EKW005 home office

Manche Tage sind eben noch mal ungeiler als andere und da hilft auch die ganze Sonne nicht viel. Gereimt wird natürlich trotzdem und gelacht wird auch. Nur eben im Keller.

Folgentranskript:

Ich mag ja dieses „Draußen“ nicht. Dabei tät ich’s mögen wollen, ehrlich. Und als meine Eltern mir damals sagen: „Junge, geh doch mal raus“ da hab ich’s irgendwann sogar versucht. Wir haben draußen im Dschungel vor der Tür den Vietcong bekämpft. Mit Laserwasserpistolen und China-D-Böllern. Noch von Silvester aufbewahrt. War das denn jetzt besser? Ich seh auf jeden Fall Ansatzpunkte für Kritik. Doch da wir den Krieg gegen die Kommis damals eh verloren haben, frag ich mich, warum du da noch nachtreten willst. Der Punkt ist: Draußen ist alles schlechter! Manchmal kommt die Familie hier ins Arbeitszimmer und erzählt ein bisschen. Schule. Einkaufen. Lohnarbeit. Wir waren doch seit diesem SARS-CoV-2 auf einem vielversprechenden Weg. Aber „Homeoffice“ ist inzwischen wieder out. Sprachlich begrüße ich diese Entwicklung. „Home office“ ist im Englischen ein Büro zuhause, ein Arbeitszimmer, „Homeoffice machen“ nennt man „Working from home“. Period. Und klar können wir uns auch eigenen englisch klingende Wörter erfinden, da ist völlig in Ordnung, ich find Talkmaster und Oldtimer super, aber tu dabei doch nicht so fucking weltläufig! Du sitzt einfach an einem Computer zuhause in deiner Stinkebude und kriegst nix gebacken! Wie gesagt: Ich find’s gut. Ich steh dazu. Also eigentlich sitzt ich dazu. Aber ich hab dabei wenigstens einen anständigen Minderwertigkeitskomplex, weil ich nämlich nix gebacken kriege und sowas nenne ich „Anstand“!

Hallo, ich bin Matthias und mein erstes Reim-Dingsi heute heißt „Hauptbahnhof“. Den kenn ich noch von früher, als ich dachte, ich müsse wichtige Menschen mit Flexibilität und Langstreckenpendelei beeindrucken. Stellt sich heraus: Wichtige Menschen ticken eigentlich genauso wie ich selbst. Sie sind mit ihrem eigenen Scheiß – hallo Apple, hallo Mama! – sind also mit ihrem eigenen Scheiß völlig ausgelastet und können sich schlicht nicht für mich und meine Pendelei interessieren. Es ist sogar so: Meine Nachdenkerei darüber, was andere von mir denken, ist doch eigentlich purer Narzissmus. Die haben einfach anderes im Kopf. Am Hauptbahnhof Montag morgens um sieben kannst du das gut beobachten. Man muss sich den/die Montagspendler/in als unglückliche, arme Sau vorstellen, der/die vollständig mit dem eigenen Elend beschäftigt ist. . Und die paar, die du grinsen siehst, sind eigentlich die ärmsten Schweine, weil sie froh sind, von zuhause weg zu sein. Das ist eine Sicht der Dinge. Und zeugt vom Horizont einer AFD-Landtagabgeordneten. Eine andere Sicht ist die von Basti.

Hautpbahnhof

Die SC-Zwanzig-Zwanzig knarzt beamtisch
Sprechaufforderung sofort
Anwärter Bastian kniet vor Ort
Auf Renitenz und heult sehr dilettantisch

Die Tränen der Kassiererin sind trocken
Schon seit sieben langen Jahren
Die die Züge drüber fahren
Oben. Über frisch gewellte Locken

Ritter Bodo, Stückpreis Achtzehn Fünfzig
Die Palette schiebt aufs Band
Den Blick zu Boden, stinkt, die Nase rümpft sich

Endlich kommt Verstärkung angerannt
Zehn Kerle. Renitenz wird winzig
„Basti, Mann! Schlag zu. Der ist bekannt…“

Das, meine lieben 1,5-fache-Geschwindigkeitshöre_innen, war ein Sonett. Es lebt von seiner formalen Klarheit und der sich daraus ergebenden besonderen Sprachmelodie und die ist mit Bindge-Höring ebenso schwer zu erkennen wie du ein Stück Schokolade aus einem Teller Kartoffelgratin herausschmeckst, wenn du vorher alles zusammen in den Hochgeschwindigkeitsmixer haust! Nun gut. Du kannst das gerade nicht hören, aber da draußen plärrt ein Bussard durch die Gegend. Ist bestimmt eins der Bälger von diesem Sommer. Schreit nach Mami und Papi und findet’s ungeil, selbst Futter suchen zu müssen. Also im Klartext: Töten zu müssen. Denn hier in der Gegend sind totgefahrene Katzen, die man bequem vom Straßenrand ablecken kann, eher selten. Der kann nicht einfach Homeoffice machen. Aber, kleiner Tipp, Bertram: Die Schreierei hilft auch nicht. Du musst ja jetzt raus, Existenzen vernichten. Es gibt bestimmt auch ein, zwei kritische Stimmen in der Bussardwelt, die das alles in Frage stellen und Streitschriften zu dem Thema veröffentlichen, aber einfach nur dasitzen und rumkrähen bringt nix. Ich seh ihn übrigens. Sitzt oben auf dem Kastanienbaum. Überlegt vielleicht gerade, ne Emo-Punkband zu gründen. Ich würd‘ mir das anhören, aber das Risiko, dass du dir demnächst irgendwannne Schfrotflinte an den Schnabel setzt, ist relativ groß.

Die Kastanien nerven übrigens auch. Eigentlich sind Kastanien ja cool. Aber seit wir dem Nachbarn seinen alten nicht genehmigten Bootsunterstand beim Bauamt angezeigt haben, hat der Arsch einen neuen Wellblechverschlag da hingebaut und Kastanien, Herbst, Wind und Wellblech sind eine ganz dumme Kombination. Ich müsste vielleicht doch mehr raus. Sonst wird aus dem schimpfenden Zausel im Homeoffice noch ein unsympathischer schimpfender Zausel und das täte diesem Podcast wohl nicht gut. Vielleicht bestell ich heute mal nix bei REWE online, sondern gehe so richtig einkaufen. So wie Werner, von dem der nächste Text handelt:

Werner

Die Szene spielt im Supermarkt
Grad neben Sahne, Milch und Quark.
Der Typ, um den es geht, hockt still
Vorm Kühlregal und schluchzt sehr viel.

Vor ihm steht die Kassiererin.
Sie schämt sich fremd, sie schaut kaum hin.
Zu Unrecht, klar, damit Ihr’s wisst!
Weil der da sitzt das Opfer ist.

Was ist passiert? Ihr ahnt es schon,
Es geht um Masken, Pflicht und Fron.
Die Kumpels nennen ihn den “King”
Er macht nicht mit! Er fläzt sich hin.

Jetzt hat er schon seit 9 Uhr früh
Nix mehr gegessen. Ohne Müh!
Doch er baut ab, das kann man sehn,
Kein Wunder, ist gleich schon halb zehn.

Der King bleibt hart, hat, statt zu spuren,
Sich gesetzt, mit Magenknurren,
Vor der keifenden Walküre
Scheint er keine Angst zu spüren.

„Masken müssen alle Kunden“,
Sagt sie nochmals unumwunden
„Tragen, wenn sie diesen Laden
Letztlich zu betreten wagen!“

„Niemals nie!“ Der King heult auf
„Ich habe ein Attest!!“ Worauf
Der tapfere Geselle schnell
Zur Tasche greift, die sich im Fell

Des Mantels, den er trägt, versteckt.
Der Zettel, den er, leicht verdreckt,
Herauszieht, wirkt sehr offiziell,
Kein Wunder, wurd‘ er doch speziell

Im Copyshop für ihn kopiert,
Vom Inhaber höchstselbst signiert,
Und darauf steht: „Ich, Werner König,
Finde Masken doof. So. Nämlich!“

Stempel drauf und laminiert
Wirkt das Papier hübsch ausstaffiert
Mit Würde, Siegel und Courage…
Doch hilft‘s nix! Werner ist ein Arsch.

Und ignorant. Selbstmitleid spritzt,
Wenn er da auf dem Boden sitzt,
So maskenlos und voller Qual,
Nach rechts und links und überall.

„Artikel Eins!“ krakelt er laut
Bevor er merklich Schneid abbaut.
Zu wenig Zucker, das rafft ihn,
Den Widerständler, schnell dahin.

„Artikel 1 is‘ da nicht drin“,
Die Frau zeigt zu der Kasse hin,
„Bei uns hab‘n alle Waren vier
Oder auch fünf Stell‘n, sag ich dir.

Das liegt an unserem Kassen-dings
Damit‘s auch stimmt am Ende. Stimmt’s?“
Doch Werner schweigt und heult jetzt still,
Soll sie doch quatschen, wie sie will.

Er hält das hier noch lange aus
Bis zehn bestimmt. Und der Applaus
Der Massen wird ihm sicher sein.
Dem König. King! Dem armen Schwein.

Geht irgendwie viel um’s Einkaufen heute. Ich frag mich nur gerade, woher die Verknüpfung von Einkaufen und Rausgehen kommt…? Eigentlich kauf ich viel lieber online ein. Der DHL-Mensch und ich, wir sind echt dicke Buddies, wir schenken uns sogar was zu Weihnachten. Leider sehen wir uns in letzter Zeit nicht mehr so oft, weil Amazon inzwischen häufig seine eigenen Leute losschickt, die für 50 Cent weniger den gleichen Job machen. Die sind auch nett. Nur immer so gehetzt. Seit SARS-Cov2 gibt’s in den Amazon-Versandbestätigungsmails ja diesen neuen Textbaustein: Um die Sicherheit unserer Kunden und Zustellpartner zu gewährleisten, stellen wir jetzt Pakete vor Ihrer Haustür ab und nehmen einen sicheren Abstand ein, bevor Sie die Sendung entgegennehmen. Im Klartext: Wir benötigen pro Lieferung 30 Sekunden weniger und können bei gleichem Lohn mehr Pakete pro Zusteller_in ausliefern. Geil. Hätte ich keine Aktie von denen (Singular, richtig, guck mal, was die Dinge kosten!), also hätte ich keine Aktie von denen, ich fänd’s ja fast ein bisschen zynisch. Zynisch ist ein gutes Stichwort: Ich bin nicht zynisch. Mich kotzt nur vieles so stark an, dass ich lieber zuhause bleibe, um das Ausmaß der Schweinerei nicht auch noch draußen besichtigen zu müssen. Vielleicht frag ich den Bussard doch noch, ob er mich in seine Band aufnimmt. Ich hätt so gar einen Textvorschlag für einen Song. Und damit „Tschüss!“ und bis die Tage.

Marjorie

Ich wusste schon als kleines Kind
Dass Abfall spricht, dass Müllkippen voll Weisheit sind

Das hat der Fernseher mir erzählt
Im Flimmerlicht der bunten Kinderstundenwelt

Und gestern vor dem Supermarkt
Da sah ich Dich, Du warst sehr still und rochst sehr stark

Du wolltest Geld stand auf dem Schild
Im Dämmerlicht neben dem Wurstreklamebild

Oh Majorie
Oh Majorie
Du stilles dummes Ding
Ich hätte Dich gemocht
Dich finanziert, ja wenn du doch
Mit mir gesprochen
Hättest
Und nicht so gerochen

Ich hab dann lieber Wurst gekauft
Mit Lachgesicht, da stehen meine Kinder drauf

Und aus dem Angebotsregal,
Du glaubst es nicht, ’nen quittengelben Fraggles-Schal

Als ich dann rauskomm’: Gleiches Bild
Ich sehe Dich auf dem Asphalt mit Deinem Schild

Ich hätt’ dir fast den Schal geschenkt
Doch dein Gesicht war tot, das hat mich abgelenkt.

Oh Majorie
Oh Majorie
Du stilles dummes Ding
Ich hab Dich fast gemocht
Mit dir parliert, wenn du doch ooch
Mit mir gesprochen
Hättest
Und nicht so gerochen

Oh Majorie
Oh Majorie
Du totes, stummes Ding
Sie hab’n dich weggebracht
Sowas passiert, wer hätt’s gedacht
Hätt’st du gesprochen
Hätt’ ich
Später nicht gebrochen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.