EKW080 Kiste mit Käfer

TL;DR Diese Reimdingsis, die wollen eigentlich was ganz anderes sein und kommen gravitätisch-abgefuckt Gottfried-Benn-mäßig daher oder wälzen so spätromantische Metriksteine vor sich her und – bumms – schleicht sich ein “Ficken” in die zweite Strophe ein…

Welt abhold

Als den Augen vag die Welt abhold
Und Händen Gläser aus den Fingern glitten
Rasch das Kehrblech hergeholt
Als Scherben in die Jugend schnitten

Zigaretten Atmen Klammern wurde
Aus Polarstern mitleidloser Blick
Aus tausend Wundern nur absurde
Schurren oder netter Fick

Als Horizonte weit und kleiner waren
Rosen tausendfach erschwinglich fad
Verlassensein ein Wieder, Paaren
Anzustreben, weil man’s mag

Als jede Playlist funktional belegt
Und Argumente endlos absolviert
Da haben wir uns überlegt
Das war’s! Und Netflix abonniert

Hi, Matthias hier. Ein einziges Auf und Ab, diese Woche, nicht wahr? Ich hoffe, ihr allerbesten Kofferachas und Kofferinos der Welt habt Euch keine Sorgen gemacht, denn natürlich geht es mir sehr großartig. Ich habe einen Computer, ein Mikrofon und ein paar im Durchschnitt sehr erträgliche Menschen um mich herum. Es stört mich nur sehr Weniges und das Wenige ist auch nicht mehr geworden. Doch genug vom alten Zausel an meinem Computer. Wie geht’s Euch denn? Wie geht’s Dir? Heute meinte eine Freundin absurderweise, dieser Lockdown mache ihr zu schaffen und als ich gerade anfangen wollte, freundlich über den etwas lahmen Witz zu lachen, merkte ich, es war ihr Ernst. Was ist denn los mit Euch? Habt Ihr denn vergessen, wie Scheiße diese Primaten werden können, wenn sie einem zu nah auf die Pelle rücken? Und wie sie stinken? Ich meine diese furchtbaren Aftershave-Typen, bei denen man ja nichtmal meckern kann, weil sie’s wahrscheinlich gut meinen. Oder noch furchtbarer die, die sehr stark nach Schweiß riechen. Und du kannst es ihnen nicht mal sagen, weil “Du stinkst” ist einfach kein irgendwie noch okayer Kommunikationsinhalt. Ich kann mich an Abende nach einem langen Arbeitstag erinnern, an denen ich erst beim Zähneputzen vorm Spiegel meinen Eigengestank wahrgenommen habe und dachte: Fuck! Das mussten die um mich herum den ganzen verdammten Tag ertragen und wollten mir wahrscheinlich dreimal vor die Füße kotzen vor Ekel, haben’s aber nicht gemacht. Weil sie nett sein wollten und/oder in gewisser finanzieller Abhängigkeit standen. Puh. Aber jedenfalls: Gibt’s alles gerade nicht. Zoom stinkt nicht. Man kann sich sogar lustige Katzenmasken übers Gesicht animieren, wie letztens dieser Anwalt bei der Gerichtsanhörung via Zoom in Amerika und er wollte partu keine Katze sein, konnten es aber nicht ausstellen. Das ist mit den Reimdingsis auch oft so. Sie wollen eigentlich was ganz anderes sein und kommen gravitätisch-abgefuckt Gottfried-Benn-mäßig daher oder wälzen so spätromantische Metriksteine vor sich her und – bumms – schleicht sich ein “Ficken” in die zweite Strophe ein und die Sache geht steil bergab bis auf mein eigenes Niveau.

Kiste mit Käfer

Es klemmt ein toter Käfer in der Kiste
Voller Stoff für meine Reime
Würdevolles Wesen ist ihm fremd, dem kleinen
Sack, er drängt sich dauernd auf die Themenliste

Dabei sind wir uns lebend nie begegnet
Weder hat er mich mit zartem Flügelschlag beehrt
Noch hätt ich je ein Mensch-meets-Käfer-Date begehrt
Doch jetzt werd ich mit seinem Rest gesegnet

Käfer! Besser: Panzer aus Chitin
Denn viel mehr ist da nicht von ihm
Was ist genau dein zombiehaftes Sinnen
Mich zu hindern, seriöses Reimen zu beginnen

Dein Memento Mori ist mir fremd
Und auch der vierte Blick auf’s Leichenhemd
Der trocknen Kreatur
Löst bei mir nur
Gedehntes Gähnen aus, das wenig Ende kennt

Ich würde ihn entsorgen, heute Abend noch
Doch allerspät’stens Morgen in ein kleines Loch
Doch klemmt er in der Kiste
Wo ich auch die Liebste
zwischenlager – und die müffelt noch

Lass ma kurz noch über Clubhouse reden. Ja, ich weiß. Nervt. Ist bald vorbei und dann machen wir Myspace wieder auf oder jede hat ihre eigene Mailbox zum mit Modem einwählen und alle freuen sich über die schlechten alten Zeiten. Ich bin da jedenfalls heute morgen vier, fünf Minuten nach dem Aufwachen in ein Literaturgespräch reingestolpert und sofort pingt mich einer auf die Bühne und sagt “Was meinst du denn dazu, Matthias?” Und, also, das ist nicht mehr mein Internet, das war wie früher inne Schule, nur dass meine Schule zum Glück so mies war, dass wir die Lehrer_innen anpingen mussten, damit vor Ende der ersten Stunde irgendwelcher Unterricht geschieht. Aber zurück zu diesem Literaturkreis um gefühlt 5 Uhr morgens, da ging es irgendwie um Jona und den Wal und ich musste sehr erschrocken feststellen, dass ich diese ganze Geschichte noch auf dem Zettel hatte über Jona und warum er in diesem Fisch rumhocken musste und da muss ich ganz ehrlich sagen: Chapeau, Evangelischer Kindergarten Hunnebrock-Hüffen-Werfen, ihr ward zwar eine echte Fundi-Truppe und sowas wie die Hölle und der Teufel, sowas war für Euch noch voll real und so, aber ihr habt uns die Storys auch wirklich reingebimbst. Hut ab. Ich mach mal: Unnützes-Wissen.de. Aber so richtig und stell mir gerade vor, dass es da draußen so ein, zwei Leude gibt, die ernsthaft alle achtzig Koffer-Wörter-Folgen gehört haben und denke nur: Leck-mich-am-Arsch, vielleicht gibt es Gott ja doch. Aber eins ist mal sicher: Bei ihrem Pensum hat sie die achtzig Folgen garantiert nicht alle gehört. Und eine Bewertung bei Apple-Podcasts hat sich auch nicht geschrieben. Obwohl sie garantiert ein iPhone hat slash hätte, wenn es sie denn geben täte. Also: Gott. Kindchen. Bewertungen und so, die sind wichtig. Und wenn du keine Zeit hast: Sowas lässt sich delegieren. Schon mal drüber nachgedacht? Könnte man den ganzen Christen-Podcasts mal richtig Fame verschaffen. Und mir vielleicht auch. Wünsche euch ein tolles Wochenende und bis Rosenmontag. Tschüß.

Es sind mir die Worte geflohen
Der dichterische Instinkt
Geblieben sind Bibelgeschichten
Und noch diese Kiste. Die stinkt

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