EKW082 20 Grad Celsius

TL;DR “Leck mich am Arsch! Wie war das mit dem blauen Band?” Und du googelst Eichendorff, weil, war doch alles von Eichendorff, dieser Romantik-Krams und Pustekuchen! Once again!

20 grad celsius

erste sonne, erste luft, schatten auf dem schatten
maentel abgestreift, stunden um stunden noch draussen
terrassenkonversation bei sauerstoff und zigaretten
inhalte loesen sich auf, zerstreuen im leichten wind
eine flamme, ein kleines feuer gegen die aufkommende
dunkelheit. sybillene nachtgeraeusche: bleib doch.
helle traeume, zukunft nur ein wort wie regen
erinnerungen daemmern ueber der nacht – alles ist
moeglich

Hi, Matthias hier. 16. Februar. Meistens fängt es um dieses Zeit an, das herzliche Angekoztsein vom Winter, der Kälte, vom überall Nassschmuddelfrösteln, selbst nachts, wenn irgendwo die Decke rutscht. Dann beginnt diese Sehnsucht nach Frühling, nach Grün, nach Draußen und Freunden und dem ersten Lauf nur im T-Shirt die endlose Allee entlang. Und dann denkste Dir “Leck mich am Arsch! Wie war das mit dem blauen Band?” Und du googelst Eichendorff, weil, war doch alles von Eichendorff, dieser Romantik-Krams und Pustekuchen! Once again! Es war immer noch Mörike und dann liest du das Gedicht mit dem blauen Band und bist ein bisschen enttäuscht, weil eigentlich nur die ersten beiden Zeilen so richtig gut sind und danach… Tja. Geht. Was bei Kreuzreimschemata durchaus ein Problem ist. Noch kein vollständiger Reim und schon sinkt für Sie: Das Niveau. Na gut. Achtzehnhundertdingenskirchen, da gab’s noch keine Online-Reimlexika, auch keine Online-Namensvorschlagslisten in Blau für Jungs und Rosa für Mädchen und die Menschen mussten mit Vornamen wie Eduard herumlaufen. Umso erfreulicher, dass der Eduard dann doch noch irgendwie Pfarrer werden und in der Freizeit Gedichte schreiben konnte. Kuck mich dagegen mal an: Bin nicht mal Pfarrer und ob ich das hier jetzt in meiner Freizeit mache ist auch so ein Reizthema, denn dafür müsste ich ja meinen Beruf erst einmal klar definieren können. Insofern: 1:0 für Dich, Schwabenpfarrer, und dein Blaues Band, das ist schon sehr okay.

im bruch

noch liegt die kühle luft der nacht
auf den wiesen und dem weg
den wir auf unseren rädern
entlang fliegen
dem ersten schimmer
des morgens entgegen

manchmal peitscht
das hohe gras
am wegrand
unsere glieder
streift die pollen
und den tau
auf unsere
schuhe

entfernt das rauschen
der autobahn
voller versprechen
und aufbrüche
in den heißen tag
und viele kalte
die folgen

Im Sommer kommt nicht selten die Zeit vollständiger kreativer Erschöpfung. Das wird gemeinhin so hingenommen, allerdings frage ich mich, was eigentlich der allseits antizipierte Klimawandel hier für Schaden anrichtet, sollten wir demnächst sechs Monate lang Sommer haben. Gut, wirst du schlaue Koffermaus jetzt vielleicht sagen, der Spanier, der Spanier, jetzt, nech, der hat ja auch viel Sommer, und der Italiener, doch die dichten einfach weiter. Ja, sage ich, und was? Nenn mir doch mal ein konkretes Beispiel! Siehste! Zumindest für die mitteleuropäische Poetik sehe ich mit dem Klimawandel dunkle Wolken aufziehen bzw. Gar keine und dann beschränkt sich der mitteldeutsche Lyrik-Output demnächst vollständig auf Ballermann-Bölkerei und Howard Carpendale. Ist aber nicht schlimm. Unsere Romantiker und bestimmt auch Romantikerinnen, die laufen ja nicht weg. Die bleiben hübsch alert in diesem Internet und immer, wenn man mitten im Februar mal eine kleine saisonale Flucht unternehmen möchte, stehen sie bereit mit ihrem Kram. Und der lässt sich, mit ein, zwei Campari-O in der Birne, auch immer noch sehr gut ertragen. Oder man setzt sich dann im heißen Sommer doch noch mal selbst hin, wartet, bis die Luft am späten Abend erträglich wird und pinselt was aufs Papier, als Reserve für dunkelmatschige Winterabende. Tschüß

La Roque

Die Luft ist noch kühl
Doch die Sonnenstrahlen,
Sobald sie das Blätterdach durchbrechen,
Verkünden einen flammenden Tag.
In den Mulden sammeln sich Gerüche
Von Liebstöckel, Kiefer und Lavendel.
Ein schwarzer Hund wandert vor mir
Gemächlichen Schrittes die Straße hinauf
Zum Dorf auf dem Felsen.
Die Arbeiter am Weg grüßen ihn
Und blicken mir skeptisch entgegen.

Die Augen am Boden durchquere ich eine Wiese,
Die im Mittagslicht erstarrt.
In der Mauer aus Granit, zwischen Moos und gelbem Gras
Suche ich Aspisvipern.
Die Zikaden am Feldrand übertönen alles Rascheln,
Sie verspotten meine Stille, meinen Stock
Und meine weiße Haut unter der Hitze.

Um mich herum das Wasser und gedämpftes Kindergeschrei.
Vom Boden des Beckens ahne ich das Weiß der Sonne,
Das Orange der Schwimmflügel und die tanzenden Punkte
Ertrunkener Insekten.
Wie ein Karussell dreht der Strudel des Wasserfilters
Eine Eidechse und eine Hornisse.,
Kiefernnadeln und ungezählte Wespen.

In der Dämmerung verfolgen wir eine Ameisenstraße,
Die vom Tisch unter der Steineiche
Krumen des Abends über verschlungene Wege
Durch den Kies zur alten Kiefer transportiert.
Reste von schwarzen Oliven, Melonen, gesalzener Butter
Und Brot sind die Beute des schwarzen Staates,
Der den Steinhaufen unter der Kiefer gegen
Die Rotbrauen vom Hügel hält..
Eine Traube sammelt sich um einen Rosenkäfer,
Der, am Boden auf dem Rücken liegend,
Seine letzten Minuten auf den Mond starrend verbringt.

Um halb eins erwache ich in der stehenden Luft,
Steige vom Bett hinaus zum Schwimmbecken,
Wo Fledermäuse über dem Wasser jagen und trinken.
Dann steigen sie auf und sammeln sich über der Wiese
Vor dem Hügel, der vom Blitz erleuchtet wird.
Unter den Olivenbäumen streiten Gartenschläfer,
Keckernd und zischend, bis sie im Morgengrauen
Über’s Ziegeldach verschwinden.