EKW007 Elfenbeinturm

Das ist ja so eine Sache mit Elfenbeintürmen. Einerseits sind sie ökologisch höchst fragwürdig, andererseits sind sie auch aus anderen Gründen das eine oder andere Bombardement durch die NATO wert. Oder UNO. Hauptsache kaputt.

In der Episode erwähnte Links: https://siebenmeilenstiefel.antville.org/stories/348864/

Hinter dem Kaninchenstall

Die Galaxis hinter dem Kaninchenstall
Hat aufgehört, den Löwenzahn zu fressen.
Auch den Ampfer rührt das Biest nicht an und
Vitamine, die es dringend für die Expansion
Bis in die Kleine Magellansche Wolke braucht
Die holt es sich direkt
Von den Kaninchen

Sie ist also ausbaufähig, diese Galaxie
Und auch unser Verhältnis zueinander,
Das zuletzt doch arg gelitten hat unter
Gesteigertem Kaninchenhunger
Dicht gefolgt von stark gesteigertem Verbrauch
Besagter Hasentiere inklusive
All der Sauerei

Mit Galaxien reden – viel gehört und noch
Viel häufiger gescheitert, hört man auf
Die Youtube-Astronomen – Ignorieren!
Heißt es. Oder mit dem Spaten drauf
Das Blutbad hinter dem Kaninchenstall
Ersetzt Dir niemand, junger Freund,
Denn Oma (die mit Taschengeld und Schokolade), die ist tot

Der Ampfer wiederum, der wächst
Wird immer größer! Erst war‘s toll
Dann war das Luftfahrtbundesamt
Am Telefon. Der Russe (oder war’s
Der Ami?) hätte sich beschwert
Wegen der Düsenflieger, die
An Blättern hängenblieben

Einwand meinerseits, wenn erst einmal die Galaxie
Hinter‘m Kaninchenstall so richtig
Blähte, sei es eh vorbei mit Düsenfliegern,
Traf auf taube Ohren und ein Ordnungsgeld.
Was wissen denn Beamte von Physik
Und Expansion und Ampfer und Kaninchen
Nix.

Hi, lass‘ ma über Wissenschaft reden. Ich bin Matthias und natürlich wissen wir beide, du und ich, was Wissenschaft ist. Ich hab Luhmann gelesen, du hast Luhmann gelesen. Also…
Hast du Luhmann gelesen? „Die Wissenschaft der Gesellschaft“? Ernsthaft? Ich meine: Durchgelesen? Oder, besser, durchgehalten? Wirklich? Ich nicht. Luhmanns Buch über die Liebe liegt immer noch hier auf meinem Nachttisch. Seit 15 Jahren! Ich hab mal gehört, „Liebe als Passion“ sei Luhmanns bei weitem erfolgreichstes Buch gewesen, ein regelrechter Bestseller. Und ich sag Dir auch warum: Weil dieses Buch einfach absolut umwerfend aussieht auf einem Nachttisch. Stell dir jetzt mal vor, du hast deinen ersten Übernachtungsbesuch mit dem einvernehmlichen Ziel vor dem Einschlafen sexuelle Handlungen vorzunehmen, und dann liegt da, gut sichtbar für das, ich sag mal höflich, wenn grammatikalisch auch… fragwürdig, also dann liegt da gut sichtbar für das SUBJEKT Deiner Begierde, dann liegt da dieses Buch aus dem Suhrkamp Taschenbuch-Verlag: „Liebe als Passion: Zur Codierung von Intimität“. Das ist quasi das Nerd-Äquivalent zu Diddelmaus-Bettwäsche und einem Kamasutra-Ratgeber. Oder dieser Fifty-Sheets-Of_Grey-Kacke. Wobei Luhmann wohl niemals gedacht hätte, dass ein Bürotacker oder eine Wäscheleine jemals zur Codierung von Intimität benutzt werden können…

Aber wir wollten ja über Wissenschaft reden. Ich bin Wissenschaftler. Ich hab hier direkt neben mir ein ganzes Regal voller Beweise stehen. Und das, obwohl hier nicht mein Schlafzimmer ist und ich mich als zufrieden verpaarten Menschen beschreiben würde. Eine in meinem Fall ParterINNEN-Beeindruckung steht in absehbarer Zeit nicht an. Denn die seit zwei Dekaden aktuelle potentielle Beeindruckungszielperson musste meine Dissertation korrekturlesen und ist auch sonst nicht sonderlich beeindruckt von wissenschaftlichen Statussymbolen. Wie Kongressnamensschildern, Selfies mit Albert Bandura oder roten Nomos-Bänden mit meinem Namen auf dem Rücken. Nein, nein. Die Beeindruckungszielperson bin in meinem Fall ich selbst. Weil ich Wissenschaft nämlich zu 50 Prozent der Zeit mit ihr gehasst, 45 Prozent ertragen und nur 5 Prozent der Zeit abgöttisch geliebt habe. Also anteilsmäßig quasi direkt Gegenproportional zur Zeiteinteilung mit der eben genannten potentiellen Beeindruckungszielperson. Es gibt also von Zeit zu Zeit Beeindruckungsnachholbedarf mit dem Ziel der Selbstwertsteigerung. Besonders hilfreich sind dabei immer die englischsprachigen Journalartikel, an deren Genese ich mich nur noch schemenhaft erinnere und ich denen es nicht selten einfach nur darum ging, andere Forschungsgruppen auf die wissenschaftlich feine Art zu widerlegen.

smart poem

to ace an asshole out: show him
grace and start a smart poem!
liberate his mind! throw him
out of oz, get words goin’
down his throat, let doubt growing
gross amongst his conk! know him
well – but better! then: blow him
down and get his thoughts flowing

Kanntest Du das Wort “conk“? Ich hab einfach den schönsten englisch-umgangssprachlichen Begriff für Kopf im Wörterbuch gesucht, der in diesem Fall auch Nase, Zinken, Knolle bedeuten kann. Und das ist natürlich die Seite von Wissenschaft, die ich total toll und sympathisch finde. Diese internationalen Treffen mit anderen jungen Dilettanten, die genau wie ich selbst im Kongress-Smalltalk die richtigen, clever klingenden Begriffe in Google Translate suchen, oder, weil sie die Nacht vor der wichtigen Präsentation wegen eines bei Dunking Donuts eingefangenen Noro-Virus auf dem Klo verbracht haben, dann am nächsten Tag noch kreidebleicher als eh schon vor den 15 anderen Nerds stehen, die sich auf der ganzen Welt für ein abseitiges Abseitsthema interessieren. Nur können diese sorgsam gehüteten Lagerfeuergeschichten natürlich nicht das Verdrängen, was Wissenschaft häufig ist: Schlechte Bezahlung, Familienfeindlichkeit im Allgemeinen und Frauenfeinlichkeit im Besonderen, Hierarchiegewichse, Stiefelleckerei, autoritäre Kackscheiße und auch sonst jede Menge Zeugs, das eher nach 1950 schmeckt als nach Post-1968.

mein elfenbeinturm

mein elfenbeinturm könnte sein:
ein grauer häuserblock
in dessen küche auf dem tisch
noch nudeln steh‘n
lauwarm und umkreist
von betäubten gesprächen
wie fliegen im november

der flur eine flucht
vorbei an selbstverwalteten
zielvereinbarungen und
eigenverantwortlicher
verzweiflung
meine zelle trug,
darauf habe ich geachtet,
kein zeichen
der verbundenheit:
kein bild des königs von glogmonien
bei der schweinejagt

lange habe ich den tag ersehnt
an dem ich diesen turm mit leichtem spott
in einen vierzeiler verbanne,
einen lächerlichen reim
für seinen namen finde
und ein ehrliches wort
des abschieds
dann fiel mir holger ein, der arme wurm,
der keineswegs schon immer eine waldfee war,
und ich war froh, dass ich nur seinen turm,
und nie sein krankenhaus von innen sah

Wenn du wissen willst, warum Holger, die Waldfee, einst ein Krankenhaus aus Uran sowie einen Elfenbeinturm baute und schwer dafür büßen musste, dann hab ich Dir hier mal was verlinkt:

https://siebenmeilenstiefel.antville.org/stories/348864/

Das alles heißt nun nicht, dass Wissenschaft nicht unglaublich wichtig für mein Leben war. Wer einmal ein dickes wissenschaftliches Buch geschrieben und es gehasst hat, ist danach für jede Zeile dankbar, die er oder sie einfach nur so subjektiv dahinschwafeln darf. Ich hab in der Wissenschaft vor allem die Mittagspausen geliebt, in denen ich mit den Kollegen einfach wild-assoziativ Hypothentürme bauen und wieder einreißen durfte. Da musste nix mit Literatur oder Daten belegt werden. Und es ging auch gar nicht um’s Recht- oder Unrechthaben, es ging einfach nur um die Fülle der Möglichkeiten. What, if…?! Die Galaxis hinter meinem Kaninchenstall, die ist ganz real! Und absolut existentiell wichtig! Für mich. Ganz ohne Logik, Literatur und Impact-Factor. Die Galaxis hinter dem Kaninchenstall hat mir schon einige Male den Arsch gerettet.

Es war einmal ein kleiner Mann,
Der hatte keine Zunge.
Schrieb ´ne Beschwerdemail an Gott
Schwupps! Fehlte ihm ´ne Lunge.

Er nuschelte so vor sich hin,
Kein Wunder, ohne Zunge,
Und schickte Gott `ne Virenmail
Ins Jenseits. Junge, Junge…

Der Schöpfer sah’s und war empört
Und strich ihm dann die Leber,
Ein Bein, ´ne Hand, den Po, ´nen Fuß
Sieht scheiße aus. Sagt jeder.

Im Himmel stürzt der Server ab,
Hier häufen sich die Krüppel,
Extremitäten sind gefragt
Und nirgends sieht man Nippel

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