EKW087 Siebenundsiebzig Stabreimsonette

TL;DR Wir schauen jetzt abends alle gemeinsam und – ganz wichtig – schweigend Netflix, denn alle interessanten Dinge haben wir uns bereits im ersten Lockdown erzählt.

Frühling

Das Kätzchen auf der Fensterbank
Mein Schätzchen mocht’ es sehr
So lang sie’s sah, ward ihr nicht bang
Und krank ward sie nicht mehr

Doch als es Frühling worden war
Lauthals die Vögel schrien
Da war die Katze fort, und, ja,
Ward auch mein Schatz dahin

Hi, Matthias hier. Helligkeit, das stelle ich immer wieder fest, tut meinen Reimdingsis nicht gut. Vielleicht sind es aber auch der Frühling bzw. seine Vorläufer ganz allgemein, die die Reimdingsischmiede erkalten lassen. Na klar, es kommt noch etwas heraus, aber eher reichlich minderwertige Qualität. Mag sein, dass im Winter auch einfach das Urteil über die eigene Mittelmäßigkeit milder ist oder das depressive Hirn sich eher vom niveauarmen Nonsenssingsang der Kreuz- und der Paarreime gefangen nehmen lässt. Sollte diese These jedenfalls stimmen, dann stehen Euch, ihr lieben Koffer, ganz furchtbar fiese Wochen bevor, bis sich das Autoren-Hirn dem Klima angepasst und in seinen üblichen Trott zurückgefunden hat.

First Date

Sie hatte sich Chopin gewünscht
Den hat sie sehr verehrt
Problem: Sie hat mich kalt erwischt
Schopeng? Das war verkehrt…

Da hilft kein Geld, kein Sixpack, nix
Wenn Du Schopeng vergeigst
Ist das wie Raider anstatt Twix
Drum: Besser, wenn du schweigst

Und wo wir schon dabei sind: Twix
Und Raider? Never! Klar?
Der ist so alt, dass, wenn du’s sprichst
Dein Date ein Reinfall war

Denn wenn sie geht, hat sie Niveau
Was bei Schopeng sein kann
Und lacht sie: Flieh! Ist besser so!
Dann bist du nicht ihr Mann

Es ist heute nicht allzu viel geschehen in meinem disfunktionalen Dichterhaushalt. Der Höhepunkt waren einmal mehr diverse Lieferantenbesuche, die erkleckliche Mengen an Essen und Küchenzubehör gebracht haben. Als da wären: Unmengen ultrakoffeinhalte Limonade und zwei Universalgrößentopfdeckel. Und ja, das ist recht armselig für ein auf äußere Stimulans angewiesenes Poetenleben, und nein, ich kann es nicht ändern, denn mit Corona tobt das draußen die beste Ausrede der Welt, um über Veränderung gar nicht erst nachzudenken. Stattdessen schauen wir abends alle gemeinsam und – ganz wichtig – schweigend Netflix, denn alle interessanten Dinge haben wir uns bereits im ersten Lockdown erzählt und die Urlaubsfotos aus der Zwischenlockdownphase haben wir uns nun auch schon alle sieben mal angeschaut und irgendwann ist auch mal Schluß mit norwegischer Landschaft, Himmel! Ich habe mir in der Not eins meiner eher schlechten unveröffentlichten Bücher hervorgekramt, nämlich “Siebenundsiebzig Stabreimsonette” und ein wenig geschmökert. Es ist, wie gesagt, eher schlecht, aber in einem Gratis-Podcast liegen die Maßstäbe auch nicht allzu hoch, nicht wahr? Ich geh mich jetzt ein wenig schämen, sage “Tschüß” und eins meiner saumäßigen Stabreimsonette musst Du Dir jetzt doch noch anhören.

Fernreisenpropaganda

Sie sitzen säumelig in ihrer Stube
Schaun sich Superheldenfilme an
Sediert von Super-, Bat- und Spinnenmann
Und saugen Cheddar aus sehr schönen Tuben

Furchtbar fad, nicht wahr? Wie wär’s dagegen
Raus ins Feld und munter zu marschier’n
‘N Blick auf Amsterdam, Athen riskier’n
Die knorren Knochen noch mal zu bewegen?

Alles schon getestet und gefunden
Dass ein Marsch nach Moskau und Paris
Meist mit gewissem Hindernis verbunden

Vielfach, weil das Kriegsglück uns verließ,
Die Wohnbevölkerung, genug geschunden,
Uns die Marschmusik ins Arschloch bließ