EKW026 Doch was sind schon Worte?

(eine Extended-Version des letzten Gedichtes dieser Episode – Doch was sind schon Worte? – gibt es jetzt hier: https://www.youtube.com/watch?v=uwmTEUwARx0&feature=youtu.be)

Reproduktion

Mit feinem Silber netzt der Mond die grauen Barken,
Die ohne Hoffnung auf dem weiten Wasser treiben.
An Bord vieltausend Dichter, die nur Listen schreiben
Von toten Wörtern, aufgebahrt auf bleichen Laken.

Und auf dem höchsten Deck des grausten aller Kähne
Bescheint der Mond entrückt die Liebe, die dort liegt,
Nach grober Schändung sich in letzten Krämpfen biegt
Und endlich stirbt, im toten Auge eine Träne.

Und tausend Dichter fügen ihren Listen
Die Liebe zu, verstauen sie in Kisten
Und hören auf zu schreiben.

Und setzen alle Schiffe schnell in Brand
Und treiben selber brennend hin zum Land
Wo sie im Dunkel bleiben.

Hi, Matthias hier. Das Thema der Liebe ist unendlich und nicht wenige schreiben – oder denken es sich zumindest – dass Dichtende, ich sag das mal ganz gender-neutral, dass Dichtende einfach stark unterbumste Gestalten sind. Also genau d-i-e-s-e Wortwahl hab ich jetzt eher selten gefunden, aber der Topos des verzweifelten Künstlers, der mit dem Leben hadernden Künstlerin, der ist ja schon so zwei oder drei Jahre alt, würd ich mal behaupten. Vier. Mindestens. Und jetzt versetz dich mal in einen oder eine dieser Reim-Dingsi-Schmied_innen hinein, die werden dann ja auch irgendwann die Schnauze voll haben, wenn so eine aufgedunsene Literaturkritikpestbeule zwischen den Zeilen deine Geschlechtsverkehrsfrequenz, -kompetenz und oder -motivation anzweifelt. Okay, aber das soll hier kein Rezensent_innen-Rant werden… Himmel, hast du zufällig mitgekriegte, dass Cornelia Funke irgendeinen Kinderbuchpreis für ihr Lebenswerk bekommen hat? Und da setzt sich dann so eine Kritiker-Schrummse ins Deutschlandfunkstudio rein und erzählt, nun ausgerechnet während ich ihr drei zuhöre, dass es ja wohl nicht besonders originell sei, der ollen Funke den Lebenswerkspreis zu verleihen. Ja um Himmels Willen, wem soll man diesen Preis denn sonst geben? Deinem Schwager Herbert vielleicht, liebe Krikerinnen-Olga? Ich hab keine Ahnung, was Herbst so geleistet hat in seinem Leben, aber offenbar hältst du ihn oder vergleichbare Kandidat_innen für irgendwie passender, hab ich das richtig verstanden? Also ich kann zumindest verstehen, warum sich Cornelia Funke acht Zeitzonen entfernt von deutschlandfunkgeprägter Literaturkritik niedergelassen hat. Darum hat sie höchstwahrscheinlich noch gepennt, während ihr Schrummse-48 einen sehr egalen Preinicht gegönnt hat. Frau Funke scheint, was das angeht, eh die Sonne raus dem Arsch und mit was? Mit Karacho!

tiere

Wenn es dunkelt abends in Berlin, denk ich an meine Liebste auf dem Land. Die am braunen Jägerzaune steht und wartet, dass ihr Horst nach Hause kommt, am Zaune steht und sie umarmt, ganz zärtlich seine Zunge in den Schlund steckt und von innen sie erwürgt. Ganz zärtlich sie von innen her erwürgt.

Wenn die Himmel schwarz und alle Katzen wund sind in Berlin, streichen meine Liebste und ihr Horst die Spree entlang und sehnen nach dem Leben, das die Ratten führen. Klug und frei und haarig in den Abflussrohren ihre Leiber suhlen an der Spree.

Wenn die Sterne funkeln auf Berlin, schenk ich Dir einen Ring aus bleich gewirktem Gold. Du lächelst mich mit blanken Zähnen an und Ratten, Katzen sollen unsre Zeugen sein in dieser Nacht. Lächelst mich mit blanken Zähnen an und Katz’ wie Ratt’ sind unsere Zeugen vor der Nacht.

Liebe ist ja nicht (nur) Herumgeficke. Das will ich an dieser Stelle wirklich noch mal betonen. Kannst du dich an früher erinnern. Als du keine Ahnung von dieser Liebe hattest, aber irgendwas in dir langsam anfing zu kribbeln und du während der Geschichtsstunde irgendwann anfingst dich im Klassenzimmer umzuschauen, um Kandidaten auszuschließen? Also: Bei mir waren das viele. Eigentlich fast alle. Aber einige eben auch nicht. Und während Heinrich der Vierte im Investiturstreit Kantipper-Kantapper nach Canossa schritt, um Papst Gregor den Schlagmichtoten zu besänftigen – also es gibt Historiker, die sagen, dass es eigentlich genau andersherum war und das Ganze nur zum Schein aufgeführt wurde, aber seit drum – also während Heinrich jedenfalls in Oberitalien war, blieben meine Blicke an den wenigen Damen (es waren ausschließlich Damen) hängen, gegen die mein Unterleib kein sofortiges Veto eingelegt hatte. Heinrich brauchte nun echt lange mit seinem Canossa-Ding und ich hatte Zeit zum Träumen, wie’s denn wohl sei, die oder die, oder die zu lieben. Und ich weiß noch, dass diese Liebe damals irgendwie `ne ziemlich stille Nummer war. An Ficken gar nicht zu denken, man wusste ja nichts, damals. Es waren irgendwie nur schmachtende Blicke aus großen Rehaugen, nur ohne Rehe und mit einer Faust, die mitten in meinem Gemacht landete, weil das damals so das Spiel war. Dem Nachbarn in die Eier hauen. Weitergeben. Ein eher dämliches Spiel, ich geb’s zu. Aber für ein, zwei Sekündchen vorher hatte ich die Rehaugen gesehen, wie sie immer näher kamen und sich zum allerersten Kusse schlossen.

Kuss

Ein Blick wie ein Fleh’n und die Zeit verweilt…
Darf niemals vergeh’n; bis in Ewigkeit
Schwört er die Liebe und schürt er Verlangen
O dass er doch bliebe, im Bann erster Liebe gefangen

Zwei Augenpaare umkreisen sich Stunden um Tage um Jahre
Zwei Münder verharren, verheißen sich süßeste Würze und fahren
Mit Zärtlichkeit jäh ineinander, umformen sich kundig und fein –
Öffnen die Seelen, erschöpfen und quälen sich, können getrennt voneinander nicht sein

Ein Kuss wie im Traum. Und die Zeit entreißt
Uns beide dem Segen, der Liebe heißt.
Die Schwüre gebrochen, die Münder entworren.
Die Augen, die Blicke, die Seelen verdorren.

Ich hab ja schon mal, die Älteren werden sich erinnern, eine Folge über die Liebe gemacht. Und irgendwann später, ich weiß gar nicht mehr in welcher Folge, hab ich mich beschwert, dass Songs inzwischen die Reim-Dingsis abgelöst haben. Hab ich mich beschwert? Passt eigentlich gar nicht zu mir. Ich hab’s wahrscheinlich auf die mir ganz eigene Art einfach ganz sachlich festgestellt. Weil: Der Befund bleibt. Der Befund ist richtig! Zwei emotionalisierende Kunst-Dingsis sind krasser als eins und Musik ist zudem noch mal `ne ganz andere Nummer als nur Texte. Tja. Kann man scheiße finden. Wird man aber selten tun, außer du bist Dichter_in, also Reim-Dingsi-Onkel oder -Tante und entlarvst dich mit dieser Kritik als schlechter Verlierer. Oder du bist einer von diesen Gefühlskrüppeln, und das soll jetzt kein Krüppel-Rant werden, also von diesen emotional herausgeforderten Individuen, die das mit der Musik einfach nicht raffen. Dann stört Musik vielleicht einfach nur die perfekte Stille in deinem Kopf und dann hast du unter Umständen noch ganz andere Issues zu bändigen… Aber, wir sind hier ja nicht im Zirkus, sondern im Internetz und hier gibt’s im Prinzip dauernd Musik und Pornos und meistens beides zugleich. Bleibt aber immer noch die Feststellung, dass im Zweifel die Musik gewinnt. Denn die Mädchen, die ich damals… mochte wär jetzt ein großes Wort… die ich damals nicht von vornherein ausgeschlossen hatte, die mochten eigentlich immer die Gitarrenspieler am liebsten. Es musste gar nicht der beste Gitarrenspieler sein, er musste nur die Akkorde von House of the Rising Sun können und gut aussehen mit der Gitarre in der Hand. Ich konnte nur Klavier und Posaune. Bring das mal mit zum Lagerfeuer. Okay. Klavier hält wenigstens lange warm. Aber wer soll vorher tragen helfen? Rehauge bestimmt nicht. Die äßte höchstens mal zwei, drei Bissen daran herum und wirft sich dann wieder Mr Schrumm-Schrumm Am C D F an den Hals And it’s been the ruin of many a poor boy, and God, I know, ich konnte zum Glück nur das Piano-Forte schlagen. Tschüss.

Doch was sind schon Worte?

Ich hab’s mit Kraft versucht
Mit Leidenschaft
Mit Stille

Hab’s mit Witz versucht
Mit Geist und
Mit Promille

Hab geschrieben
Und geschrien und
Hart Verhandelt

Hab geschwiegen
Und zum Schein mit andr’en
Angebandelt

Hab Dir echte Haikus
Falsche Dickpics
Übersendet

Hab für Feminismus
Hart auf Twitter
Abgerantet

Doch Du wolltest nicht
Ich hab Dich
Nicht gekriegt

Du findest Worte fad
Du stehst nur
Auf Musik

Ich hab die Sonne überredet
Alle Rosen
Blühn zu lassen

Hab den Mond gegossen
Und zum Vollmond
Wachsen lassen

Ich hab Ikea übernommen
Und den Online-Shop
Verbessert

Veggie Hotdog ist jetzt lecker!
Und die Markthalle (ist)
Vergrößert

Hab mich zwei, dreimal zerrissen
Um Dir nah
Zu sein

Hab 8 Mercedesse zerschlissen
Um wie Kevin Hart
Zu sein

Und doch: Du wolltest nicht
Ich hab Dich
Nicht gekriegt

Du find’st das alles doof
Du stehst nur
Auf Musik

Und das, so leid es mir auch tut
Das funktioniert
So nicht

C-Dur, F-Moll, C-Dur
Das ist mir echt
Zu schlicht

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