EKW009 Backe, backe

Backen, oder? Kochen ist okay, aber backen: Hammer. Es ist von tausendsiebzehn Expert*innen schon hinreichend über die Magie des Backens oder auch die fundamentalen Unterschiede zwischen Backen und Kochen philosophiert werden. Ich wiederhole oder ergänze das an dieser Stelle nicht, denn ich bin wenig kompetent und außerdem nähere ich mich den Dingen ja gern vom poetischen Blickwinkel her.

Brötchen backen

Die Brötchen schwitzten dampfend heiß
Im Ofen, wo der Brötchenschweiß
Als herrlich krosser Duft entwich
Und lockend durch die Wohnung schlich
„Steht auf ihr Kinder! Höchste Zeit
Das Frühstück lockt und ist bereit!“
Das schien der Duft sehr leis‘ zu flüstern
Doch er tat es heiß und lüstern.

Allerdings, das sei erwähnt,
Fand sich kein Kind, das müde gähnt,
Um dann, den Duft im Nasenkolben
Diesem aus dem Bett zu folgen.
Vielmehr schnarchte die Familie
Um die Wette, ganz in Spiele
Nächtlich-warmer Traumbetrachtung
Tief versunken. Und Beachtung
Fand das köstliche Buffet
Aus Eiern, Schinken, Früchten, Tee,
Und den erwähnten frischen Schrippen
Nicht beim Rest der trägen Sippe.

Längst schon sind die Brötchen gar
Herausgeholt und liegen da
Im Brotkorb, dampfend, voll Vertrauen
Auf den Tod durch starkes Kauen.
Bis die volle Männerstimme
Ihres Bäckers, nun im Grimme
Des geschmähten Romeos schreit:
„Zum Frühstück, Leute, es wird Zeit!
Und endlich, fünf Minuten später
Steht der erste Schwerenöter
Schlafestrunken in der Tür
Und setzt dann an, noch stark verwirrt:
„Du Papa, ist ja lieb gemeint.
Und ja, es riecht auch toll, wie’s scheint…
Nur könnt’st du eins mal bitte checken
Statt uns andauernd aufzuwecken?
Abends weggeh’n ist okay.
Da kann man seine Freunde sehn,
Was trinken, auch mal mehr, gebongt.
Und wenn man dann nach Hause kommt
Sich in die Küche setzt, mal zwei
Drei Sachen isst, bin ich dabei…
Nur wär’s danach echt cool von dir
INS BETT ZU GEHN. ES IST HALB VIER!

Hi, ich bin Matthias und Du hast Dich, ich kann nur spekulieren aus welchem Grund, in meinen Podcast verirrt. Die Idee zum just gespielten Poem kam mir nach abermaliger Lektüre von Goethes Meister Wilhelm, in dem er schrieb:

Wer nie sein Brot mit Tränen buk,
Wer nie nach durchgezechten Nächten
Hefe zur Erschöpfung schlug
Hat nicht gelebt wie Gott es möchte

Es ist wohl mehr als purer Zufall, dass ich meine Kindheit quasi im Schatten des berühmten Meister-Wilhelm-Denkmals verbracht habe. Das Backen ist mir quasi zweite Natur geworden und darum möchte ich., bevor es mit mehr selbstgeklöppelter Lyrik weitergeht, an dieser Stelle kurz einige Backtipps zum Besten geben:

Erstens: Vanillin ist völlig okay. Klar kannst Du Unsummen für „echte“ Vanille“ ausgeben, aber die Ernährungsalchemisten von Dr. Oetker oder Ruf oder whatever sind weder Idioten noch Terroristen. Spar Dein Geld besser für coole Weihnachtsgeschenke. Und wenn Du partout echten Vanillezucker verwenden willst, dann mach ihn Dir selbst. Vanilleschoten kaufen, in ein Glas Zucker stopfen, warten, fertig.
Zweitens: Du kannst Hefeteig genau nach Omas Rezeptheft machen mit Vorteig und Holzlöffel und 3 mal bei Vollmond gehen lassen und diesem ganzen Foodblogger*innen-Hokuspokus. Oder: Nimm einfach mehr Hefe! Von mir aus auch viel mehr. Hefe riecht gut, Hefe schmeckt gut, Hefe ist einfach geil. Der Geruch von Hefe allein oder auch das Gefühl, minutenlang einen Hefeteig zu kneten, rettet manchmal einen ganzen trüben Tag. Und wenn Du echt auf Kriegsfuß mit Hefe stehst, warum auch immer, man darf sie auch ruhig mit Backpulver mischen. Ja. So fucking what?! Deine Oma ist tot und es gibt keinen Himmel, von wo aus sie strafend runterguckt. Ey, und selbst wenn: Sie kann absolut nichts! Dagegen! Tun! Okay, wenn Du aber, zum Beispiel wegen Histaminen echt nur wenig Hefe verträgst, oder wenn’s mal echt „real“ werden soll – beachte die Tautologie, das heißt, jetzt kommt ein totaler Geheimtipp: Dann nimm wenig Hefe für den Teig und lass ihn eine ganze Nacht im Kühlschrank gehen. Richtig geil. Nur die Schüssel sollte groß genug sein und verschlossen, sonst hat die Hefe am nächsten Morgen den gesamten Kühlschrank erobert. Hefedingsis snd nämlich, was das angeht, kleine Naziarschlöcher.

Der Kuchen

Man saß in altvertrauter Runde
Um den Tisch, in aller Munde
Mischte Kuchen sich mit Speichel
Und mit Tee. ´Ner ohne Zweifel
Exquisiten Mischung aus
Dem besten Bremer Bürgerhaus.

Der Kuchen war aus Rumrosinen,
Margarine, Mohn. Es schienen
Alle Mäuler um den Tisch
Recht stark, doch angenehm erfrischt,
Als plötzlich mitten unter ihnen
Jemand schrie. Und alle Mienen
Der Versammlung wurden starr,
Weil man doch sah, dass niemand da
War, dem den Schrei man zuzuordnen
Wirklich in der Lage war.

Nun mag die eine oder and‘re
Hörer*innen-Hypothese
Wenn der Blick zum Titel wandert
Ahnen, welchem Wunderwesen
Dieser Überraschungsschrei
Am Tisch wohl zuzuordnen sei.
Und klar: Natürlich war‘s der Kuchen,
Dessen Schrei wir nun versuchen
Mit den Mitteln dürrer Lyrik
Stück für Stück zu untersuchen.

Wie ich schon erwähnte, kauten
Alle schon. Insofern traute
Man sich wirklich nicht zu viel
Wenn man auf Backwerkschmerzen schielt
Als Grund für Schrei und dessen Folgen.
Doch gefehlt! Mal ernsthaft: Wollten
Wir den bloßen Teigverzehr
(Plus Deko) hier kausal annehmen,
Nur weil‘s naheliegend wär?
Ja Himmel! Müssten wir uns schämen
Bei den schieren Kuchenmassen
Die wir Tag für Tag verprassen.
Stellt Euch vor: Mit jedem Bissen
Schmerz und Folter! Und das Wissen
Dass, falls später noch ein Stück
Vom Kuchen in den Eisschrank rückt,
Die ganze Scheiße morgen schon
Von Neuem losgeht. Welche Fron…

Jedenfalls: Die Frage bleibt,
Was einen Kuchen denn wohl treibt,
Ein bürgerliches Kaffeekränzchen,
(Oder Tee-, wie ich ergänzen
Muss) durch lauthalse Spirensken
Bestenfalls zu irritieren,
Schlimmstenfalls zu liquidieren!
Schließlich ist’s ‘ne Teegesellschaft,
Deren ältere Belegschaft
Kucheninduzierte Schrecken
Nicht verkraftet wegzustecken.
Und von der Natur her ist
Ein Kuchen ja kein Anarchist
Im Gegenteil: Die Hauptbestimmung
Eines Kuchens ist Besinnung,
Sättigung und Lust zu bringen
Sättigung vor allen Dingen.

Gut. Ein Kuchen also, der
Ganz plötzlich schreit. Wer weiß es? Wer?
Gar niemand? Hab ich‘s doch geahnt,
Zu lang schon schwafle ich, da lahmt
Der Spürsinn aller Leser_innen
Schnell. Der Scharfsinn ist von hinnen.
Kürzen wir die Untersuchung
Also ab. Denn so ein Kuchen
Der laut schreit, kann doch bestimmt
Auch reden, wenn er sich besinnt.
Und da von ihm ein großer Teil
Noch immer auf dem Tisch verweilt
Wird die Erzählung hier gestoppt.

Der Kuchen wird am Schopf gepackt
(Also, nicht echt, nur als Metapher)
Und direkt gefragt: „Jetzt schaffe
Bitte ein für alle Mal
Uns allen Klarheit: Hast du Qual
Gelitten, weil du angeschnitten
Wurdest? Was hat dich geritten?“
Und der Kuchen? Er, tatsächlich(!),
Dreht sich um, wenn auch gemächlich,
Bis er uns von Angesicht
Zu Angesicht sieht und dann spricht:
„Jetzt ein für alle Mal, du Pfosten!
Dichterische Freiheit: Ja.
Aber nicht auf meine Kosten!
Und nicht so. Ist das jetzt klar?
Drei! Soll ich es größer schreiben?
Nur DREI Eigenschaften sind
Mir in diesem Reim zu eigen,
Sind wir einig, dass das stimmt?
Und wenn du, nach Beifall haschend,
DAS nicht hinkriegst – ich mein’: DREI! –
Ist es wirklich überraschend
Dass ich dann ein bisschen schrei‘?“
„Nee“, sag ich. „Doch hilf mir bitte
Auf die Sprünge, Sahneschnitte…!“
„NEIN VERDAMMT! ICH BIN EIN KUCHEN!
KEINE TORTE, VOLLIDIOT!“
„Ist gut“, sag ich, „ich werd‘s versuchen.
Alles klar und voll im Lot?“
„Nein, nein!“ ruft er mit düst‘rer Miene.
„Ich bin NICHT aus MARGARINE!
Wie du anfangs einmal sagtest,
Darum schrie ich! Ja das war es!

Bin aus reiner deutscher Butter!
Deutscher Vater! Deutsche Mutter!
Deutsche Kuh und deutsches Gras,
Deutsche Milch aus deutschem Glas!
Alles deutsch! Verstehste? Alles!“
„Alles klar“, sag ich, „ich schnall es.
Du bist halt, wie’s manchmal ist,
Einfach nur ein scheiß Rassist.“
Und ich hebe ich ihn mit Wonne
Hoch und schmeiß ihn in die Tonne.

Kuchen, oder? Alles in allem ein eher hochnäsiges Pack. Ganz anders als zum Beispiel Pizza, dieses demütig-deftige Allerweltsgebäck, dessen Zubereitungsqualität sich seit einiger Zeit aber auch an quasi-rassistischen Kategorien bemisst, nämlich an ihrem Originalitätsgrad. Eine möglichst gute Pizza wird natürlich nach dem auf eine fleckige Serviette gekritzelten Rezept einer verstorbenen italienischen Großmama gefertigt. Wenn möglich auf dem ewig heißen Vulkangestein des Ätnas oder des Vesuvs oder zumindest auf einem 4 Stunden lang vorgeheizten Pizzastein aus zertifiziertem Carrara-Marmor…

Ich hab schon vor langer Zeit beschlossen, bei diesem Pizza-Voodoo nicht mehr mitzumachen und bin dann doch wieder beim Kuchen gelandet. Allerdings in seiner simpelst möglichen Form, dem Rosinenkuchen und der hat beim jahrelangen Abfüttern spontanen Schwiegerelternbesuchs stets zuverlässige Dienste geleistet. Ich hoffe nur, das bleibt so.

Tschüss!

Aufwallung

Wenn Rosinenkuchen beben
Wenn er schaudern könnte
Wenn er, während er am Teller klebt,
Sich festkrallt, seine Kuchenkruste heben,
Senken, Zitternd sich mal öffnen ließe und mal schließt,
So dass der ganze Tisch erbebt
Und alles Plaudern jäh in seiner Plapperlust verstummt,
Mich nach dem Ursprung dieser Störung suchen ließe,
Wenn der Kuchen schrie: Ich hab zum Sterben keine Eier!
(Ach? Ich dachte, vier sein dafür wohl genug…)
Was, wenn er flehte, ob ich ihn mit Freundschaft und
Mit Puderzuckerguss leicht übergießen
Würde oder ihm die Sahne zur Verzierung übertrug?
Was würde dieses Beben seiner Welt die meine rühren!
Sie in Wallung bringen und in dem Versuch, die Rettung zu erringen
Wohl genau das aufgewühlte Schlucken schüren,
Das es braucht, ein räudiges Stück Kuchen zu verschlingen

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