EKW022 Kommunikationsprachtexemplar

Du wirst diese These vielleicht schon mal gehört haben: Unter den Studierenden des Fachs Psychologie finden sich diejenigen mit der größten Klatsche. Größter Quatsch, sollte man denken und ich habe keine Zahlen dazu außer meiner alltagsempirischen Wahrnehmung. Und da gibt es sehr ausgeglichene und in sich ruhende Absolventen dieses Faches. Allerdings auch solche mit einem riesengroßen Hau. Unklare Befundlage also. Aber darum soll eigentlich gar nicht gehen, sondern um ein Fachgebiet, das ich noch ein wenig besser kenne und in dem es nach meiner Meinung eine analoge Entwicklung zu beobachten gibt. Allerdings nicht im Allgemeinen, sondern ganz speziell bei einem sehr kleinen, mir gut bekannten Sample. Bei mir selbst nämlich. Und es geht um die Kommunikationswissenschaft. Verdammte Axt, kann ich nicht gut kommunizieren. Alter Schwede, aber sowas von nicht. Ich hab mich paradoxerweise aber schon sehr früh für Kommunikationstechnologie interessiert. Bereits in der Schule habe ich ISDN-Telefonanlagen programmiert. Obwohl ich nie telefoniert habe. Ich war auch der erste mit Modem und einer eigenen E-Mail-Adresse. Obwohl ich nie E-Mails bekommen habe. Fax. BTX. Es war immer dasselbe, Und anfangs dachte ich noch, es länge einfach nur an all den anderen Idioten. Denn in ihrer kommunikativen Praxis, die sie fortwährend vor meinen Augen ausführen, da bekleckerten sie sich wahrlich nicht mit Ruhm.

Silke fragt

„Hat jemand schon mal Dal gekocht?
Ich hab’s bei Gundi voll gemocht! 😋
Was brauch man denn für das Gericht?
Hat jemand einen Tipp für mich? 🤔⁉️“

Ja, Silke: Google. Chefkoch. Mann!
Wie man wohl derart doof sein kann…?!
Was fragst du hier bei Insta rum?
Bist du nur einsam? Oder dumm?

Du hast grad hundertfünfunddreißig(!)
Zeichen (ja, auf die Emojis scheiß ich)
In ´ne Frage reingesteckt,
Die in mir nur Erschöpfung weckt.

Der Dummen-Thread nimmt seinen Lauf…
Der Marcus: „Dal, da steh ich drauf!
Ich weiß nur, dass man Curry braucht
Und Linsen. Bohnen geh’n wohl auch…“

Die Daggi: „Linsen mag ich nicht.
Ist Dal nicht ein Diät-Gericht
Für Detox oder so? Ich mag
Ja Avocados. Nur nicht hart.“

Und Denni schreibt: „Bei REWE gibt’s
Voll geile Avocado-Dips!
Wie heißt das noch, mit Knofi drin?
Mit G? ich fahr da gleich mal hin!“

„Sind Linsen nicht voll ungesund…?“
„Iwo, ich kauf die frisch, im Bund…!“
„Das kenn ich nur von Paprika…“
„Ich mag ja Dill. Ist selten da…“

„Hey Leute, wegen Dal noch mal,
Ich glaub ich frag mal im Lokal,
Wo’s auch die leckren Krabbenchips
Zum Essen vorher gratis gibt.“

„Das hat doch zu.“ „Ach Mist!” “Egal…”
“Dann machst du’s halt ein andermal!”
“Läuft eigentlich ‘Suits’ auf Netflix noch?
Das war ganz cool…“ „Ja, sag ich doch!“

So läuft das, wenn die Silke fragt:
Die Entropie steigt, alles quakt.
“Voll lieb!” nennt Silke dies Gesabbel
Ihrer Vollidioten-Bubble.

Irgendwann hab ich natürlich gemerkt, dass die anderen zwar Vollidioten sind, ich selbst aber leider nix besser. Eigentlich im Gegenteil. Wo ich Ironie zu versprühen gedachte, sahen alle anderen Arroganz. Wo ich Zuhören simulierte, sahen alle anderen Arroganz. Und wo ich mich selbst zu erklären suchte, sahen alle anderen… Ja genau. Dabei war das wirklich nicht und niemals die Absicht. Aber du kennst die Leute: Kannste machen, was du willst, sie kriegen es immer in den falschen Hals. Sind halt einfach scheiße, diese Menschen.

Neo

Ein neoliberaler Sack
Macht Ärger, weil er Ärger hat.
Er sagt zur Marktfrau:
“Sag mir mal, was ist das, ‘neoliberal’?

Sie sagen alle, das sei schlecht.
Ich glaub’s zwar nicht, doch ganz in echt
Hab ich ja keinen blassen Schimmer
Was das ist. Das stört mich immer.”

“Ist schon gut”. Die Marktfrau spricht,
“Die wissen das auch selber nicht.
Die merken, dass du irgendwie
Ein Arschloch bist. Doch keins wie sie.

Du bist ein Breitarsch in der Welt
Der schmalen Ärsche. Eins mit Geld.
Sie fragen rum. Und treffen dann
Den Menschen, der’s erklären kann.

Es sei, sagt er, der Habitus,
Der nervt! Und dann der ganze Stuss
Von Leistungswillen, Fleiß und Markt,
Den man nicht stören darf, wenn’s hakt.”

“Das leuchtet ein”, sagt ihr der Mann
“Wie komm ich an den Typen ran,
Der solche Analysen trifft?
Die sind gesellschaftliches Gift!”

“Oh Mann, weißt du es wirklich nicht?”
Die Marktfrau starrt ihm ins Gesicht,
“Du hast uns das doch selbst erzählt,
Mit PowerPoint! Für sehr viel Geld!

Auf einer Schulung der Partei
Warst du für einen Tag dabei!”
“Ach stimmt…” Der Mann denkt länger nach
“Der Auftrag hat nicht viel gebracht.

Da hab ich mir in einer Nacht
Den Scheiß kurz selber ausgedacht.
Und wieder, schwups, kaum war’s vorbei,
Vergessen. Futsch. Im Einerlei

Meiner Consulting-Gigs verschollen.
War halt, was sie hören wollen.”
“Und, was ist die Konsequenz?”
Die Frau ist bleich wie ein Gespenst.

“Ruhig Blut!” Jetzt ist der Mann am Zug.
“Ich denk, für heute ist’s genug.
Doch morgen hab ich noch was frei.
Du kannst mich buchen. Jederzeit.”

Manchmal läuft Kommunikation auch einfach schief. Ohne, dass irgendwer irgendwas dafür kann. Das ist dann PPP für den- oder diejenige, der/die was erreichen will. Sagte ich PPP? Ich meinte PP. Persönliches Pech. PPP kam gerade ganz tief unten aus dem Rückenmark und hatte sich seit dem Lateinunterricht in der achten Klasse dort festgesetzt. Partizip Perfekt Passiv. Grammatik für Opfer. Auch so eine Sache: Latein. Eine Sprache, mit der man nicht kommunizieren muss. Tolle Erfindung. Schwierige Lehrerpersönlichkeiten leider. Aber ich hatte Glück: Nach einem typischen Nichtkommunikationsexemplar am Anfang hatte ich ein untypisch kommunikatives Exemplar bis zum Abitur, bei dem wir unter anderem Ovid lasen, Hexameter lernten und lateinische Theaterstücke lasen. Fast schon Kommunikation also. Da hatte Herr Rosmarin nicht so viel Glück. Eigentlich sogar Pech. PP. Oder auch PPP. Du Opfer, ey. Tschüss.

Herr Rosmarin

Herr Rosmarin kam nicht umhin
Den Namen eher schlimm zu finden
Den man ihm beim Ortstermin
In Clausthal-Zellerfeld verliehn.

Man rief ihn schlicht den “Kräutermann”
Was fies war, weil in Jugenjahr’n
Ein ebensolcher Mann ankam
Und Rosmarin das Leben nahm

Nicht was ihr denkt! Herrgott nochmal!
Der Kräutermann kam nur und stahl
Dem Rosmarin die Kampfmoral
Indem er Medizin empfahl

So tauschte also Rosmarin
Den Rucksack mit den Büchern drin
Gegen ‘nen Schuss mit Heroin
Und Heroin ist ganz doll schlimm!

Herr Rosmarin verlor Kontrolle
BAföG, Studium, seine Olle
Bis man ihm befahl, er solle
Auf Entzug. Wenn er denn wolle…

Also Clausthal-Zellerfeld.
Die Klinik aber kostet Geld
Und um zu seh’n, ob’s ihm gefällt
Wird erst ein Ortstermin gewählt

Und justament an diesem Tag
Steht Rosmarin am Tor und sagt
Dem Pförtner wie er heißt und wagt
Ein Witzchen, was dem nicht behagt.

So ruft der ungehalt’ne Mann
Sodann bei seiner Chefin an
Und kaum hat er Frau Doktor dran
Sagt er: “Hier steht so’n Kräutermann…”

Krawumms! Der Name sitzt. Und schon
Springt Rosmarin zum Telefon
Und schreit, das sei doch reiner Hohn!
Und das mit ihm! In diesem Ton!

Das war so mittelhilfreich und
Frau Doktor sah nun keinen Grund
Ihn trotz Termins und Sucht-Befund
Hier aufzunehmen. Diesen Hund!

So kam es dass Herr Rosmarin
Noch häufig vor Gericht erschien,
Doch Clausthal-Zellerfeld wurd ihm
Zum Glück erspart. Na Immerhin.

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