch oft und weiter
Wie die Avokado-Reiter
In der Bibel. Oder so.
Steht da nicht ‘Masel tov dem Po’?”

So ungefähr war’n meine Worte
Doch die beiden war’n die Sorte
Abgebrühte Superchristen
Lächeln, Nicken, Daseinfristen.
Also stellt ich mich daneben
Hose auf, mein Christkind heben
Und die Menge hört zu quatschen
Auf und fängt dann an zu klatschen
“Ja, ich weiß” sag ich “Applaus
Holt mich nicht aus der Hölle raus.
Doch kommt, dank meinem Schwanz-Protest
Auch keiner rein nach Falcon Crest.

Das, meine Lieben, ist also dieses Niveau, von dem man immer wieder hört. Nichtsdestoweniger: Wieder ist ein Stündchen auf dem Floß vorübergezogen ohne einen einzigen Gedanken an Kabeltrommeln und tragende Äste. Gehabt Euch wohl, treue Koffer und Kofferienchen. Tschüß!

Vierzeiler

Es saß ein lieber Gott im Himmel
Zwirbelte an seinem Bart
Schaute runter ins Gewimmel
Schwupps, wurd ihm der Rest erspart.

EKW052 Ein Buch Zwo Drei

„Wenn du ganz haargenau das bist, was keiner sein will und keiner haben will. Wenn du eine winzige Nadel auf einer riesengroßen Wiese voll hochhaushoher Heuhaufen bist. Eine Nadel, die niemand sucht und niemals jemand suchen wird. Weil du nicht mal in einem der Heuhaufen liegst. Sondern irgendwo im abgemähten Gras dazwischen. Weil du stumpf bist und verbogen. Weil du eigentlich ein rostiger Nagel bist, der, wenn eine aus Versehen drauf tritt, ihr Blut vergiftet. Und wenn er doch gefunden wird, in hohem Bogen an den Wiesenrand geworfen wird, wo er nicht stört und niemanden verletzten kann.“

Hi, Matthias hier. Ich habe ein Buch geschrieben und das wirst Du wahrscheinlich bereits wissen, weil soooooooo viele hören diesen Podcast ja nun auch nicht und die, die ihn hören, wissen wahrscheinlich eh, dass ich diesen anderen Podcast namens “Im Moor” produziert habe, weil ich da noch ein Buch rumzuliegen hatte, das jetzt nicht so der absolute Selbstläufer bei den Verlagen war. Es gibt aber diese sympathische Weltfirma namens Amazon und die veröffentlicht einfach jeden Schrott, weil: kost ja nix und darum ist “Im Moor” jetzt auch als eBook bei Amazon und ab morgen oder übermorgen oder so auch hals Taschenbuch. Und Du: Also genau Du könntest mir einen riesengroßen Gefallen tun und dieses Buch kaufen oder zumindest rezensieren und am besten beides. Die Passage vom Anfang, die ist übrigens aus “Im Moor” und solltest du die Geschichte noch nicht kennen, kann ich soviel zumindest verraten: Das Wort “Hitler” kommt nicht ein einziges Mal drin vor, dafür aber fünfmal “BVB”, einmal “Brüste” und 39 mal “Scheiße”. Ach so: Und es gibt kein Happy-End. Auch Scheiße, oder? Zu Amazon vielleicht noch so viel: Amazon veröffentlich nicht nur meine Bücher ohne viel Gemecker, ich hab mit Aktien von denen im letzten Jahr auch mehr verdient, als der/die durchschnittliche deutsche Autor_in für sein/ihr aktuelles Buch an Tantiemen von einem durchschnittlichen Verlag ausgezahlt bekommen hat. Kann man blöd finden und hinterhältig und gemein, aber ich ganz persönlich hab von Peter Suhrkamp jetzt auch da nichts überwiesen bekommen, als der Laden noch lief. Und von Hugendubel auch nicht. Insofern: Fickt euch, Buchtypen.

Kreuzberg

Irgendwann da haben sie getanzt
In einem Saal mit großen, hellen Fenstern
Großen Spiegeln
Hellen Plänen
Und im Innenhof gab’s einen Etsy-Kurs zum Thema Körbe-Flechten
Murmeln und Gelächter
Alles Medizin – nicht Heilung aber Pflaster
Für den Mann von Gegenüber
Hinter einem dunklen Fenster

Irgendwann hat sich der Mann
Gitarre beigebracht
There Is A House In
Kreuzberg ist ihm immer fremd geblieben
Aber die Gitarre und das riesige Musikgeschäft
Am Moritzplatz war
Alles Medizin – nicht Heilung, aber Pflaster
Für den Mann von Gegenüber
Hinter einem dunklen Fenster

Irgendwann war keine Zeit mehr
Für die hellen Pläne
Und für die Gitarre
Irgendwann, da wurde alles grell und taub
Und stumpf
Und die Gitarre, als er sie in einer Ecke fand
War falsch und ließ sich nicht mehr spielen
Nie mehr wieder
Keine Medizin mehr. Aber Heilung
Für den Mann von Gegenüber
Hinter seinem dunklen Fenster
Der nach Hause ging

Es ist uns ja nur eine begrenzte Zeit gegeben hier auf Erden. Ich meine, das hätte Klara Hitler schon gesagt und sie musste es wissen, ihre beiden ersten Kinder waren schon wieder passé, da hatte die gute Klara den Satz noch nicht ganz ausgesprochen. Und ich will auch gar nicht behaupten, von Klara Hitler zu lernen hieße Siegen lernen, denn so viel hab ich dann doch aufgepasst im Geschichtsunterricht, dass es für diese These Gegenbeweise gibt. Nur: Das mit der begrenzten Zeit ist ja dann doch irgendwie zutreffend. Und klar, man kann diese Zeit mit Solitär und Minesweeper spielen verdaddeln, aber geholfen ist damit ja überhaupt niemandem, denn die Spiele sind gratis, die Autoren werden nicht nach Einzelspielsession entlohnt und die Spieler_innen selbst fühlen sich nach 30 Minuten Minesweeper auch nur beschissen. Ich hatte mal eine Maus namens Pam, wegen Pamela Anderson, die Maus hieß Pam, weil ich sie genauso lieb hatte wie Pamela Anderson und diese Maus, das muss ich vielleicht dazusagen, war eine dieser frühen Funkmäuse. Von Logitech. Und meine Liebste hat immer geschimpft, wenn sie Pam benutzt hat wegen der vergleichsweise großen Latenz der Mausbewegungen. Die haben der Liebsten nämlich den Minesweeper-Highscore versaut und darum bin ich dann eines Tages in die Woolworth und hab der Liebsten eine reudige Kabel-Pam gekauft. Amazon hat damals nämlich nur Bücher verkauft, stellt dir das mal vor, BÜCHER!. Von VERLAGEN! Und keine Kabel-Pam. Daraufhin hat die Liebste irrwitzige Minesweeper-Rekorde aufgestellt und ich hab vorsichtshalber nur noch Age of Empires gespielt, weil das war mit fast richtig Totmachen und Mädchen fanden sowas doof damals und ich musste nicht fürchten, dass die Kabel-Pam auch die Age-of-Empires-Highscore dominiert. Wäre mal ganz interessant, Age of Empires gegen Hitler zu spielen, also den Sohn, nicht die Mutter, und ich wette, er hätte verloren, weil er zu sehr mit Töten und Blitzkrieg beschäftigt gewesen wäre und zu wenig langfristig gedacht hätte, die armselige Wurst.

Aber um noch mal zu diesem Buch zurückzukommen: Einfach “Matthias Kleimann” und “Im Moor” eingeben und du findest mich bei Amazon. Wenn du nur meinen Namen eingibst, findest du zwar auch Bücher von mir, aber das sind dann so Straßenfeger wie “Medienlotsen gesucht! Konzeption und Evaluation einer Unterrichtseinheit zur Prävention problematischer Mediennutzungsmuster bei Schülerinnen und Schülern dritter bis fünfter Klassen im Rahmen des Berliner Längsschnitt Medien”. Und ganz ehrlich: Ich kann nicht so wirklich versprechen, dass die 98 EUR, die du dafür hinlegen musst, eine gute Investition sind. Dann lieber bisschen sparen und Amazon-Aktien kaufen. Ach so, und was das Mor angeht: Worum es geht? Gute Frage. Vielleicht um das hier. Und um vieles andere. Tschüß.

siechtum der sinne

das wort – dem ohr vertaut – jagt ins hirn wie ein eiliges
telefongespraech ins zimmer des vorstands geleitet wird
nicht jetzt frl., es ist dringend herr dr…..
ein schlag auf nackte haut erzeugt nur das bekannte
zittern der glieder und augenschliessen

das bild verglimmt panthergleich hinter dem augenzucken
die abwehr nur reflex und schlag – relflex
zeit heilt wunderglauben
ist fuer kleine kinder nicht
spricht nicht
malt nicht
weint nicht
wehrt sich
nicht