EKW015 Epitaph für eine Wespe

Epitaph für eine Wespe

Die Wespe an der Scheibe klebt
Im Grunde so, wie sie gelebt
Hat: Provokant und eher hässlich,
Dabei stets, und das verlässlich,
Störend auf die Art und Weise
Die ich als perfide preise.

„Preise“, ja! Aus Pietät,
Die man wohl stets dem Dichter rät,
Spricht dieser über tote Wesen:
Stets im Guten, nicht im Bösen
Sollte so ein Nekrolog
Gehalten sein, den man vollzog.

Nun denn. Die edle Wespe war
Bestimmt, das glaub ich ganz und gar
In ihrer Wespenhaftigkeit
Unübertroffen. Stets bereit
Zu stehlen, rauben und zu morden
Wozu sie erzogen worden.

Bis sie selbst zum Opfer wurde:
Fenster offen und absurde
Mengen Obst hinter der Scheibe.
Leichte Beute, denkt sie, bleibe
Ich doch gleich für länger da,
Was dann auch ihr Verhängnis war.

Denn summ, schleck, wumms! Die Fliegenklatsche
Saust. Die Wespe wird zu Matsche
(Spätestens beim dritten Mal
Denn vorher bog sie sich vor Qual…)
Stimmt, so ein Ende ist betrüblich
Wenn auch regional recht üblich

Anderswo mag man mit Büchern
Schuhen, Spray und feuchten Tüchern
Ähnliche Erfolge feiern
Hier jedoch besteht man bleiern
Auf die Klatschenvariante.
Wohl auch, weil man sonst nichts kannte.

Klebt sie also an der Scheibe
Wo sie, während ich dies schreibe
Und erzähle, immer noch
Dort festhängt. Wo sie einstmals kroch.
Und ganz vielleicht als Garnitur
Auch kleben bleibt? Ich mein ja nur…

Hi, Matthias hier. Hattest Du ein schönes Wochenende? Meins war feiertagig, falls das ein Wort ist. Ich könnte auch sagen „feierteigig“, denn ich hab Bienenstich gebacken. Das hat länger gedauert, als gedacht, war aber sehr lecker und ich hab einen Bienenstich-Vierzeiler gereimt. Wenn du in die Shownotes guckst, findest du dort sogar den Link dazu. (https://kraehenpost.antville.org/stories/2293122/). Du wirst gleich vielleicht ein bisschen überrascht oder sogar empört sein, aber das, was ich in meinen Reim-Dingsis beschreibe, das ist manchmal gar nicht passiert. Tja. Tatsächlich. Zumindest nicht 1:1. Es gibt und es gab zum Beispiel gar keine Wespe, die über der Obstschale am Küchenfenster klebt. Nope, nie passiert. Tatsächlich klebt sie am Arbeitszimmerfenster, ganz ohne Obst, ich schau grad drauf, wenn ich ein bisschen rechts am Bildschirm vorbeilinse. Ich hab ihr wirklich mehrere Chancen gegeben, durch das gekippte Fenster wieder zurück ins Freie zu fliegen. Hab wie verrückt mit einem Asterix-Comic herumgefuchtelt. Aber sie wollte nicht. Ich hab auch keine Fliegenklatsche hier, sondern hab die Wespe mit der Rückseite meines iPhone Xr zerquetscht. Mit nur einem Versuch. Und weil wir gerade Anfang Oktober haben, bin ich davon überzeugt, dass die Wespe auch gar nichts zu fressen gesucht hat, sondern eine Bleibe für den Winter. Ich darf mich wohl ganz offiziell Königinnenmörder nennen. Wobei: Mörder? JuristInnen würden dem wohl wiedersprechen. Einerseits wegen der fehlenden Menscheneigenschaft der Königin. Andererseits aber auch wegen des Fehlens eines eindeutigen Mordmerkmals. Du kann das gerne mal durchprüfen und mir dein Ergebnis mitteilen.

Im Fall des nächsten toten Insektes möchte ich ein ursächliches Mitwirken an dessen Ableben sogar vollständig bestreiten, wobei, wie du noch hören wirst, ich durchaus Schuld bei gewissen menschlichen Protagonisten sehe.

Die Fliege

Im Bücherschrank, bei Kierkegaard,
Wo Wahrheit nah am Wahnsinn lag,
Sah ich sie eines Tages liegen,
Still, verkrümmt. Die Stubenfliege.

Offenbar belesen hat
Sich dies Tier noch bis ins Grab
An den letzten großen Fragen
Abgeplagt. Ich muss schon sagen:
Heidewitzka und Respekt!
Hab nie ein Insekt entdeckt
Das mit solcher Leidenschaft
Sich des Sinnens stiller Kraft
Bis zuletzt befleißigt hat
Ob erfolgreich? Keiner sagt,
Keiner weiß es. Denn nun lag
Sie vertrocknet (und zwar arg)
Im Regal. Und sah geplagt,
Fast vergrämt aus. Ich erschrak!

Was, wenn uns’re Philosophen,
Diese klugen (manchmal doofen)
Denker/innen all die Zeit
Mit den Fragen, die sie weit
Häufiger als Einsicht fanden,
Die Insektenwelt zuschanden
Und zugrund’ gerichtet haben?
Weil die Fliegen, Käfer, Maden
All die paradoxen Schleifen
Durchaus sehn, doch nicht begreifen
Konnten. Und dann sehr frustriert
Ihres Lebens verlustiert
Und abhanden ‘kommen sind…

Möglich wär’s! Ich nahm geschwind
Meinen allerbesten Besen
Und lies diesem armen Wesen
Ein Begräbnis ersten Rangs
An der Wand des Bücherschranks
Hinter Hegel, Marx und Kant
Angedeih’n. Und wenn ich mal
Müde von des Denkens Qual
Mich erinnern will, wie gut
Großhirnschmalz beim Denken tut,
Zieh ich Hegel, Marx und Kant
Aus dem Schrank, schau an die Wand
Und beschau die Fliege: “Dich!
Hat’s vernichtet. Und mich nich!”

Die Fliege im Regal, die gibt’s übrigens wirklich. In Kirkegaards Nähe. Marx hab ich allerdings erfunden. Du hast Dich bestimmt schon gewundert. Natürlich, es gab nie einen Philosophen namens Marx. Ich brauche nur irgendwas kurzes mit x am Ende, das in die Reihe zwischen Hegel und Kant passt und ja, es gibt zwar Horx, diesen selbsternannten Zukunftsforscher, aber so einen aus dichterischen Gründen in meinem Bücherregal auftauchen zu lassen…, puh. Vielleicht bin ich zu eitel. Vielleicht ist es genau das, was dieses mittelmäßige ich von Giganten wie Gernhardt, Schiller oder Kloppstock unterscheidet. Einfach mal einen Horx auftauchen lassen, wenn’s der Sache dient.

„Und Horx! da sprudelt es silberhell, Ganz nahe, wie rieselndes Rauschen, Und stille hält er, zu lauschen; Und sieh, aus dem Felsen, geschwätzig, schnell, Springt murmelnd hervor ein lebendiger Quell, Und freudig bückt er sich nieder Und erfrischet die brennenden Glieder.“

Die Bürgschaft, meine Lieben. Friedrich von und zu. Lasst Euch mal nicht täuschen, der kam aus einfachem Hause. Soldaten- und Gärtnerinnen-Kind, der hat den Horx am Schopf ergriffen, skrupellos, er wusste ja: Ich muss noch mindestens die Glocke schreiben, besser zwei, damit’s auch ordentlich bimmelt im Gebälk. Dem Schiller war Prestige mal scheißegal, der wollte einfach nur die Silben perlen lassen.

Perlen ist überhaupt ein gutes Stichwort, denn wir kommen zum nächsten und letzten Todeskandidaten in dieser Folge und der hätte wohl so einiges getan, damit da noch was perlt. Hat es aber nicht, und darum ist er dann, aber hörs Dir einfach selbst an und denkt immer daran: Ich bin hier nur der Bote! Wenn Dir das alles zu furchtbar ist: Auf der Venus soll‘s ganz schön sein. Nur dass es keine Podcasts gibt und keine Atemluft. Ich sag schon mal Tschüss und wir hören uns!

Jonathan

Ein Pottwal namens Jonathan
Schwamm abends in der Bucht
Am Strand.
Es wurde warm, die Ebbe kam,
Da half kein Fluchtversuch.
Verdammt.

Ein Wal im Wasser ist schon schwer,
Doch außerhalb wird’s krass.
Fatal.
Der Auftrieb fehlt ihm dann doch sehr,
Und Jo, so semi-nass,
Litt Qual.

Am dritten Tag ist Jonathan
Im heißen Sand verreckt.
Man denkt:
Wie lange geht das gut? Und wann
Wird er, stark aufgebläht,
Gesprengt?

Es sind elf Tage. Dann macht’s BUMM!
Und Jonathan ist weg.
Vom Strand.
Nur Fetzen liegen noch herum
Und Knochen. Bald bedeckt
Von Sand.

Die Jonathan-Geschichte wird
Von Pottwaleltern gern
Verwandt,
Wenn mal ein Junges rebelliert.
Es hält sich dann sehr fern
Vom Strand.

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