EKW008 Humphrey

Humphrey hat im Grunde nichts falsch gemacht. Sein Frauchen aber um so mehr. Oder?

Folgentranskript:

möder mups

müder mops du liegst so stille
auf des dichters lesebrille
schaust so mopsig in die welt
während dichters kragen schwellt
schwups, da ist es schon passiert
der poet ist blöd blamiert
statt im duden nachzulesen
ist er zu spontan gewesen
schwellen ist okay, doch schwellt?
dafür gibt’s vom lektor schelt
schwups, schon wieder, blöder hund! er
geht nicht von der brille runter!
mumps, nein, mobst, du dummer köter
pennst hier probst, du schwummerflöter!
auf die peine! prille rauf!
nein, nicht du, mups! ach gebs auf

Humphrey tut mir leid. Das hört sich emphatischer an, als es ist, denn wenn ich darüber nachdenke, dann tut mir Humphrey immer genau dann leid, wenn ich mir selbst leid tue. Mein Mitleid mit Humphrey ist also bei näherer Betrachtung nur das Nebenprodukt meines Selbstmitleids, und ich fürchte, solch ein Schein-Empathie-Muster ist gar nicht mal so selten in der Welt. Vielleicht ist es sogar eher die Regel als die Ausnahme. Aber ich will mal nicht gleich wieder ins Grundsätzliche abrutschen. Wer weiß: Vielleicht bist Du, genau wie ich übrigens, gerade erst aufgewacht und tastest noch halbblind nach dem Sinn Deines Daseins und schwubbeldiedupps wird im ersten Podcast des Tages auf Scheingrundsätzlichkeiten herumgeritten wie auf einem schlecht gealterten Jahrmarktspony. Jahrmarktsponys tun mir übrigens auch leid. Und so sehr ich gerne von mir behaupten würde, das läge einzig und allein am Anblick dieser erbärmlichen Kreaturen, so scheint es mir doch, als sähe ich im Grunde nur mich selbst und meine müde Existenz am Rande einer winzigen Manege immer nur im Kreis herumreiten. Selbst ein Richtungswechsel ist nicht drin und das einzige, was ich zwischen meinen Scheuklappen zu sehen kriege ist ein vor mir trottender Pferdearsch. Aber wer weiß? Vielleicht ist das alles auch reine Projektion. Vielleicht ist Humphrey der glücklichste Hund der Welt und er liebt sein Frauchen abgöttisch. Tja. Vielleicht bin ich der einzige Mensch weit und breit, der Humphreys Frauchen gerne gefesselt und geknebelt an einem Marterpfahl sähe. Wobei das Knebeln wirklich wichtig ist! Denn nur in diesem Zustand hält die alte Plumpskuh zuverlässig ihre Klappe und bölkt nicht andauernd „Humphrey!“ durch die morgendliche Stille! Du merkst schon, dieses Stilmittel, mit einer Geschichte in der Mitte zuerst anzufangen, das beherrsche ich mit großer Virtuosität. Trotzdem, um mal ein wenig Grund in die Sache zu bringen, erzähle ich die Geschichte mal von Beginn an:

Humphrey ist ein Hund. Zumindest glaube ich das, denn ich hab ihn noch nie in meinem Leben gesehen und auch tatsächlich nie gehört. Insofern kann ich präzisieren: Humphrey ist ein äußerst stiller Hund. Nur das Geräusch seines Körpers, wie er durch das Gras und die Büsche hinter unserem Grundstück läuft kann ich manchmal hören. Überdeutlich laut ist dagegen ist das Gezeter aus dem Mund von Humphreys Frauchen. Auch diese Dame hab ich noch nie in Gänze sehen können. Aber ihr „HUMPHREY!“, das kann ich Dir in allen seinen Schattierungen vormachen. Da gibt es dieses kurz angebundene, fast gebellte „Humphrey!“, bei dem man noch denken könnte: Schau an, da ist jemand mit einem jungen Welpen unterwegs und will ihn mit kurzen, präzisen Lauten zu einem folgsamen und treuen Begleiter erziehen. Nur stimmt das ganz offensichtlich nicht oder war zumindest maximal erfolglos, denn diesen Ruf höre ich nun seit mehr als zwei Jahren, direkt unter meinem Schlafzimmerzimmerfenster von der Wiese hinter unserer Gartenhecke. Dann gibt es auch noch ein ähnlich kurzes „Humphrey!“ mit Betonung auf dem längeren „Haaamm“, als würde Frauchen den Hund gerade auffressen und dieser Vorgang würde wie in einem Comic durch ein lautmalerisches „Haaamm!“ illustriert. Am schlimmsten ist aber das noch weit kürzere, „Humphrey!“ bei dem ich, je nachdem eigentlich nur ein ultrakurzes „Hamm!“ oder „Phrey“ heraushöre. Es zeugt von einer ebenso heftigen wie unterdrückten Frauchen-Aggressivität, dass ich wirklich nur hoffen kann, dass diese Dame nicht auch noch Macht über andere Lebewesen hat. Und, wie bereits erwähnt: Humphrey gibt bei alldem keinen Ton von sich. Kein kurzes Bellen oder Protestieren, kein demütiges Jaulen oder streitlustiges Knurren. Ist er schwerhörig? Resigniert? Oder hat er einen Weg gefunden, Frauchen einfach komplett zu ignorieren. Vielleicht spielt in seinem Hundkopf fortwährend ein leicht panisches „Nanananana!“ oder er stellt sich vor, er sei alleine eingesperrt in einem Metzgerladen und hätte alle Zeit der Welt, sich ein ausgiebiges zweites Frühstück zusammenzustellen.

Das zweite Frühstück erwähne ich nicht rein zufällig. Denn Humphrey und sein Frauchen tauchen immer wirklich früh hinter unserer Hecke auf. Wenn ich Glück habe, zeigt der Wecker eine sieben, und unter der Woche ist das dann okay, denn wir sind längst raus aus dem Bett. Aber es kann auch gerne einmal irgendwas mit sechs sein und Wochenende, so wie heute, und dann schwillt in mir der Hass.

Hundstag

Wenn am Kai die Wellen schwellen
Hundewelpen heiser bellen
Wenn das Bellen Blubbern weicht
Kühles Nass die Lefzen streicht
Erste Canoidkadaver
Treiben. „Schau, ein ganz, ganz braver!“
Wenn in lauen Abendstunden
Sich dann Ruhe eingefunden
Hat, das sag ich unumwunden,
Ein Tsunami stattgefunden

Ich habe auf meinen Social-Media-Kanälen bereits mehrfach relativ unverblühmte Gewaltphantasien gegenüber Humphreys Frauchen geteilt. Nun ist mein soziales Netzwerk auch im virtuellen Raum stark begrenzt und diese Gedanken stehen in aller Regel ungelesen und unkommentiert im Raum und zwar auf eine Art und Weise unkommentiert im Raum, dass ich hin und wieder überlege, dass mich andere Menschen einfach ebenso wenig mögen wie ich Humphreys Frauchen. Ich verwerfe diese Hypothese aus Selbstschutzgründen meist sofort. Aber der rational denkende Mensch in mir weiß natürlich: Sooo abwegig ist das alles nicht. Und in Augenblicken, wenn sich mein Denken in diese Richtung entwickelt, in diesen Saugenblicken entwickelt sich mitunter eine Art Empathie für Humphreys Frauchen. Was, wenn sie selbst eine jahrelang weitgehend unbeachtete soziale Existenz fristet? Mit Humphry als einzig verlässlicher Interaktionsinstanz? Ist das denn wirklich so abwegig? Der Klang ihrer Stimme und die Menge an Zeit, die sie täglich in den Hund investiert sagt „Nein, ganz und gar nicht!“ Gut, diese Erkenntnis erscheint bei näherer Betrachtung sogar recht trivial. Und wie herum die Kausalität nun genau zeigt, also ob ihre Einsamkeit zum Hund führte oder ihr aufreibend nerviges Verhalten gegenüber und mit dem Hund zu Einsamkeit, ist dann eigentlich auch egal. Es ist jedenfalls gar nicht auszuschließen, dass all diese enervierenden Humphrey-Rufe letztlich nur verzweifelte Schreie nach Liebe und Beachtung sind und meine Reaktion darauf vielleicht suboptimal, aber immer noch besser ist als gar keine Reaktion.

leierkastenmann

Dann schenken Sie mir einen Grund, dass ich lebe, sagt sie, schenken Sie mir, sagt sie, Ihren Hund. Dann schenken Sie mir Ihren Golden Retriever, sagt sie mir, ach schenken Sie mir Ihren Hund. Ich schenke ihn ihr und sie dankt mir ganz herzlich, sagt sie, vielen Dank für den goldenen Hund. Der Hund heißt Irene, sag ich ihr, da nickt sie, Irene, sagt sie, find ich irgendwie schön. Dann nimmt sie den Grund, dass sie lebt, an die Leine, Irene, sagt sie, du mein goldener Hund. Den goldenen Hund an der Leine verschwindet sie, langsam, die Hand an der Leine den Hund. Da steh ich allein am Geländer und lebe auch ohne Irene und schau auf den Grund.

Mir ist gerade aufgefallen, dass ich bereits eine Menge zu Humphreys Frauchen und überraschend wenig zu Humphrey selbst gesagt habe. Ja klar, ich hab ihn ja auch noch nie gesehen. Sein Frauchen aber auch nicht, bis auf das eine Mal, wo ich morgens schwer genervt zum Schlafzimmerfenster gehechtet bin und über die Hecke hinweg gerade noch einen Hinterkopf erhaschen konnte. Und so rentermäßig bin ich dann doch noch nicht drauf, dass ich Menschen in dieser Situation noch wutentbrannt hinterher schimpfe. Ich hab, ganz ehrlich gesagt, einmal dann doch gemacht, aber das ist eine Geschichte für eine Einzelfolge… Aber ich wollt ja bei Humphrey bleiben. Was ist über ihn noch weiteres zu sagen? Nun vielleicht so viel, und ich bemühe mich jetzt wirklich um das maximal mir mögliche Maß an diplomatischem Geschick: Es ist vollkommen okay, dass es Hunde gibt. Ehrlich. Ich akzeptiere die Existenz von Hunden und werde ihnen, außer es geschieht in Notwehr, auch kein Leid antun. Aber meine ganz persönliche Meinung über Hunde, ihre positiven Eigenschaften und insbesondere ihre Intelligenz betreffend, behalte ich einfach mal für mich. Denn was auch immer ich Negatives über sie zu sagen hätte: Das Aller-Allermeiste fiele letzten Endes auf ihre Züchter- und Besitzer*innen zurück. Und ganz ehrlich: Irgendetwas in mir drin hofft wohl immer noch, dass die Menschheit besser ist als die Summe ihrer durch „HUMPHREY“-Rufe verkorksten Vierbeinerfreunde.

Tschüssikoswki,

Hund

Es lief aus keinem guten Grund
Durchs Viertel einst ein kleiner Hund.
Er hatte Langeweile und
Sah in den Fenstern all den Schund,
Den Menschen kaufen. Beispielsweise:
Latex-Strapse, Bügeleisen,
Bücher voll mit pseudoweisen
Anekdoten von den Reisen
Eines kleinen Hundes, der
Durch die Stadt läuft, während er
In die Fenster schauend schwer
Atmend gern woanders wär.
‘Armer Hund!’ sann er, ‘Ich nöle
Nie mehr wieder!” Dumme Töle.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.