EKW083 Karussell kaputt

TL;DR Diese eine Sache, die hat mich seitdem beschäftigt. Die Frage, auf welcher Seite der Gesellschaft ich stehe. Auf der Seite derer, die Reimdingsis Wert und Unwert und Bedeutung geben können, weil sie Macht haben und wissen, wie die Häsin läuft. Oder auf der anderen Seite.

Das Karussell

verrostet und zerbrochen
die farbe abgeblaettert
der rote leu zerschmettert

pferd verkohlt, verbrannt die wagen
die bilder frech entstellt
kein rahmen, der sie haelt

zersaegte holzgelaender
geformt zu schiefen kreuzen
die sich zu hunderten auf kleinen graebern
spreizen

Hi, Matthias hier. Das Karussell, also nicht das vom Anfang, sondern von DAS Karussell von Rainer Maria Rilke, hat mich damals kalt erwischt, in der neunten Klasse, als wir es interpretieren sollten und ich keine Ahnung hatte, dass es wohl um die Kindheit und ihre Vergänglichkeit geht. Also kam ich mit einer äußert hanebüchenen Interpretation um die Ecke, es handele sich um die Beschreibung des schlafwandlerischen Treibens der Mittelmächte vor Beginn des ersten Weltkrieges, was nun gut widerlegbar eine Fehldeutung war. Vorsichtig formuliert. Einerseits. Andererseits: Ich war noch fast ein Kind, mir fehlte der Abstand und der wehmütige Rückblick auf diese Zeit, auch das Vorüberfliegen der Erwachsenenjahre kannte ich noch nicht (und kenne es bis heute nicht) und zudem interessierte mich politische Lyrik damals weitaus mehr als innerlich-affirmativer Kitsch. Wie ich immer: Ich lernte damals, wie stark der eigene Horizont eine Analyse prägen kann und dass es für eine gute Deutschnote äußerst praktisch ist, wenn der eigene Horizont dem allgemein akzeptierten, dem vorherrschenden, dem hegemonialen Horizont nahekommt. Das hier ist kein Germanistik- und auch kein Poetik-Podcast, denn ich denke zwar gerne über Reimdingsis nach, aber wenn ich fauler Keks mich schon mal hinsetze, um zu schreiben oder zu Podcasten, dann mach ich doch lieber neue Reimdingsis, als das hunderttausendste Mal über sie zu schreiben. Diese eine Sache, die hat mich allerdings seitdem beschäftigt. Die Frage nämlich, auf welcher Seite der Gesellschaft ich stehe. Auf der Seite derer, die Reimdingsis Wert und Unwert und Bedeutung geben können, weil sie Macht haben und/oder wissen, wie die Häsin läuft, oder auf der anderen Seite. Dort, wo Reimdingsis nicht oder falsch gelesen oder gehört und nicht verstanden werden. Zumindest nicht so, dass andere das wichtig finden.

So ein Fauxpas wie damals in der neunten Klasse ist mir übrigens nie wieder passiert. Hast du einmal kapiert, die Signale zu erkennen, die “feinen Unterschiede”, hast du gelernt zwischen “uns” und “denen” zu unterscheiden und mit diesen Unterschieden zu spielen, bist du auf der sicheren Seite. Kannst du anfangen dein Wissen zu ironisieren, kannst du mit einem Augenzwinkern alles gegen den Strich lesen und verstehen, weil “die” ja wissen, dass ich weiß, dass sie wissen, dass ich “Es” weiß. Reimdingsis sind ein Schnöselhobby, niemand sonst außer ein paar herzschmerzenden Teenagern ohne Gitarre beschäftigt sich mit ihnen, es bleiben nur wir Schnösel übrig.

schleierwelt

haus im nebel, schwebende schwaden
schwach schwelende schemen
lichtfenster leuchtet duester in
weisser dunkelheit
naesse netzt nieselnd mein haar
besetzt meine klamme haut
weit und breit
kein laut

Die Reimdinsis von heute sind alle schon super-angeschimmelt. Ganz offenbar mochte ich damals Stabreime sehr, aber gut, gibt Schlimmeres. Top-Moppel zum Beispiel oder Wirsing. Die alten Reimdingsis hier im Podcast trotz all ihrer staubigen Schäbbigkeit zu verwenden, hat eher dokumentarischen Charakter und ich fürchte, lieber Koffer, da musst du jetzt kurz mal durch. Die Sache mit dem “Reimdingsis sind was für Schnösel”, die meine ich ziemlich ernst. Mein typisches Matze-Stilmittel wäre es jetzt, irgendwas Superunschnöseliges mit doppeltem Ironieboden rauszuhauen, das diese These gleichzeitig irgendwie widerlegt und bestätigt. Sowas ist nicht allzu schwer, weil Reimdingsis nun mal keine exakte Wissenschaft sind und man wunderbar mit verschiedenen Interpretationsebenen spielen kann. Aber heute nicht. Nein, heute ganz bestimmt nicht. Tschüß.

Als Uranus und Neptun sich am Himmel küssten
Gab’s im Universum einen Knall
Nur konnt ihn keiner hören, denn der Schall
Verbreitet sich im Vakuum nicht ohne List, denn
Schall ist nur in Wellen eingedrückte Luft
Wie wenn du eine strangulierst, kurz los-, sie schreien lässt
Und wieder anziehst und sie richtig fest
Erneut erwürgst, fein ausgeklügelt abgestuft
So lange, bis der Himmel selbst zu weinen
Und ein Sturm beginnt und selbst die äußeren Planeten
Um das Wohl der Einen bangen und zur Sonne beten
Und dann hast du ihn, den Knall, zumindest einen kleinen