EKW011 38317

Peter Maffay. Das ist das Niveau. Und damit nichts gegen Herrn Maffay. 1991 veröffentliche er eine Schallplatte mit dem Namen 38317. Und wenn du diese Zahlen in einen alten Taschenrechner eingibst und ihn umdrehst, dann „Whaaaat?!“explodiert dein Gehirn und Du bist total geflashed von diesem Trick, das Word „Ficken“ nicht auf ein Plattencover zu schreiben, auch wenn’s nur darum geht.

Ziehen in der Brust

Was kann denn Liebe sein, wenn nicht Verlust
Von Freiheit, Freuden und Gewinn von Fron
Von Leibesqualen, Spott und Freundeshohn
Was kanns denn sein, als Ziehen in der Brust.

Was kann denn Liebe sein, wenn nicht Verlangen
Und Geschlechtstrieb, nebelhaft verhüllt,
Wo geile Gier aus vollen Poren quillt
Was, wenn nicht Samenstau, verbal verhangen.

So ist die Liebe nur ein Feigenblatt
Des Geistes für den Arterhaltungstrieb
Und birgt denn nichts als auch die Lüge hat?

So gibt, was ich Dir liebeslüstern schrieb
Nur Selbstaufgabe Sinn und sagt Dir statt
„Komm lass ‚ma bumsen“ zart „Ich hab Dich lieb“.

Ich hab Dich übrigens auch lieb. Das Sonett und die Liebe, das hört irgendwie zusammen. Das hat Gründe und die heißen Italien und Petraca und Dante und dann auch Shakespeare und weiße wat, das kannste alles bei Wikipedia nachlesen, denn Podcasts, in denen vornehmlich Wikipedia vorgelesen wird, find ich, gelinde gesagt, scheiße. Und weisse, wat ich auch scheiße finde? ZU viel Gelaber über einfache Dinge, die nur deshalb kompliziert sind, weil Menschen beteiligt sind und Menschen sind, genau wie Podcasts, in denen vornehmlich Wikipedia vorgelesen wird, gelinde gesagt: scheiße.

D & D

Allein weil sich Möwe auf Löwe gut reimt
Ist längst nicht semantische Deckung gemeint
Das kann man zum Beispiel bei den beiden sehn:
Der Löwe heißt „Dieter“, die Möwe „Doreen“

Die Möwe liest Krimis, der Löwe hört Pop
Er will dauernd kuscheln, die Möwe mag’s grob
Er singt gern beim Töten, sie singt überall
Und isst fast nur Sushi, er gerne mal Dal

Er putzt sich sehr häufig, sie findet das eher
Arg etepetete, das nervt sie schon sehr
Und fragt sich mitunter, ob Dieter auf Zeit
Der richtige ist, doch das bringt sie nicht weit

Denn Dieter verdient gut, der Dieter hat Geld,
Doreen hat nur Dieter, sonst nichts auf der Welt
Sie müsst, um auf eigenen Krallen zu stehn,
Was lernen, ’nen Job suchen, Arbeiten gehn

Das ist ganz schön mühsam, ach Dieter ist schon
Okay, stets bemüht und beflissen und so,
Und braucht eine Möwe denn eine Vision?
Der Dieter hat Geld! (Ach, das hatten wir schon…?)

Ihr Lieben, die Sache ist hochkompliziert
Und fragt man den Dieter, wirkt dieser frustriert
„Ach, hätt ich!“ schnurrt Dieter, und putzt sich pikiert,
„Dem Vogel die Flügel bloß nie amputiert!“

Öffentliches Ärgernis

Kerstin küsste an der Küste
Birgits Brüste
Holger sah durchs Okular
Das holde Paar
Und rannt‘ im Schockzustand zum Strand
Wo er sie fand
„Vermiest mir nicht durch wüste Lüste
Meine Küste!“
Rief er während er knietief
Durchs Wasser lief
Doch das ging schief: Er fiel
Im Priel und triefte.
Kerstin keuchte viel
Und Birgit schniefte
Bis zum Kuss
Am Schluss
Wenn das die Küste wüsste…

Es ist nämlich so: Die Liebe ist der reinste Klamauk. Einfach ein Bündel absurder Paarungsermöglichungsemotionen, das nach und nach durch Nestbautrieb und Durch-Dick-und-Dünn-Parolen ersetzt wird. Es muss allerdings Durch-Dünn-Und-Dick-Und-Zurück-heißen. Zumindest im Durchschnitt und das ist ja ganz praktisch, wird der Sarg nicht so teuer. Liebe gibt’s. Sie ist sozial und biologisch sinnvoll und damit hat sich die Sache. Aber wie das so ist mit der Natur: Es gibt totgefahrene Katzen, Massenaussterben und auch sonst läuft nicht alles nach Plan. Nicht nach unserem Plan, zumindest.

rhapsodie in woll

´schab nix von dir gehört, woll
has‘ allet stehn und liegen
lassen, allet nur mein herz, woll
dat bisse noch am biegen

ischasse dieses lied, woll
wat du so gern gesungen
has‘, fand‘s echt voll krass und toll, woll
dann bisse abgesprungen

´schweiß ganz genau, wat du, woll
als nächstes bis am planen
dran, hols‘ dir die alte flex, woll
und schneids‘ mein herz auf. amen.

Und dann kommt die eigene Gefühlskacke ins Spiel. Die Zeit, nach er du ewig auf den Bildschirm starrst, weil Sprache ein echt mäßiges Tool ist, um den Gefühlskram in Dir drin auszudrücken und irgendwie festzuhalten oder loszuwerden. Es ist meist auf perverse Weise beides gleichzeitig und wenn Du nicht gerade Symphonien schreiben, Facebook gründen oder ein paar Leute entlassen kannst, dann bist du mit der Scheiße alleine. Manchmal sogar jahrelang, weil’s nur in Deinem Kopf passiert ist und du das What-if-Spiel immer weiter drehst

Moleküle

Der Haufen Kohlenstoff und Wasser lacht
Ich hab ihr Quittenmarmelade, Charme und Twitterwitze mitgebracht
Wir rauchen Zigaretten, so wie früher, als wir noch unsterblich war’n
Lass uns zur Hölle fahr‘n, sag ich
Und sie: Die schöne Marmelade!
Ist dabei sehr schön, wie damals in der Achterbahn, als sie ganz nah
Zehntausend Kilometer unerreichbar war
Obwohl nur eine handbreit Treueschwur dazwischenlag
Der Haufen Kohlenstoff und Wasser bläst ein Wölkchen Träume in die Nacht
Sie ist ein echter Mensch geworden
Schaut mich an: Küsst du mich noch?
Denn für verpasste Chancen gibts vom Teufel keine Orden
Weißt ja gut Bescheid, sag ich
Und doch
Hab ich’s gemacht

wenn du gehst

du sagst mir, dass du gehen willst
weil unser leben nicht genügt
dass deine schönheit nicht mehr gilt
und auch dein lachen nicht
aus angst, dass es mich bald zu oft belügt
die hände nicht, die mich so oft berühren müssen
und auch mein finger nicht, der deinen mund verführt
weil deine beine nicht genügen, die ich küsse
wie auch das offne fenster nicht
an dem wir uns bei regen lieben und geborgen wissen

packst kisten für den schmuck, den ich dir schenkte
und die ironischen geschichten, die ich schrieb
was von den ersten deiner briefe blieb
den weihnachtsstern, den ich ans fenster hängte
schlägst eilig in papier die großen pizzableche
die weißen teller, grünen gläser, blauen messer
die uns begleiter waren, zeugen unserer gespräche

und alle bücher, deren seiten eselsohren haben

ziehst unsre betten ab und unsre laken
und alle bilder stellst du an die wand
bestellst die männer, das klavier,
auf dem wir vierhändig zu spielen nie geschafft, zu tragen
und rollst das poster ein
um das wir uns so oft gestritten haben

nimmst deinen mantel, reichst mir deine hand
als sie die kisten schon ins fahrzeug heben
ziehst mich heran und sagst: steig endlich ein
in unser leben

EKW010 Ungeheuer und Gepäck

Ich müsste mir mal einen Namen für Euch ausdenken. Erfolgreiche Podcasts machen sowas. Aus diesem catchy-Namen entsteht dann eine Community, die eigene Contentvorschläge macht, deutschlandweit die Säle füllt, also wenn nicht gerade Corona ist, und dann läuft die Sache mehr oder weniger von allein. „Laufen“ natürlich im Sinne von Podcast-Fame und das ist es ja, worum’s hier eigentlich geht. Also, wie soll ich dich und eine tausend Mithörkumpels nennen? Am besten wär‘s ja, wenn der Name irgendwas mit dem Titel des Podcasts zu tun hat. Ich glaub, ich nenn‘ Euch einfach mal „Koffer“. Genial oder? Jetzt guck nicht gleich so enttäuscht, Du Koffer(!), du gewöhnst dich dran. Ich hab mich schon dran gewöhnt.

Ungeheuer

Es scharen sich ums Lagerfeuer
Lauter laute Ungeheuer.
„Leute“, fragt ein Frosch die Runde,
„Für das Ungeheuerkunde-
Institut der Fachhochschule,
Wo ich für die Pflichtmodule
In Verhaltensforschung lehre,
Frag ich: Womit hab die Ehre
Ich in Eurem Kreis zu sprechen
Ohne Biegen oder Brechen
Oder Angst verspeist zu werden
Von den Ungeheuerherden?“

Plötzlich Stille. Und das eine
Ungeheuer fängt zu weinen
An und ist nicht mehr halten,
Bis sie ihm den Schädel spalten.
„Himmel!“ ruft der Frosch, „das ist
„Äußerst grauenhafter Mist!“
Sagt ein Ungeheuer: „Stimmt!“
Während es den Schädel nimmt
Und beginnt ihn auszuschlecken.
„Fakt ist, Froschgebeine schmecken
Nur mit Ungeheuerbrägen
Frisch geschlürft, der Mägen wägen.“
„Wägen?“ fragt der Frosch. Doch da
Ist er Matsche, ganz und gar.
„Wägen, schmatzt das Ungeheuer.
„Reicht mir mal den Pfefferstreuer!“

Na, wie fandst Du das Gedicht, Du Koffer? Gar nicht übel, oder? Mein Name ist Matthias, ich bin der Gepäcksbeauftragte hier im Podcast und heute geht’s, surprise, surprise, um Ungeheuer. Monster. Drachen. Ist klar geworden, denke ich, oder? Du Koffer?! Du bist wahrscheinlich so ein Edelkoffer. Mit Zahlenschloss. So ein Teil, das man im Flugzeug in diesen komplett dämlichen Verkaufsbroschüren sieht. Hast Du das schon mal beobachtet, dass jemand im Sitz vor oder neben Dir einen Flugbegleiter angesprochen hat und so was sagte wie „Excuse me, I totally fell in love into this classy suitcase. Do you accept Apple Pay?” Irgendwie schwer vorzustellen. “I actually wanna buy 5 of them, for the whole family. Yes, the grey ones… “

Das Thema “Ungeheuer“ oder „Monster“ ist ja schon eine Art home run für mich. Ich hab immerhin eine ganze Podcast-Serie über Monster veröffentlicht. Aber das weißt Du bestimmt eh schon, Du Koffer. Darum finden wir den Dreh, Alltagsängste oder unangenehme Situationen durch Monster-Methapern zu illustrieren auch ziemlich ausgelutscht, oder? Du Koffer?! Regt Dich das in so Promi-Shows auch immer auf, wenn Heather Schwibbelschwabbel ihren neuen Thriller vorstellt und dann ins Interpretieren kommt? Und irgendwas erzählt von „Ja klar, oberflächlich mag der Film so aussehen wie die Geschichte einer großbusigen, kinderfressenden Riesenechse, aber geht’s im Kern nicht eigentlich um die Konfrontation mit unseren kindlichen Urängsten?“ Wer hat Heather Schwibbelschabbel oder – ich will ja nicht sexistisch rüberkommen – wer hat Tom Cruise eigentlich erlaubt, eigene Gedanken öffentlich auszusprechen? Oder schreibt ihnen das Marketing den Scheiß wirklich so auf? Gut andererseits: Wenn sie das nur häufig genug machen, dann wird ihr Selbsthass vielleicht irgendwann so groß, dass sie das Monster einfach sind, versteht du? Du Koffer? Dann verschmelzen sie mit ihrer Rolle, fressen am Ende noch zwei, drei Talkshow-Hosts flüchten danach in die Rocky Mountains.

Mein Monster

Mein Monster ist ein Schild
Auf dem „Frau Rose“ steht
Ein Schild der Bundesagentur für
Einhundert Prozent Korrekt Bedruckte Schilder
Punkt

Die Bundesagentur für Einhundert Prozent Korrekt Bedruckte Schilder
Ist ein Scheißverein mit sehr viel Geld und Zeit und vielen Türen
Hinter denen Dinge wie Frau Rose harren
Sehr verhuschte Dinge
Voller Angst und Schüchternheit und Scheu
So dass man sie beschützen muss
Mit Schildern
Monsterschildern
Punkt

So wie das Schild, auf dem „Frau Rose“ steht
Mit einer großen, schweren Zimmernummer
Die viel größer und bestimmt viel schwerer
Als Frau Rose ist
Die Nummer, die das halbe Schild einnimmt
Die Steroid-gepäppelte Schwippschwägerin der kleinen Nummer
Auf dem leicht zerknickten Taschenmonster
Das ich aus der Jacke ziehe
Das sich falten lässt
Ganz anders als das Monster vor der Tür
Das Schild, auf dem „Frau Rose“ steht
Das niemals zittert wie mein Taschenmonster
Niemals nass vom Regen wird
Das keine Kaffeeflecken hat vom Warten
Auf dem Schreibtisch neben dem Computer
Punkt

Das Schild auf dem „Frau Rose“ steht
Kann brüllen, so wie alle Monster
So wie alle Monster brüllt es direkt
Ins Gehirn hinein
Es brüllt, dass ich mir einen Strick…
Moment, brüllt es, das packst du nicht
Spring einfach, brüllt es, aus dem Fenster
Hauptsache, du lässt das sehr verhuschte Dingelchen
Hinter der Tür die Dinge machen, die es gerne dingelt
Stempeln, falten und Kalender drehen
Horst anrufen, weil die Nummer dann besetzt ist
Und das Telefon nicht klingeln kann…
Das Schild brüllt: Siehst du nicht, brüllt es,
Dass du Frau Rose störst beim Dinge Dingeln?
Beim Verhuschte-Horst-Anrufe-Huschen?
Siehst du nicht, das dich dein Taschenmonster
Mit der kleinen Nummer in die Irre führt?
Dein Weg geht geradeaus, den Flur entlang zum Fenster
Geradewegs der frischen Luft und G entgegen
G = Schwerkraft
G = 9
Dann Komma
8
Dann 1
Dann Meter
Mal Sekunde
Zum Quadrat
Herrgott, brüllt es, jetzt spring schon
Aus dem Fenster
Sonst passiert noch was
Und das kann keiner wollen
Punkt

Mein Monster ist ein Schild
Auf dem „Frau Rose“ steht
Ein Schild der Bundesagentur für
Einhundert Prozent Korrekt Bedruckte Schilder
Punkt

Ich find es manchmal ganz schön tricky, die richtige Balance zu finden, Du Koffer! Ich meine die Balance zwischen Vierhebigem Paar-Reim-Klamauk und weniger zugänglichen Formaten. Ich trau Dir natürlich total zu, auch mal einen Kreuz- oder umschließenden Reim zu ertragen, und natürlich auch den ganzen anderen Kack, von Blankversen über Sonette, Terzette, Marathon-Balladen, Haikus (da fällt mir ein: ich könnt mal einen Reisegepäck-Haiku machen) bis hin zu Dadadaddadings und ungereimter Betroffenheitslyrik. Kann ich machen. Kriegst du hin. Weiß ich. Du bist ja nicht dumm. Du Koffer. Du willst es aber nicht immer. Also Du im Speziellen vielleicht schon, aber nicht Du im Durchschnitt deiner quantitativen Ausprägungsvariationen. Warst Du mal bei Galeria-Kaufhof-Karstadt-Hertie-… Wie heißen die? Warst du da schon mal in der Kofferabteilung? Da gibt’s ja voll die Auswahl und die wollen alle unterschiedliche Reim-Dingsies hören. Und das ist ja das nächste: Du und das ganze andere Sperrgepäck, ihr hört den Scheiß natürlich auch nur. Podcasts sind ein Nebenbei-Medium, ja, that’s a thing, believe me. Wie willste da denn die ganzen Nuacen und Bedeutungsebenen mitschneiden? Das ist doch – Achtung – Überleitung – ungeheuer schwer! Du Koffer! Ich versuch’s einfach mal weiter. Und wenn die Hörer*innen-Zahl dann irgendwann einstellig wird, dann nehme ich auch Wünsche an. Wie so ein Hochzeits-DJ. Apropos – Erstens: Ich hab immer noch riese Probleme, das Wort Apropos zu buchstabieren. Geht dir das auch so? Megakackeschwer, sich das zu merken, finde ich. Und: Bewertung. Das hier ist umsonst und draußen für Dich und alles gut. Ich freu mich aber im Gegenzug mega über Sterne und Worte bei Apple Podcasts. Du Koffer. Tschüss 

Der Wolf

Es stand am Waldesrand allein,
Die Schnauze feucht und hoch das Bein,
Herr Peters, seines Zeichens Arsch
Mit Wohnsitz in der Wesermarsch.

Zehn Meter nur von seinen Haus
Ist Peters, wie so oft schon, raus
Zum Waldrand hinterm Zaun marschiert
Und pinkelt lang und ungeniert.

Er wähnt sich ohne Zeugen, was,
Bei altem Baumbestand und Gras,
Das vor ihm wächst, auch naheliegt,
Bis plötzlich sich ein Bäumchen biegt

Und über junge Triebe bricht
Ein Wolf ins Licht, der hackedicht
Von schwarz gebranntem Fusel spricht:
„Wasmasduhier? Ich… kenndichnich!

Herr Peters, das ist allbekannt,
Ist auch der Chef vom Grundbuchamt,
Dem, wenn er nicht am Waldrand pisst,
Die Ordnung hoch und heilig ist.

So hebt er, als er sich erholt
Vom Schrecken hat, und ungewollt
Den Schniedel fast im Reißverschluss
Geklemmt hat, seine Hand zum Gruß:

„Der Name ist, wie’s auf dem Schild
An meiner Haustür abgebild‘
Gut lesbar für Passanten steht
‚Herr DOKTOR Peters‘. Und, wenn’s geht,

Würd ich, bevor wir beiden jetzt
Den Sachverhalt des Wegerechts
Den Sie, Herr Wolf, ganz offenbar
Sehr anders seh ’n, als Ich ihn sah

Als ich dies Haus am Waldesrand
Mit Waldstück letztes Jahr erstand,
Würd ich zunächst den Dichter bitten,
Meinen Titel, den erstritten

Ich sehr stolz bin, hier im Stück
Bis hoch zum ersten Vers zurück
In voller Länge zu erwähnen.
So viel Zeit sollt‘ man sich n(a)ehmen!“

Das, und hier spricht jetzt der Dichter,
War zwar schlecht gereimt, doch spricht er,
Also Peters, etwas an,
Das erwägenswert ist. Wann

Hat ein Dichter Möglichkeit,
Wenn vielleicht auch nur im Streit,
Einer seiner Hauptfiguren
Mittels Rekursivstrukturen

Etwas mehr Gerechtigkeit
Zu gewähren? Und so sei
Alles, was bisher berichtet
Rückgespult und neu gedichtet:

Neulich also stand am Wald,
Nase hoch und Schniedel kalt,
Dieser Arsch von Grundbuchamt,
DOKTOR Peters, und er stand

Nicht allein. Nur war ihm das
Nicht bekannt. Und als ins Gras
Sein Urin sich tröpfelnd fraß
Brach durchs frische grüne Nass

Dieser Wolf, der, stark betrunken,
Ethisch schon recht tief gesunken
War, und ohne große Dramen
DOKTOR Peters auffraß. Amen.

EKW009 Backe, backe

Backen, oder? Kochen ist okay, aber backen: Hammer. Es ist von tausendsiebzehn Expert*innen schon hinreichend über die Magie des Backens oder auch die fundamentalen Unterschiede zwischen Backen und Kochen philosophiert werden. Ich wiederhole oder ergänze das an dieser Stelle nicht, denn ich bin wenig kompetent und außerdem nähere ich mich den Dingen ja gern vom poetischen Blickwinkel her.

Brötchen backen

Die Brötchen schwitzten dampfend heiß
Im Ofen, wo der Brötchenschweiß
Als herrlich krosser Duft entwich
Und lockend durch die Wohnung schlich
„Steht auf ihr Kinder! Höchste Zeit
Das Frühstück lockt und ist bereit!“
Das schien der Duft sehr leis‘ zu flüstern
Doch er tat es heiß und lüstern.

Allerdings, das sei erwähnt,
Fand sich kein Kind, das müde gähnt,
Um dann, den Duft im Nasenkolben
Diesem aus dem Bett zu folgen.
Vielmehr schnarchte die Familie
Um die Wette, ganz in Spiele
Nächtlich-warmer Traumbetrachtung
Tief versunken. Und Beachtung
Fand das köstliche Buffet
Aus Eiern, Schinken, Früchten, Tee,
Und den erwähnten frischen Schrippen
Nicht beim Rest der trägen Sippe.

Längst schon sind die Brötchen gar
Herausgeholt und liegen da
Im Brotkorb, dampfend, voll Vertrauen
Auf den Tod durch starkes Kauen.
Bis die volle Männerstimme
Ihres Bäckers, nun im Grimme
Des geschmähten Romeos schreit:
„Zum Frühstück, Leute, es wird Zeit!
Und endlich, fünf Minuten später
Steht der erste Schwerenöter
Schlafestrunken in der Tür
Und setzt dann an, noch stark verwirrt:
„Du Papa, ist ja lieb gemeint.
Und ja, es riecht auch toll, wie’s scheint…
Nur könnt’st du eins mal bitte checken
Statt uns andauernd aufzuwecken?
Abends weggeh’n ist okay.
Da kann man seine Freunde sehn,
Was trinken, auch mal mehr, gebongt.
Und wenn man dann nach Hause kommt
Sich in die Küche setzt, mal zwei
Drei Sachen isst, bin ich dabei…
Nur wär’s danach echt cool von dir
INS BETT ZU GEHN. ES IST HALB VIER!

Hi, ich bin Matthias und Du hast Dich, ich kann nur spekulieren aus welchem Grund, in meinen Podcast verirrt. Die Idee zum just gespielten Poem kam mir nach abermaliger Lektüre von Goethes Meister Wilhelm, in dem er schrieb:

Wer nie sein Brot mit Tränen buk,
Wer nie nach durchgezechten Nächten
Hefe zur Erschöpfung schlug
Hat nicht gelebt wie Gott es möchte

Es ist wohl mehr als purer Zufall, dass ich meine Kindheit quasi im Schatten des berühmten Meister-Wilhelm-Denkmals verbracht habe. Das Backen ist mir quasi zweite Natur geworden und darum möchte ich., bevor es mit mehr selbstgeklöppelter Lyrik weitergeht, an dieser Stelle kurz einige Backtipps zum Besten geben:

Erstens: Vanillin ist völlig okay. Klar kannst Du Unsummen für „echte“ Vanille“ ausgeben, aber die Ernährungsalchemisten von Dr. Oetker oder Ruf oder whatever sind weder Idioten noch Terroristen. Spar Dein Geld besser für coole Weihnachtsgeschenke. Und wenn Du partout echten Vanillezucker verwenden willst, dann mach ihn Dir selbst. Vanilleschoten kaufen, in ein Glas Zucker stopfen, warten, fertig.
Zweitens: Du kannst Hefeteig genau nach Omas Rezeptheft machen mit Vorteig und Holzlöffel und 3 mal bei Vollmond gehen lassen und diesem ganzen Foodblogger*innen-Hokuspokus. Oder: Nimm einfach mehr Hefe! Von mir aus auch viel mehr. Hefe riecht gut, Hefe schmeckt gut, Hefe ist einfach geil. Der Geruch von Hefe allein oder auch das Gefühl, minutenlang einen Hefeteig zu kneten, rettet manchmal einen ganzen trüben Tag. Und wenn Du echt auf Kriegsfuß mit Hefe stehst, warum auch immer, man darf sie auch ruhig mit Backpulver mischen. Ja. So fucking what?! Deine Oma ist tot und es gibt keinen Himmel, von wo aus sie strafend runterguckt. Ey, und selbst wenn: Sie kann absolut nichts! Dagegen! Tun! Okay, wenn Du aber, zum Beispiel wegen Histaminen echt nur wenig Hefe verträgst, oder wenn’s mal echt „real“ werden soll – beachte die Tautologie, das heißt, jetzt kommt ein totaler Geheimtipp: Dann nimm wenig Hefe für den Teig und lass ihn eine ganze Nacht im Kühlschrank gehen. Richtig geil. Nur die Schüssel sollte groß genug sein und verschlossen, sonst hat die Hefe am nächsten Morgen den gesamten Kühlschrank erobert. Hefedingsis snd nämlich, was das angeht, kleine Naziarschlöcher.

Der Kuchen

Man saß in altvertrauter Runde
Um den Tisch, in aller Munde
Mischte Kuchen sich mit Speichel
Und mit Tee. ´Ner ohne Zweifel
Exquisiten Mischung aus
Dem besten Bremer Bürgerhaus.

Der Kuchen war aus Rumrosinen,
Margarine, Mohn. Es schienen
Alle Mäuler um den Tisch
Recht stark, doch angenehm erfrischt,
Als plötzlich mitten unter ihnen
Jemand schrie. Und alle Mienen
Der Versammlung wurden starr,
Weil man doch sah, dass niemand da
War, dem den Schrei man zuzuordnen
Wirklich in der Lage war.

Nun mag die eine oder and‘re
Hörer*innen-Hypothese
Wenn der Blick zum Titel wandert
Ahnen, welchem Wunderwesen
Dieser Überraschungsschrei
Am Tisch wohl zuzuordnen sei.
Und klar: Natürlich war‘s der Kuchen,
Dessen Schrei wir nun versuchen
Mit den Mitteln dürrer Lyrik
Stück für Stück zu untersuchen.

Wie ich schon erwähnte, kauten
Alle schon. Insofern traute
Man sich wirklich nicht zu viel
Wenn man auf Backwerkschmerzen schielt
Als Grund für Schrei und dessen Folgen.
Doch gefehlt! Mal ernsthaft: Wollten
Wir den bloßen Teigverzehr
(Plus Deko) hier kausal annehmen,
Nur weil‘s naheliegend wär?
Ja Himmel! Müssten wir uns schämen
Bei den schieren Kuchenmassen
Die wir Tag für Tag verprassen.
Stellt Euch vor: Mit jedem Bissen
Schmerz und Folter! Und das Wissen
Dass, falls später noch ein Stück
Vom Kuchen in den Eisschrank rückt,
Die ganze Scheiße morgen schon
Von Neuem losgeht. Welche Fron…

Jedenfalls: Die Frage bleibt,
Was einen Kuchen denn wohl treibt,
Ein bürgerliches Kaffeekränzchen,
(Oder Tee-, wie ich ergänzen
Muss) durch lauthalse Spirensken
Bestenfalls zu irritieren,
Schlimmstenfalls zu liquidieren!
Schließlich ist’s ’ne Teegesellschaft,
Deren ältere Belegschaft
Kucheninduzierte Schrecken
Nicht verkraftet wegzustecken.
Und von der Natur her ist
Ein Kuchen ja kein Anarchist
Im Gegenteil: Die Hauptbestimmung
Eines Kuchens ist Besinnung,
Sättigung und Lust zu bringen
Sättigung vor allen Dingen.

Gut. Ein Kuchen also, der
Ganz plötzlich schreit. Wer weiß es? Wer?
Gar niemand? Hab ich‘s doch geahnt,
Zu lang schon schwafle ich, da lahmt
Der Spürsinn aller Leser_innen
Schnell. Der Scharfsinn ist von hinnen.
Kürzen wir die Untersuchung
Also ab. Denn so ein Kuchen
Der laut schreit, kann doch bestimmt
Auch reden, wenn er sich besinnt.
Und da von ihm ein großer Teil
Noch immer auf dem Tisch verweilt
Wird die Erzählung hier gestoppt.

Der Kuchen wird am Schopf gepackt
(Also, nicht echt, nur als Metapher)
Und direkt gefragt: „Jetzt schaffe
Bitte ein für alle Mal
Uns allen Klarheit: Hast du Qual
Gelitten, weil du angeschnitten
Wurdest? Was hat dich geritten?“
Und der Kuchen? Er, tatsächlich(!),
Dreht sich um, wenn auch gemächlich,
Bis er uns von Angesicht
Zu Angesicht sieht und dann spricht:
„Jetzt ein für alle Mal, du Pfosten!
Dichterische Freiheit: Ja.
Aber nicht auf meine Kosten!
Und nicht so. Ist das jetzt klar?
Drei! Soll ich es größer schreiben?
Nur DREI Eigenschaften sind
Mir in diesem Reim zu eigen,
Sind wir einig, dass das stimmt?
Und wenn du, nach Beifall haschend,
DAS nicht hinkriegst – ich mein’: DREI! –
Ist es wirklich überraschend
Dass ich dann ein bisschen schrei‘?“
„Nee“, sag ich. „Doch hilf mir bitte
Auf die Sprünge, Sahneschnitte…!“
„NEIN VERDAMMT! ICH BIN EIN KUCHEN!
KEINE TORTE, VOLLIDIOT!“
„Ist gut“, sag ich, „ich werd‘s versuchen.
Alles klar und voll im Lot?“
„Nein, nein!“ ruft er mit düst‘rer Miene.
„Ich bin NICHT aus MARGARINE!
Wie du anfangs einmal sagtest,
Darum schrie ich! Ja das war es!

Bin aus reiner deutscher Butter!
Deutscher Vater! Deutsche Mutter!
Deutsche Kuh und deutsches Gras,
Deutsche Milch aus deutschem Glas!
Alles deutsch! Verstehste? Alles!“
„Alles klar“, sag ich, „ich schnall es.
Du bist halt, wie’s manchmal ist,
Einfach nur ein scheiß Rassist.“
Und ich hebe ich ihn mit Wonne
Hoch und schmeiß ihn in die Tonne.

Kuchen, oder? Alles in allem ein eher hochnäsiges Pack. Ganz anders als zum Beispiel Pizza, dieses demütig-deftige Allerweltsgebäck, dessen Zubereitungsqualität sich seit einiger Zeit aber auch an quasi-rassistischen Kategorien bemisst, nämlich an ihrem Originalitätsgrad. Eine möglichst gute Pizza wird natürlich nach dem auf eine fleckige Serviette gekritzelten Rezept einer verstorbenen italienischen Großmama gefertigt. Wenn möglich auf dem ewig heißen Vulkangestein des Ätnas oder des Vesuvs oder zumindest auf einem 4 Stunden lang vorgeheizten Pizzastein aus zertifiziertem Carrara-Marmor…

Ich hab schon vor langer Zeit beschlossen, bei diesem Pizza-Voodoo nicht mehr mitzumachen und bin dann doch wieder beim Kuchen gelandet. Allerdings in seiner simpelst möglichen Form, dem Rosinenkuchen und der hat beim jahrelangen Abfüttern spontanen Schwiegerelternbesuchs stets zuverlässige Dienste geleistet. Ich hoffe nur, das bleibt so.

Tschüss!

Aufwallung

Wenn Rosinenkuchen beben
Wenn er schaudern könnte
Wenn er, während er am Teller klebt,
Sich festkrallt, seine Kuchenkruste heben,
Senken, Zitternd sich mal öffnen ließe und mal schließt,
So dass der ganze Tisch erbebt
Und alles Plaudern jäh in seiner Plapperlust verstummt,
Mich nach dem Ursprung dieser Störung suchen ließe,
Wenn der Kuchen schrie: Ich hab zum Sterben keine Eier!
(Ach? Ich dachte, vier sein dafür wohl genug…)
Was, wenn er flehte, ob ich ihn mit Freundschaft und
Mit Puderzuckerguss leicht übergießen
Würde oder ihm die Sahne zur Verzierung übertrug?
Was würde dieses Beben seiner Welt die meine rühren!
Sie in Wallung bringen und in dem Versuch, die Rettung zu erringen
Wohl genau das aufgewühlte Schlucken schüren,
Das es braucht, ein räudiges Stück Kuchen zu verschlingen

EKW008 Humphrey

Humphrey hat im Grunde nichts falsch gemacht. Sein Frauchen aber um so mehr. Oder?

Folgentranskript:

möder mups

müder mops du liegst so stille
auf des dichters lesebrille
schaust so mopsig in die welt
während dichters kragen schwellt
schwups, da ist es schon passiert
der poet ist blöd blamiert
statt im duden nachzulesen
ist er zu spontan gewesen
schwellen ist okay, doch schwellt?
dafür gibt’s vom lektor schelt
schwups, schon wieder, blöder hund! er
geht nicht von der brille runter!
mumps, nein, mobst, du dummer köter
pennst hier probst, du schwummerflöter!
auf die peine! prille rauf!
nein, nicht du, mups! ach gebs auf

Humphrey tut mir leid. Das hört sich emphatischer an, als es ist, denn wenn ich darüber nachdenke, dann tut mir Humphrey immer genau dann leid, wenn ich mir selbst leid tue. Mein Mitleid mit Humphrey ist also bei näherer Betrachtung nur das Nebenprodukt meines Selbstmitleids, und ich fürchte, solch ein Schein-Empathie-Muster ist gar nicht mal so selten in der Welt. Vielleicht ist es sogar eher die Regel als die Ausnahme. Aber ich will mal nicht gleich wieder ins Grundsätzliche abrutschen. Wer weiß: Vielleicht bist Du, genau wie ich übrigens, gerade erst aufgewacht und tastest noch halbblind nach dem Sinn Deines Daseins und schwubbeldiedupps wird im ersten Podcast des Tages auf Scheingrundsätzlichkeiten herumgeritten wie auf einem schlecht gealterten Jahrmarktspony. Jahrmarktsponys tun mir übrigens auch leid. Und so sehr ich gerne von mir behaupten würde, das läge einzig und allein am Anblick dieser erbärmlichen Kreaturen, so scheint es mir doch, als sähe ich im Grunde nur mich selbst und meine müde Existenz am Rande einer winzigen Manege immer nur im Kreis herumreiten. Selbst ein Richtungswechsel ist nicht drin und das einzige, was ich zwischen meinen Scheuklappen zu sehen kriege ist ein vor mir trottender Pferdearsch. Aber wer weiß? Vielleicht ist das alles auch reine Projektion. Vielleicht ist Humphrey der glücklichste Hund der Welt und er liebt sein Frauchen abgöttisch. Tja. Vielleicht bin ich der einzige Mensch weit und breit, der Humphreys Frauchen gerne gefesselt und geknebelt an einem Marterpfahl sähe. Wobei das Knebeln wirklich wichtig ist! Denn nur in diesem Zustand hält die alte Plumpskuh zuverlässig ihre Klappe und bölkt nicht andauernd „Humphrey!“ durch die morgendliche Stille! Du merkst schon, dieses Stilmittel, mit einer Geschichte in der Mitte zuerst anzufangen, das beherrsche ich mit großer Virtuosität. Trotzdem, um mal ein wenig Grund in die Sache zu bringen, erzähle ich die Geschichte mal von Beginn an:

Humphrey ist ein Hund. Zumindest glaube ich das, denn ich hab ihn noch nie in meinem Leben gesehen und auch tatsächlich nie gehört. Insofern kann ich präzisieren: Humphrey ist ein äußerst stiller Hund. Nur das Geräusch seines Körpers, wie er durch das Gras und die Büsche hinter unserem Grundstück läuft kann ich manchmal hören. Überdeutlich laut ist dagegen ist das Gezeter aus dem Mund von Humphreys Frauchen. Auch diese Dame hab ich noch nie in Gänze sehen können. Aber ihr „HUMPHREY!“, das kann ich Dir in allen seinen Schattierungen vormachen. Da gibt es dieses kurz angebundene, fast gebellte „Humphrey!“, bei dem man noch denken könnte: Schau an, da ist jemand mit einem jungen Welpen unterwegs und will ihn mit kurzen, präzisen Lauten zu einem folgsamen und treuen Begleiter erziehen. Nur stimmt das ganz offensichtlich nicht oder war zumindest maximal erfolglos, denn diesen Ruf höre ich nun seit mehr als zwei Jahren, direkt unter meinem Schlafzimmerzimmerfenster von der Wiese hinter unserer Gartenhecke. Dann gibt es auch noch ein ähnlich kurzes „Humphrey!“ mit Betonung auf dem längeren „Haaamm“, als würde Frauchen den Hund gerade auffressen und dieser Vorgang würde wie in einem Comic durch ein lautmalerisches „Haaamm!“ illustriert. Am schlimmsten ist aber das noch weit kürzere, „Humphrey!“ bei dem ich, je nachdem eigentlich nur ein ultrakurzes „Hamm!“ oder „Phrey“ heraushöre. Es zeugt von einer ebenso heftigen wie unterdrückten Frauchen-Aggressivität, dass ich wirklich nur hoffen kann, dass diese Dame nicht auch noch Macht über andere Lebewesen hat. Und, wie bereits erwähnt: Humphrey gibt bei alldem keinen Ton von sich. Kein kurzes Bellen oder Protestieren, kein demütiges Jaulen oder streitlustiges Knurren. Ist er schwerhörig? Resigniert? Oder hat er einen Weg gefunden, Frauchen einfach komplett zu ignorieren. Vielleicht spielt in seinem Hundkopf fortwährend ein leicht panisches „Nanananana!“ oder er stellt sich vor, er sei alleine eingesperrt in einem Metzgerladen und hätte alle Zeit der Welt, sich ein ausgiebiges zweites Frühstück zusammenzustellen.

Das zweite Frühstück erwähne ich nicht rein zufällig. Denn Humphrey und sein Frauchen tauchen immer wirklich früh hinter unserer Hecke auf. Wenn ich Glück habe, zeigt der Wecker eine sieben, und unter der Woche ist das dann okay, denn wir sind längst raus aus dem Bett. Aber es kann auch gerne einmal irgendwas mit sechs sein und Wochenende, so wie heute, und dann schwillt in mir der Hass.

Hundstag

Wenn am Kai die Wellen schwellen
Hundewelpen heiser bellen
Wenn das Bellen Blubbern weicht
Kühles Nass die Lefzen streicht
Erste Canoidkadaver
Treiben. „Schau, ein ganz, ganz braver!“
Wenn in lauen Abendstunden
Sich dann Ruhe eingefunden
Hat, das sag ich unumwunden,
Ein Tsunami stattgefunden

Ich habe auf meinen Social-Media-Kanälen bereits mehrfach relativ unverblühmte Gewaltphantasien gegenüber Humphreys Frauchen geteilt. Nun ist mein soziales Netzwerk auch im virtuellen Raum stark begrenzt und diese Gedanken stehen in aller Regel ungelesen und unkommentiert im Raum und zwar auf eine Art und Weise unkommentiert im Raum, dass ich hin und wieder überlege, dass mich andere Menschen einfach ebenso wenig mögen wie ich Humphreys Frauchen. Ich verwerfe diese Hypothese aus Selbstschutzgründen meist sofort. Aber der rational denkende Mensch in mir weiß natürlich: Sooo abwegig ist das alles nicht. Und in Augenblicken, wenn sich mein Denken in diese Richtung entwickelt, in diesen Saugenblicken entwickelt sich mitunter eine Art Empathie für Humphreys Frauchen. Was, wenn sie selbst eine jahrelang weitgehend unbeachtete soziale Existenz fristet? Mit Humphry als einzig verlässlicher Interaktionsinstanz? Ist das denn wirklich so abwegig? Der Klang ihrer Stimme und die Menge an Zeit, die sie täglich in den Hund investiert sagt „Nein, ganz und gar nicht!“ Gut, diese Erkenntnis erscheint bei näherer Betrachtung sogar recht trivial. Und wie herum die Kausalität nun genau zeigt, also ob ihre Einsamkeit zum Hund führte oder ihr aufreibend nerviges Verhalten gegenüber und mit dem Hund zu Einsamkeit, ist dann eigentlich auch egal. Es ist jedenfalls gar nicht auszuschließen, dass all diese enervierenden Humphrey-Rufe letztlich nur verzweifelte Schreie nach Liebe und Beachtung sind und meine Reaktion darauf vielleicht suboptimal, aber immer noch besser ist als gar keine Reaktion.

leierkastenmann

Dann schenken Sie mir einen Grund, dass ich lebe, sagt sie, schenken Sie mir, sagt sie, Ihren Hund. Dann schenken Sie mir Ihren Golden Retriever, sagt sie mir, ach schenken Sie mir Ihren Hund. Ich schenke ihn ihr und sie dankt mir ganz herzlich, sagt sie, vielen Dank für den goldenen Hund. Der Hund heißt Irene, sag ich ihr, da nickt sie, Irene, sagt sie, find ich irgendwie schön. Dann nimmt sie den Grund, dass sie lebt, an die Leine, Irene, sagt sie, du mein goldener Hund. Den goldenen Hund an der Leine verschwindet sie, langsam, die Hand an der Leine den Hund. Da steh ich allein am Geländer und lebe auch ohne Irene und schau auf den Grund.

Mir ist gerade aufgefallen, dass ich bereits eine Menge zu Humphreys Frauchen und überraschend wenig zu Humphrey selbst gesagt habe. Ja klar, ich hab ihn ja auch noch nie gesehen. Sein Frauchen aber auch nicht, bis auf das eine Mal, wo ich morgens schwer genervt zum Schlafzimmerfenster gehechtet bin und über die Hecke hinweg gerade noch einen Hinterkopf erhaschen konnte. Und so rentermäßig bin ich dann doch noch nicht drauf, dass ich Menschen in dieser Situation noch wutentbrannt hinterher schimpfe. Ich hab, ganz ehrlich gesagt, einmal dann doch gemacht, aber das ist eine Geschichte für eine Einzelfolge… Aber ich wollt ja bei Humphrey bleiben. Was ist über ihn noch weiteres zu sagen? Nun vielleicht so viel, und ich bemühe mich jetzt wirklich um das maximal mir mögliche Maß an diplomatischem Geschick: Es ist vollkommen okay, dass es Hunde gibt. Ehrlich. Ich akzeptiere die Existenz von Hunden und werde ihnen, außer es geschieht in Notwehr, auch kein Leid antun. Aber meine ganz persönliche Meinung über Hunde, ihre positiven Eigenschaften und insbesondere ihre Intelligenz betreffend, behalte ich einfach mal für mich. Denn was auch immer ich Negatives über sie zu sagen hätte: Das Aller-Allermeiste fiele letzten Endes auf ihre Züchter- und Besitzer*innen zurück. Und ganz ehrlich: Irgendetwas in mir drin hofft wohl immer noch, dass die Menschheit besser ist als die Summe ihrer durch „HUMPHREY“-Rufe verkorksten Vierbeinerfreunde.

Tschüssikoswki,

Hund

Es lief aus keinem guten Grund
Durchs Viertel einst ein kleiner Hund.
Er hatte Langeweile und
Sah in den Fenstern all den Schund,
Den Menschen kaufen. Beispielsweise:
Latex-Strapse, Bügeleisen,
Bücher voll mit pseudoweisen
Anekdoten von den Reisen
Eines kleinen Hundes, der
Durch die Stadt läuft, während er
In die Fenster schauend schwer
Atmend gern woanders wär.
‚Armer Hund!‘ sann er, ‚Ich nöle
Nie mehr wieder!“ Dumme Töle.

EKW007 Elfenbeinturm

Das ist ja so eine Sache mit Elfenbeintürmen. Einerseits sind sie ökologisch höchst fragwürdig, andererseits sind sie auch aus anderen Gründen das eine oder andere Bombardement durch die NATO wert. Oder UNO. Hauptsache kaputt.

In der Episode erwähnte Links: https://siebenmeilenstiefel.antville.org/stories/348864/

Hinter dem Kaninchenstall

Die Galaxis hinter dem Kaninchenstall
Hat aufgehört, den Löwenzahn zu fressen.
Auch den Ampfer rührt das Biest nicht an und
Vitamine, die es dringend für die Expansion
Bis in die Kleine Magellansche Wolke braucht
Die holt es sich direkt
Von den Kaninchen

Sie ist also ausbaufähig, diese Galaxie
Und auch unser Verhältnis zueinander,
Das zuletzt doch arg gelitten hat unter
Gesteigertem Kaninchenhunger
Dicht gefolgt von stark gesteigertem Verbrauch
Besagter Hasentiere inklusive
All der Sauerei

Mit Galaxien reden – viel gehört und noch
Viel häufiger gescheitert, hört man auf
Die Youtube-Astronomen – Ignorieren!
Heißt es. Oder mit dem Spaten drauf
Das Blutbad hinter dem Kaninchenstall
Ersetzt Dir niemand, junger Freund,
Denn Oma (die mit Taschengeld und Schokolade), die ist tot

Der Ampfer wiederum, der wächst
Wird immer größer! Erst war‘s toll
Dann war das Luftfahrtbundesamt
Am Telefon. Der Russe (oder war’s
Der Ami?) hätte sich beschwert
Wegen der Düsenflieger, die
An Blättern hängenblieben

Einwand meinerseits, wenn erst einmal die Galaxie
Hinter‘m Kaninchenstall so richtig
Blähte, sei es eh vorbei mit Düsenfliegern,
Traf auf taube Ohren und ein Ordnungsgeld.
Was wissen denn Beamte von Physik
Und Expansion und Ampfer und Kaninchen
Nix.

Hi, lass‘ ma über Wissenschaft reden. Ich bin Matthias und natürlich wissen wir beide, du und ich, was Wissenschaft ist. Ich hab Luhmann gelesen, du hast Luhmann gelesen. Also…
Hast du Luhmann gelesen? „Die Wissenschaft der Gesellschaft“? Ernsthaft? Ich meine: Durchgelesen? Oder, besser, durchgehalten? Wirklich? Ich nicht. Luhmanns Buch über die Liebe liegt immer noch hier auf meinem Nachttisch. Seit 15 Jahren! Ich hab mal gehört, „Liebe als Passion“ sei Luhmanns bei weitem erfolgreichstes Buch gewesen, ein regelrechter Bestseller. Und ich sag Dir auch warum: Weil dieses Buch einfach absolut umwerfend aussieht auf einem Nachttisch. Stell dir jetzt mal vor, du hast deinen ersten Übernachtungsbesuch mit dem einvernehmlichen Ziel vor dem Einschlafen sexuelle Handlungen vorzunehmen, und dann liegt da, gut sichtbar für das, ich sag mal höflich, wenn grammatikalisch auch… fragwürdig, also dann liegt da gut sichtbar für das SUBJEKT Deiner Begierde, dann liegt da dieses Buch aus dem Suhrkamp Taschenbuch-Verlag: „Liebe als Passion: Zur Codierung von Intimität“. Das ist quasi das Nerd-Äquivalent zu Diddelmaus-Bettwäsche und einem Kamasutra-Ratgeber. Oder dieser Fifty-Sheets-Of_Grey-Kacke. Wobei Luhmann wohl niemals gedacht hätte, dass ein Bürotacker oder eine Wäscheleine jemals zur Codierung von Intimität benutzt werden können…

Aber wir wollten ja über Wissenschaft reden. Ich bin Wissenschaftler. Ich hab hier direkt neben mir ein ganzes Regal voller Beweise stehen. Und das, obwohl hier nicht mein Schlafzimmer ist und ich mich als zufrieden verpaarten Menschen beschreiben würde. Eine in meinem Fall ParterINNEN-Beeindruckung steht in absehbarer Zeit nicht an. Denn die seit zwei Dekaden aktuelle potentielle Beeindruckungszielperson musste meine Dissertation korrekturlesen und ist auch sonst nicht sonderlich beeindruckt von wissenschaftlichen Statussymbolen. Wie Kongressnamensschildern, Selfies mit Albert Bandura oder roten Nomos-Bänden mit meinem Namen auf dem Rücken. Nein, nein. Die Beeindruckungszielperson bin in meinem Fall ich selbst. Weil ich Wissenschaft nämlich zu 50 Prozent der Zeit mit ihr gehasst, 45 Prozent ertragen und nur 5 Prozent der Zeit abgöttisch geliebt habe. Also anteilsmäßig quasi direkt Gegenproportional zur Zeiteinteilung mit der eben genannten potentiellen Beeindruckungszielperson. Es gibt also von Zeit zu Zeit Beeindruckungsnachholbedarf mit dem Ziel der Selbstwertsteigerung. Besonders hilfreich sind dabei immer die englischsprachigen Journalartikel, an deren Genese ich mich nur noch schemenhaft erinnere und ich denen es nicht selten einfach nur darum ging, andere Forschungsgruppen auf die wissenschaftlich feine Art zu widerlegen.

smart poem

to ace an asshole out: show him
grace and start a smart poem!
liberate his mind! throw him
out of oz, get words goin’
down his throat, let doubt growing
gross amongst his conk! know him
well – but better! then: blow him
down and get his thoughts flowing

Kanntest Du das Wort “conk“? Ich hab einfach den schönsten englisch-umgangssprachlichen Begriff für Kopf im Wörterbuch gesucht, der in diesem Fall auch Nase, Zinken, Knolle bedeuten kann. Und das ist natürlich die Seite von Wissenschaft, die ich total toll und sympathisch finde. Diese internationalen Treffen mit anderen jungen Dilettanten, die genau wie ich selbst im Kongress-Smalltalk die richtigen, clever klingenden Begriffe in Google Translate suchen, oder, weil sie die Nacht vor der wichtigen Präsentation wegen eines bei Dunking Donuts eingefangenen Noro-Virus auf dem Klo verbracht haben, dann am nächsten Tag noch kreidebleicher als eh schon vor den 15 anderen Nerds stehen, die sich auf der ganzen Welt für ein abseitiges Abseitsthema interessieren. Nur können diese sorgsam gehüteten Lagerfeuergeschichten natürlich nicht das Verdrängen, was Wissenschaft häufig ist: Schlechte Bezahlung, Familienfeindlichkeit im Allgemeinen und Frauenfeinlichkeit im Besonderen, Hierarchiegewichse, Stiefelleckerei, autoritäre Kackscheiße und auch sonst jede Menge Zeugs, das eher nach 1950 schmeckt als nach Post-1968.

mein elfenbeinturm

mein elfenbeinturm könnte sein:
ein grauer häuserblock
in dessen küche auf dem tisch
noch nudeln steh‘n
lauwarm und umkreist
von betäubten gesprächen
wie fliegen im november

der flur eine flucht
vorbei an selbstverwalteten
zielvereinbarungen und
eigenverantwortlicher
verzweiflung
meine zelle trug,
darauf habe ich geachtet,
kein zeichen
der verbundenheit:
kein bild des königs von glogmonien
bei der schweinejagt

lange habe ich den tag ersehnt
an dem ich diesen turm mit leichtem spott
in einen vierzeiler verbanne,
einen lächerlichen reim
für seinen namen finde
und ein ehrliches wort
des abschieds
dann fiel mir holger ein, der arme wurm,
der keineswegs schon immer eine waldfee war,
und ich war froh, dass ich nur seinen turm,
und nie sein krankenhaus von innen sah

Wenn du wissen willst, warum Holger, die Waldfee, einst ein Krankenhaus aus Uran sowie einen Elfenbeinturm baute und schwer dafür büßen musste, dann hab ich Dir hier mal was verlinkt:

https://siebenmeilenstiefel.antville.org/stories/348864/

Das alles heißt nun nicht, dass Wissenschaft nicht unglaublich wichtig für mein Leben war. Wer einmal ein dickes wissenschaftliches Buch geschrieben und es gehasst hat, ist danach für jede Zeile dankbar, die er oder sie einfach nur so subjektiv dahinschwafeln darf. Ich hab in der Wissenschaft vor allem die Mittagspausen geliebt, in denen ich mit den Kollegen einfach wild-assoziativ Hypothentürme bauen und wieder einreißen durfte. Da musste nix mit Literatur oder Daten belegt werden. Und es ging auch gar nicht um’s Recht- oder Unrechthaben, es ging einfach nur um die Fülle der Möglichkeiten. What, if…?! Die Galaxis hinter meinem Kaninchenstall, die ist ganz real! Und absolut existentiell wichtig! Für mich. Ganz ohne Logik, Literatur und Impact-Factor. Die Galaxis hinter dem Kaninchenstall hat mir schon einige Male den Arsch gerettet.

Es war einmal ein kleiner Mann,
Der hatte keine Zunge.
Schrieb ´ne Beschwerdemail an Gott
Schwupps! Fehlte ihm ´ne Lunge.

Er nuschelte so vor sich hin,
Kein Wunder, ohne Zunge,
Und schickte Gott `ne Virenmail
Ins Jenseits. Junge, Junge…

Der Schöpfer sah’s und war empört
Und strich ihm dann die Leber,
Ein Bein, ´ne Hand, den Po, ´nen Fuß
Sieht scheiße aus. Sagt jeder.

Im Himmel stürzt der Server ab,
Hier häufen sich die Krüppel,
Extremitäten sind gefragt
Und nirgends sieht man Nippel

EKW006 Irisches Tagebuch

„Es flog eine Krähe nach Dublin / Trank dort ein Paulaner im Czech-Inn / Aß Aas beim Chinesen / War lecker gewesen! / Und zog wieder los, in den Wahnsinn.“ Dieser Limerick ist so daneben, dass er es nicht in die Episode geschafft hat. Dafür diese hier:

Es fraß mal ein Schaf eine Eiche
Weil Gras ihm zum Dasein nicht reichte.
Der Stamm – alt und krumm –
Gab nach und fiel um
Das Schaf machte „Mäh!“ und erbleichte.

Liebe Kitty – diese Folge heißt „Irisches Tagebuch“ und alle meine Tagebuchwitze fangen mit „Liebe Kitty“ an. Solltest Du gerade völlig auf dem Schlauch stehen: Du hast absolut nix verpasst außer dumme, unemphatische Kackscheiße.

Hi, ich bin Matthias und bevor wir mit der üblichen von Reimen gespickten systematischen Abschweiferei beginnen, lass uns kurz über die Intromusik… Ja, Du kannst „Liebe Kitty“ auch einfach mal schnell googlen. Am besten nicht mit Google. Ich find DuckDuckGo ganz brauchbar und auch da steht in den ersten Treffern, dass der fünfte Tagebucheintrag der Anne Frank sowie auch alle folgenden Einträge mit „Liebe Kitty“ beginnen. Wir mussten dieses Buch damals im Deutschunterricht lesen und ich fand es recht nichtssagend, was einiges über das pubertäre, arrogante Arschloch names „ich“ aussagt, das ich damals war und manchmal immer noch bin und diese „Liebe Kitty“-Referenz stammt irgendwo aus dieser Zeit. So, das musste noch mal kurz klargestellt werden und keine Sorge, heute wird’s ansonsten brüllend komisch.

„Irische“ Tagebücher gibt natürlich schon, das in Deutschland wohl berühmteste stammt von Heinrich Böll und das hatte ich dabei, als ich mit der Familie nach Irland fuhr und mir abends spaßeshalber die Aufgabe stellte, ein immer wieder neues Irisches Bier, Ale, Cider, Hauptsache Alkohl, zu trinken und mir dabei einen Limerick auszudenken. Die Resultate sind natürlich dementsprechend bescheiden, aber bevor wir da jetzt etwas tiefer einsteigen, lass uns doch noch kurz über die Intromusik reden, also dieses Chinagebimmsel der letzten Folgen. Ich hab keine Ahnung von chinesischer Musik, nur jede Menge Vorurteile und die ironische Verwendung eines chinesischen Introjingles ist vor diesem Hintergrund ja eigentlich ziemlich kacke. Auch wenn ich von jeher eher zu Taiwan-Ultras gehöre, aber das ist ja – zumindest kulturgeschichtlich gesehen, schon das Gleiche. So, hab ich jetzt irgendein Fettnäpfchen ausgelassen? Gucken wir später, jetzt nochmal zur Intromusik. Die hab ich, das hast du ja gehört, ausgetauscht durch irgendwas selbst gezimmertes und zwar etwas, was ich eben mal kurz einschieben konnte, weil ich nämlich sowie so ein Klavier-Dingsi hier heben dem Schreibtisch zu stehen habe – hier ist der Beweis – und das ist sicherlich noch nicht der Weisheit letzter Schluss aber immerhin besser, als sich über die musikalische Leistung und Tradition eines Milliarden-Volkes lustig zu machen, ohne dass es dafür einem sinnvollen Grund gibt. (Also, sinnvolle Gründe gibt es bestimmt, aber nicht für mich, heute, daa muss ich vorher noch zwei, drei Wikipedia-Artikel lesen.). Äh… Limericks!

Ich war in Limerick, zumindest in der Grafschaft Limerick, und ich fands ganz okay-ish da, aber jetzt nix, zum dringend als erstes hinfahren, wenn du mal in Irland bist. Da gibt’s coolere Spots, beispielsweise: Den ganzen Rest von Irland. Oder, spezifischer: Dingle.

Am Lighthouse bei Dingle in Kerry
Schlürft Aine wie bekloppt Bloody Mary.
Sie hat in der Bucht
Grad den Tümmler besucht
Der ihr “Kackbratzen-Kuh!” hinterherschrie

Nein, natürlich kann der Tümmler in der Dingle-Bay keine deutschen Schimpfwörter, ich weiß nicht mal, ob er überhaupt noch lebt. Aber Dingle ist ganz schön, wie sowieso die gesamte Westküste Irlands. Und ganz speziell Dingle ist einfach ein cooler Name, um Limericks zu schreiben. Zum Beispiel den hier, da hab ich mich, gerade mal eine Woche in Irland, dazu verstiegen, so einen richtigen englischen Limerick rauszuhauen. Nun ja:

There was an old lady in Dingle
Who couldn‘t get used to be single.
So she married Pat
And when he was dead
She cooked him to stew. Sad, but simple.

Heinrich Böll ist übrigens häufig mit seiner Familie nach Achill Island gefahren, in den allerwestlichsten Westen von Irland, und da, Freunde der Sonne, ist es mal so richtig, richtig, schön. Wir ignoranten Idioten wussten das natürlich alles nicht, sind mehr oder wenig zufällig auf Achill gelandet und mehr oder weniger vollkommen planlos in dem Hotel geladet, dessen Besitzerfamilie Heinrich Böll immer sein kleines Häuschen ein paar Meter weiter vermietet hat. Jetzt träumen wir natürlich schon seit Jahren davon, irgendwie einmal durch Lottogewinn, Connections und Erbenmord irgendwann mal selbst das Bervie Guest Accommodation auf Achill zu kaufen, aber John und Elisabeth sehen noch ziemlich fit aus und vielleicht wird die Sache dann doch nix.

Der Supermac’s östlich von Clifden
Betört mit den köstlichsten Düften.
Wer Black Pudding, Twist,
Und den and’ren Mist frisst
Kriegt gratis noch Speck. Auf die Hüften.

Wer denkt, dass Burgerking oder McDonalds schäbbige Fetthöhlen sind, war noch nie in einem Supermacs. Das ist die größte Irische Fastfoodkette und alter Schwede, dagegen ist Meckes Gold, ganz ehrlich. Aber tatsächlich gibt’s da auch diesen ganzen irischen Fleischmist wie „Black Pudding“, also eine Art Blutwurst und das willst du zwar um nichts in der Welt essen, aber du willst unbedingt die Leute sehen, die sich das ernsthaft bestellen und idealerweise hast du sogar eine geeichte Personenwage dabei, um auch mehr oder weniger amtlich feststellen zu können, was das Zeug mit dem menschlichen Körper macht. Nur soviel: Es ist nicht alles schön in Irland! Das mag auch am sogenannten „Full Irish Breakfast liegen, bei dem es neben Blutpudding auch den ganzen anderen Scheiß gibt, der auf den Inseln als lecker gilt. Tatsächlich ist man nach einer solchen Mahlzeit aber so erschlagen, dass das auch direkt auf’s Sprachzentrum durchschlägt:

One fragt sich, wie Eggs and the Worst-chen
Den Cholesterinmirror bursten.
A Full Irish Frühstück
Is so gesund! Und zum Glück
Stillt ein Kilkenny den Thirst, then.

Wenn Du noch weiter nach Norden fährst, kommst Du, wer hätte das gedacht, nach Nordirland und da willst du besipielsweise hin, wenn du Riesenfan von Game of Thrones bist, denn viele Drehorte der Serie liegen in Nordirland. Kurz bevor du aber nach Nordirland kommst, wo alles auf einmal tatsächlich ziemlich britisch aussieht, komst du an der Küszte in Belmullet vorbei. Ich hab ehrlich gesasgt keinen Peil, obs da schön ist oder schäbbig. Ich hab nur einen Limerick gefunden, den ich dort geschrieben habe und dir natürlich nicht vorenthalten möchte:

Ein Hund stand am Strand von Belmullet
Und starrte gebannt auf das Bauchfett
Der Briten am Meer
Und er jaulte so sehr
Dass sein Bellen nur langsam verhallet

Das hier soll jetzt kein akustischer Reiseführer werden. Ein paar Stichworte wären noch „Skellig Michael“, „Cliffs of Moher“, „Giant’s Causeway“ „Titantic Museum in Belfast“ usw. usf. Aber eigentlich geht’s ja einfach nur darum, dass ich ein paar gammelige Limericks von früher zweitverwerten und dir mitteilen kann. Ehrlich gesagt würd’s mir schon reichen, wenn diese eine Botschaft hängen bleibt: Fahr nach Achill Island, aber kauf uns das Bervie nicht vor der Nase weg! Und, falls du literarisch interessiert sein solltest: Ja, man kann den Ulsysses von James Joyes mit auf die Reise nehmen, um das Buch endlich mal im Original zu lesen, aber das Tagebuch der Anne Frank ist trotzdem viel, viel besser. Und verständlicher.

Tschüß!

Bei Keel sind zwei prächtige Kübel
Voll Blumen recht irreversibel
Von Schafen gekaut
Und dann wiederverdaut
Worden. Paarhufer sind da penibel.

EKW005 home office

Manche Tage sind eben noch mal ungeiler als andere und da hilft auch die ganze Sonne nicht viel. Gereimt wird natürlich trotzdem und gelacht wird auch. Nur eben im Keller.

Folgentranskript:

Ich mag ja dieses „Draußen“ nicht. Dabei tät ich’s mögen wollen, ehrlich. Und als meine Eltern mir damals sagen: „Junge, geh doch mal raus“ da hab ich’s irgendwann sogar versucht. Wir haben draußen im Dschungel vor der Tür den Vietcong bekämpft. Mit Laserwasserpistolen und China-D-Böllern. Noch von Silvester aufbewahrt. War das denn jetzt besser? Ich seh auf jeden Fall Ansatzpunkte für Kritik. Doch da wir den Krieg gegen die Kommis damals eh verloren haben, frag ich mich, warum du da noch nachtreten willst. Der Punkt ist: Draußen ist alles schlechter! Manchmal kommt die Familie hier ins Arbeitszimmer und erzählt ein bisschen. Schule. Einkaufen. Lohnarbeit. Wir waren doch seit diesem SARS-CoV-2 auf einem vielversprechenden Weg. Aber „Homeoffice“ ist inzwischen wieder out. Sprachlich begrüße ich diese Entwicklung. „Home office“ ist im Englischen ein Büro zuhause, ein Arbeitszimmer, „Homeoffice machen“ nennt man „Working from home“. Period. Und klar können wir uns auch eigenen englisch klingende Wörter erfinden, da ist völlig in Ordnung, ich find Talkmaster und Oldtimer super, aber tu dabei doch nicht so fucking weltläufig! Du sitzt einfach an einem Computer zuhause in deiner Stinkebude und kriegst nix gebacken! Wie gesagt: Ich find’s gut. Ich steh dazu. Also eigentlich sitzt ich dazu. Aber ich hab dabei wenigstens einen anständigen Minderwertigkeitskomplex, weil ich nämlich nix gebacken kriege und sowas nenne ich „Anstand“!

Hallo, ich bin Matthias und mein erstes Reim-Dingsi heute heißt „Hauptbahnhof“. Den kenn ich noch von früher, als ich dachte, ich müsse wichtige Menschen mit Flexibilität und Langstreckenpendelei beeindrucken. Stellt sich heraus: Wichtige Menschen ticken eigentlich genauso wie ich selbst. Sie sind mit ihrem eigenen Scheiß – hallo Apple, hallo Mama! – sind also mit ihrem eigenen Scheiß völlig ausgelastet und können sich schlicht nicht für mich und meine Pendelei interessieren. Es ist sogar so: Meine Nachdenkerei darüber, was andere von mir denken, ist doch eigentlich purer Narzissmus. Die haben einfach anderes im Kopf. Am Hauptbahnhof Montag morgens um sieben kannst du das gut beobachten. Man muss sich den/die Montagspendler/in als unglückliche, arme Sau vorstellen, der/die vollständig mit dem eigenen Elend beschäftigt ist. . Und die paar, die du grinsen siehst, sind eigentlich die ärmsten Schweine, weil sie froh sind, von zuhause weg zu sein. Das ist eine Sicht der Dinge. Und zeugt vom Horizont einer AFD-Landtagabgeordneten. Eine andere Sicht ist die von Basti.

Hautpbahnhof

Die SC-Zwanzig-Zwanzig knarzt beamtisch
Sprechaufforderung sofort
Anwärter Bastian kniet vor Ort
Auf Renitenz und heult sehr dilettantisch

Die Tränen der Kassiererin sind trocken
Schon seit sieben langen Jahren
Die die Züge drüber fahren
Oben. Über frisch gewellte Locken

Ritter Bodo, Stückpreis Achtzehn Fünfzig
Die Palette schiebt aufs Band
Den Blick zu Boden, stinkt, die Nase rümpft sich

Endlich kommt Verstärkung angerannt
Zehn Kerle. Renitenz wird winzig
„Basti, Mann! Schlag zu. Der ist bekannt…“

Das, meine lieben 1,5-fache-Geschwindigkeitshöre_innen, war ein Sonett. Es lebt von seiner formalen Klarheit und der sich daraus ergebenden besonderen Sprachmelodie und die ist mit Bindge-Höring ebenso schwer zu erkennen wie du ein Stück Schokolade aus einem Teller Kartoffelgratin herausschmeckst, wenn du vorher alles zusammen in den Hochgeschwindigkeitsmixer haust! Nun gut. Du kannst das gerade nicht hören, aber da draußen plärrt ein Bussard durch die Gegend. Ist bestimmt eins der Bälger von diesem Sommer. Schreit nach Mami und Papi und findet’s ungeil, selbst Futter suchen zu müssen. Also im Klartext: Töten zu müssen. Denn hier in der Gegend sind totgefahrene Katzen, die man bequem vom Straßenrand ablecken kann, eher selten. Der kann nicht einfach Homeoffice machen. Aber, kleiner Tipp, Bertram: Die Schreierei hilft auch nicht. Du musst ja jetzt raus, Existenzen vernichten. Es gibt bestimmt auch ein, zwei kritische Stimmen in der Bussardwelt, die das alles in Frage stellen und Streitschriften zu dem Thema veröffentlichen, aber einfach nur dasitzen und rumkrähen bringt nix. Ich seh ihn übrigens. Sitzt oben auf dem Kastanienbaum. Überlegt vielleicht gerade, ne Emo-Punkband zu gründen. Ich würd‘ mir das anhören, aber das Risiko, dass du dir demnächst irgendwannne Schfrotflinte an den Schnabel setzt, ist relativ groß.

Die Kastanien nerven übrigens auch. Eigentlich sind Kastanien ja cool. Aber seit wir dem Nachbarn seinen alten nicht genehmigten Bootsunterstand beim Bauamt angezeigt haben, hat der Arsch einen neuen Wellblechverschlag da hingebaut und Kastanien, Herbst, Wind und Wellblech sind eine ganz dumme Kombination. Ich müsste vielleicht doch mehr raus. Sonst wird aus dem schimpfenden Zausel im Homeoffice noch ein unsympathischer schimpfender Zausel und das täte diesem Podcast wohl nicht gut. Vielleicht bestell ich heute mal nix bei REWE online, sondern gehe so richtig einkaufen. So wie Werner, von dem der nächste Text handelt:

Werner

Die Szene spielt im Supermarkt
Grad neben Sahne, Milch und Quark.
Der Typ, um den es geht, hockt still
Vorm Kühlregal und schluchzt sehr viel.

Vor ihm steht die Kassiererin.
Sie schämt sich fremd, sie schaut kaum hin.
Zu Unrecht, klar, damit Ihr’s wisst!
Weil der da sitzt das Opfer ist.

Was ist passiert? Ihr ahnt es schon,
Es geht um Masken, Pflicht und Fron.
Die Kumpels nennen ihn den „King“
Er macht nicht mit! Er fläzt sich hin.

Jetzt hat er schon seit 9 Uhr früh
Nix mehr gegessen. Ohne Müh!
Doch er baut ab, das kann man sehn,
Kein Wunder, ist gleich schon halb zehn.

Der King bleibt hart, hat, statt zu spuren,
Sich gesetzt, mit Magenknurren,
Vor der keifenden Walküre
Scheint er keine Angst zu spüren.

„Masken müssen alle Kunden“,
Sagt sie nochmals unumwunden
„Tragen, wenn sie diesen Laden
Letztlich zu betreten wagen!“

„Niemals nie!“ Der King heult auf
„Ich habe ein Attest!!“ Worauf
Der tapfere Geselle schnell
Zur Tasche greift, die sich im Fell

Des Mantels, den er trägt, versteckt.
Der Zettel, den er, leicht verdreckt,
Herauszieht, wirkt sehr offiziell,
Kein Wunder, wurd‘ er doch speziell

Im Copyshop für ihn kopiert,
Vom Inhaber höchstselbst signiert,
Und darauf steht: „Ich, Werner König,
Finde Masken doof. So. Nämlich!“

Stempel drauf und laminiert
Wirkt das Papier hübsch ausstaffiert
Mit Würde, Siegel und Courage…
Doch hilft‘s nix! Werner ist ein Arsch.

Und ignorant. Selbstmitleid spritzt,
Wenn er da auf dem Boden sitzt,
So maskenlos und voller Qual,
Nach rechts und links und überall.

„Artikel Eins!“ krakelt er laut
Bevor er merklich Schneid abbaut.
Zu wenig Zucker, das rafft ihn,
Den Widerständler, schnell dahin.

„Artikel 1 is‘ da nicht drin“,
Die Frau zeigt zu der Kasse hin,
„Bei uns hab‘n alle Waren vier
Oder auch fünf Stell‘n, sag ich dir.

Das liegt an unserem Kassen-dings
Damit‘s auch stimmt am Ende. Stimmt’s?“
Doch Werner schweigt und heult jetzt still,
Soll sie doch quatschen, wie sie will.

Er hält das hier noch lange aus
Bis zehn bestimmt. Und der Applaus
Der Massen wird ihm sicher sein.
Dem König. King! Dem armen Schwein.

Geht irgendwie viel um’s Einkaufen heute. Ich frag mich nur gerade, woher die Verknüpfung von Einkaufen und Rausgehen kommt…? Eigentlich kauf ich viel lieber online ein. Der DHL-Mensch und ich, wir sind echt dicke Buddies, wir schenken uns sogar was zu Weihnachten. Leider sehen wir uns in letzter Zeit nicht mehr so oft, weil Amazon inzwischen häufig seine eigenen Leute losschickt, die für 50 Cent weniger den gleichen Job machen. Die sind auch nett. Nur immer so gehetzt. Seit SARS-Cov2 gibt’s in den Amazon-Versandbestätigungsmails ja diesen neuen Textbaustein: Um die Sicherheit unserer Kunden und Zustellpartner zu gewährleisten, stellen wir jetzt Pakete vor Ihrer Haustür ab und nehmen einen sicheren Abstand ein, bevor Sie die Sendung entgegennehmen. Im Klartext: Wir benötigen pro Lieferung 30 Sekunden weniger und können bei gleichem Lohn mehr Pakete pro Zusteller_in ausliefern. Geil. Hätte ich keine Aktie von denen (Singular, richtig, guck mal, was die Dinge kosten!), also hätte ich keine Aktie von denen, ich fänd’s ja fast ein bisschen zynisch. Zynisch ist ein gutes Stichwort: Ich bin nicht zynisch. Mich kotzt nur vieles so stark an, dass ich lieber zuhause bleibe, um das Ausmaß der Schweinerei nicht auch noch draußen besichtigen zu müssen. Vielleicht frag ich den Bussard doch noch, ob er mich in seine Band aufnimmt. Ich hätt so gar einen Textvorschlag für einen Song. Und damit „Tschüss!“ und bis die Tage.

Marjorie

Ich wusste schon als kleines Kind
Dass Abfall spricht, dass Müllkippen voll Weisheit sind

Das hat der Fernseher mir erzählt
Im Flimmerlicht der bunten Kinderstundenwelt

Und gestern vor dem Supermarkt
Da sah ich Dich, Du warst sehr still und rochst sehr stark

Du wolltest Geld stand auf dem Schild
Im Dämmerlicht neben dem Wurstreklamebild

Oh Majorie
Oh Majorie
Du stilles dummes Ding
Ich hätte Dich gemocht
Dich finanziert, ja wenn du doch
Mit mir gesprochen
Hättest
Und nicht so gerochen

Ich hab dann lieber Wurst gekauft
Mit Lachgesicht, da stehen meine Kinder drauf

Und aus dem Angebotsregal,
Du glaubst es nicht, ’nen quittengelben Fraggles-Schal

Als ich dann rauskomm’: Gleiches Bild
Ich sehe Dich auf dem Asphalt mit Deinem Schild

Ich hätt’ dir fast den Schal geschenkt
Doch dein Gesicht war tot, das hat mich abgelenkt.

Oh Majorie
Oh Majorie
Du stilles dummes Ding
Ich hab Dich fast gemocht
Mit dir parliert, wenn du doch ooch
Mit mir gesprochen
Hättest
Und nicht so gerochen

Oh Majorie
Oh Majorie
Du totes, stummes Ding
Sie hab’n dich weggebracht
Sowas passiert, wer hätt’s gedacht
Hätt’st du gesprochen
Hätt’ ich
Später nicht gebrochen

EKW004 Ein Häufchen Stuhl

Es gibt so viele Baustellen: Ein Impressum muss geschrieben, eine Intromusik ersetzt und ein neues Mikrofon ausprobiert werden. Findest Du langweilig? Super. Nichts davon wird in dieser Episode passieren!

Folgentranskript:

Hast Du’s auch grad gehört? Ja, oder? Mir ging‘s gestern Abend so. Zum ersten Mal seit Beginn dieses Projekts. Die Intromusik, ne, die Intromusik in diesem Podcast ist SCHEISSE. Hat die Liebste ja gleich gesagt, vielleicht erinnerst Du Dich, das war in Folge…, was weiß ich. Früh jedenfalls. Ziemlich früh. Ich muss das erst mal verdauen. In der Zwischenzeit gibt’s ein Katzengedicht, ein existentialistisches Katzengedicht allerdings, ein Katzengedicht zum Finger-ans-Kinn-legen, ein Den-Kopf-langsam-hin-und-her-wiegen-und -dabei-gleichzeitig-streng-und-entspannt-gucken-Katzengedicht. Ich versuche gerade, noch eine bessere Umschreibung zu finden, denn das Gedicht ist nicht sehr lang und Du erwartest ja bestimmt einen Podcast von minimal 5 Minuten Länge, also… Ich hab’s: Ein Zeit-Leser_innen-Katzengedicht! Das trifft es ganz gut und bevor ich das jetzt vorlese noch ein Versprechen: Niemals! Nie! Beim Leben des Propheten werde ich ein Zeit-Abo abschließen. Über Zeit Online KÖNNTEN wir reden, ja. Und die Podcasts sind ja TEILWEISE, „Zeit Verbrechen“ mal ganz explizit und für immer aus dem folgenden Lob ausgeschlossen, also die Zeit-Podcasts sind ja teilweise ganz gut. Aber dauernd diesen prätentiösen Altpapierhaufen vor der Wohnungstür zu liegen haben: Nein! Jetzt aber erst mal das Zeitleser-aber-Zeit-Verbrechen-Hasser_innen-Katzengedicht:

Taubeneier

Es lagen auf ’nem Baum in Speyer
Taubeneier
Wo die Mutter, wo der Vater
Ist, ist unklar. So ein Mist.
Es klettert bald ein kecker Kater
Auf den Baum. Wo er dann sitzt
Und sinnt. Und lang verharrt er.
Starrt auf Eier-Waisen, ritzt
Die Schale. Die er wohl verspeisen
Will. Muss? Soll? Gedanken
Kreisen. Um die Lebensweise
Der er dies Malheur zu danken
Hat. Uralte Dogmen wanken
Scheiße, ey, wie mutterlos
Die Eier sind. Der große Kloß
In seinem Hals legt los:
„Du Mörder mutterloser Brut!
Find’st du das gut?!“
Nee. Aber lecker. Denkt der kecke
Kater, während er herunterklettert.
Und der Dotter tropft
Von seinem Kopf
Ins welke Gras
In dem voll Hass
Ein Täubchen mit gebroch’nem Flügel saß.

Den Gong, den mag ich übrigens. Ist einfach ein guter Trenner. Gerade wenn ich auch mal ernste Gedichte vorlesen täte, aber vor- oder nacher dne Schrott erzähle, den ich halt erzähle, dann ist so ein Gong perfekt. In den Radionachrichten sagen sie dann inzwischen oft „Jetzt ein krasser Themensprung“. Als wenn ich als Hörer das nicht selbst merken würde, dass die emotionale Fallhöhe zwischen einem neuen Elefantenscheißebeseitigungsverfahren in Hagenbecks Tierpark und Andi Scheuer ziemlich heftig ist. Aber darum geht’s ja wohl auch nicht. Eher um dieses zwinkerzwinker ich-habs’auch-grad-gemerkt. Apropos Elefantenscheiße. Apple. Apple Podcasts hat mir die Scheiße, genauer gesagt, das Scheißen aus der letzten Episodenbeschreibung „herausgesternt“. Ja wirklich. Nicht sehr konsequent, in der nächsten Zeile haben sie es stehen lassen, aber trotzdem krass irgendwie, oder? Das ist natürlich trotzdem keine Zensur, ihr Lieben, Zensur ist, wenn Frau Merkel bei Apple anruft und sagt, dass Apple die Scheiße aus meiner Episodenbeschreibung heraussternen soll, weil sonst, also, sonst passiert aber was! Und außerdem weiß ja auch jede/r sofort, was gemeint ist, wenn bei „Auf den Sommer s * * * * * * n“ diese Sterne stehen und die erste Zeile lautet dann „Ich scheiße auf den Sommer“. Das ist dann allerhöchstens sie schlechteste Zensur der Welt. So wie ein Youtube-Jüngelchen letztens unter ein Mr-Wissen-2Go-Video, in dem es darum ging, warum Deutschland keine Diktatur ist, also ein Youtube-Userlein jedenfalls kommentierte: „Oder, Deutschland ist halt die schlechteste Diktatur der ganzen Welt.“ Ja okay. Find ich einen guten Kompromiss. Apple hat mir jedenfalls das „Scheißen“ herausgesternt, was aber andererseits bedeutet, dass dieser Podcast inzwischen bei Apple gelistet ist und du ihm Sterne geben kannst. Mach das doch einfach mal bitte, ja? Und am besten noch eine richtig nette Bewertung reinschreiben. Und hier ist der Deal: Wenn Du in dieser Bewertung irgendwie das Wort „Dottersack“ unterbringst, dann wirst Du aber sowas von lobend erwähnt hier in diesem Podcast und vleiiecht schreib ich sogar eine Ode oder mindestens ein Sonett zu Deinen Ehren und dafür kann man doch mal „Dottersack“ in eine Podcastbewertung reinschreiben, oder? Die Gedichte in der heutige Episode haben aus Anlass des, ich nenn ihn mal „Apple-Incidents“ übrigens eins gemeinsam: Sie enthalten alle in irgendeiner Form das Wort „Scheiße“ oder „scheißen“, was gar nicht so schwer ist. Ich hab mal meinen Gedichte-Fundus via Volltext-Suche gescannt und die Liste ist gar nicht mal sooo kurz. Und dabei iat mir, und dann komme ich auch wirklich zum nächsten Gedicht, und dabei ist mir wieder mal aufgefallen, dass die Apple-Rechtschreibkorrektur das Wort Scheiße zwar kennt. Aber die Autovervollständigung und diese Swipe-Funktion auf dem iPhone kennen es nicht. Obwohl’s im Duden steht. Da kommt dann immer nur „Schweißer“ oder „Schreist“ und das ist einfach nur arm. Und arm ist irgendwie auch das Stichwort und ich bin wirklich heilfroh, dass es diesen Gong gibt, weil: Krasser Themenwechsel.

S41

Der Junge in der S-Bahn starrt
Das Mädchen an, das still verharrt.
Es krallt sich an den Kinderwagen.
Frühgebährend, wie sie sagen,
Dort im Amt in Moabit,
Wo es den guten Kaffe gibt,
Links, an der Tanke Putlitzbrücke
Agib, scheißegal, sie rücken
Stets zusammen, wenn sie kommt.
Die Kleine plärrt nur selten und
Kriegt häufig noch an Ort und Stelle
Gläßchen aus der Mikrowelle.
Denn im Amt wird‘s dauern. Immer.
Wann? Warum? Kein‘ blassen Schimmer.
Und der Junge starrt ihr nach
Die Westhafener Bahnsteig-Brach
Entlang. Die Ringbahn fährt , er schlägt
Das Heft auf. Holden Caulfield trägt
Die ganze Last von 16 Jahren
Durch Manhattan. Alter. Waren
Das noch Zeiten. Und Probleme.
Heut‘ gibts Ritalin-Ödeme
Und dies Mädchen mit dem Kind.
Fuck. Und doch: Wahrscheinlich sind
Sie alle ziemlich gleich gefickt
Vom Leben in die Bahn geschickt
Den Ring, S41, wo
Ein Hämatom am Arsch (und so)
Kaum stört, weil‘s keinen interessiert.
Man starrt und liest und hat‘s kapiert.

Ich muss, bevor die Folge vorbei ist, noch einen Gruß loswerden, an meine Mudda. Die sagte mir letztens mit Bezug auf ein anderes, leicht erfolgreicheres Podcast-Projekt von mir, ich würde zu viel das Wort „Scheiße“ verwenden. Ja dann geh doch zu Apple! Mama! Ihr liegt da ja ganz offensichtlich auf einer Welle. Apple und Du! Meine Mudda hat mir auch die Verwendung des generischen „Se-s“ beigebracht. Wie in „Hamm se gesacht.“ „Nimm einen Schirm mit, Junge. Es soll regnen heute, hamm se gesacht!“ Oder „Ach die Antwort kenn ich. Hatten’se gestern erst beim Jauch.“ Oder bei Klein-Gegen-Groß. Ich hab keine Ahnung, wie diese ganzen Fernsehsendungen heute heißen, doch ich schnappe bei Elternbesuchen einiges auf. „Den Autor hatten’Se letztens erst bei Böttinger!“ Böttinger, das hab ich inzwischen verstanden, ist nicht der Name des Schlachters. Der heißt „Metzger mit dem Zopf“ und macht eigentlich nur noch so Party-Catering. Machte. Corona halt. Weißt du, wer noch schlimmer ist als „se“-Sager? Sesselpuper, die sich über Se-Sager lustig machen, vor allem wenn’s die eigenen Eltern sind. Ja stimmt. Tschuldigung Mama. Hab Dich lieb. Tschüß.

Die Scheiße mit der Scheiße

Was ist das eigentlich für ein Leben,
Das sie uns zum Leben geben?
„Sie“ – Und das ist interessant –
Sind dabei Phänomen von Stand
Und Status. Bist du wohlbestellt
Mit Bildung, Freundschaft oder Geld
Bist Du dabei. Bist Du das „Sie“,
Das uns bestimmt. Dann hast Du nie
Gedacht, dass irgendwelche Mächte
Alles regeln. Gute, schlechte,
Miese Zeiten dir bereiten
Und doch alle Schuld bestreiten.
Bist Du aber nicht dabei,
Kraft Chromosomen, Geld und schrei-
end großem Unrecht, hast du Pech.
Dann war Gott wohl ein Arschloch, nech?
Dann musst du mit dem Scheißgefühl,
Dass SIE Dich ficken, ins Gewühl
Des Lebens stürzen
Und – guess what –
Natürlich gibt es keinen Gott.
Kein „Sie“ und auch kein Scheißsystem
Ich weiß es, denn ich hab‘s geseh‘n.
Es gibt nur Dich und uns hier oben.
Alles and‘re ist gelogen.

EKW003 Schäbbig und Schuld

Was ist das Gegenteil von schön? Falsch. Die richtige Antwort lautet natürlich: alt. Weil alte Menschen früher sterben, das kannst Du überall nachlesen. Und weil sie natürlich schuld sind. An allem. Steht in jedem Physiklehrbuch. Nennt sich Kausalität.

Auf den Sommer scheißen

Ich scheiße auf den Sommer
Denn im Juli ist Tante Lisa gestorben
Und im Juni davor unsern Omma

Ich scheiße auf Draußen und Sonne
Im August ist das Meerschwein im Käfig vertrocknet
Und kam in die Biomülltonne

Ich scheiße auf endlose Strände
Hab auf Ibiza mal unsern Vatter gesehn
Mit `ner andern am Zwitschern. Bäh!
Ende.

Wie komm ich aus der Nummer wieder raus? Mein Name ist Matthias, ich müsste dringend mal ein Impressum für meine Podcast-Website schreiben und ich möchte heute über Senioren reden. Vulgo: Die Alten. Ich selbst bin auch schon ziemlich angestaubt, was du unter anderem daran erkennen kannst, dass ich den Reiz von TikTok genauso schnell kapiert habe, wie die Sache mit Insta, Insta jetzt, nech?: Nämlich gar nicht. Aber ich wollte ja über die anderen reden, die noch viel Angestaubteren. Die sich quasi jeden Morgen neu überlegen müssen, ob es sich überhaupt noch lohnt, den Staub vom Gesicht zu wischen und einen Tag zu beginnen, der mit Ende dieser Überlegung eigentlich schon wieder nervig anstrengend geworden ist. Man könnte den Staub ja auch liegen lassen und vielleicht würde man nach zwei Jahren oder so ja einen Rabatt für die Beerdigung aushandeln können. DIY-Funeral. Weißt du, warum das eine vollkommen quatschige Überlegung ist? Ja, okay, da gäbe es ca. 1000 valide Ansatzpunkte… Aber weißt Du, woran Du gerade nicht gedacht hast? An Sterbeversicherungen. Ja, die gibt’s ganz in echt und warum soll man bei Dingen Rabatt rausschlagen, wenn’s eh schon bezahl ist? Ist doch genau das Gleiche wie mit Unfallschäden bei Vollkaskoversicherungen. Natürlich weißt du im Grunde, was Sterbeversicherungen sind, weil das Thema irgendwann mal aufkam, als du Opi, Omi oder anderes Grauvolk besucht hast. Man bezahlt quasi Geld dafür, dass die Nachkommen auf Ommas Beerdigungskosten nicht hängenbleiben und darüber Witze zu machen ist ziemlich unterste Schublade. Denn natürlich sind die Alten nicht zu blöd, um ein Sparkonto zu eröffnen, nicht zu blöd, um ganz ohne Versicherungsgebühren jeden Monat ein paar Euro für genau diesen Fall zur Seite zu legen. Im Gegenteil. Die Alten haben die Sparkontos, seinerzeit noch Sparbuch genannt und durch ein echtes rotes Büchlein repräsentiert, geradezu erfunden. Nein, natürlich können sie sparen. Wie die Weltmeister sogar. Nur waren sie halt nicht sicher, ob sie vor Erreichen des notwendigen Sparziels auch noch lebendig genug sind und haben deshalb diese Versicherung abgeschlossen, damit die Nachkommen nicht doch noch auf irgendwelchen Kosten hängenbleiben. Die Versicherungen machen also Geld mit der Angst armer Menschen vor zu heftigen finanziellen Belastungen. Boah! Das ist ja mal… also…krass, ich weiß gar nicht, ob das schon mal jemandem aufgefallen ist. Auf der anderen Seite: Kudos an die Ommas und Oppas landesweit, die diese Industrie finanzieren und da sieht man dann doch so Sachen wie 2. Weltkrieg, Holocaust, Klimakatastrophe in einem viel milderen Licht, oder? Oder? Wie, nein?!

Abgangszeugnis

Sieh, wie die Senioren schwitzen
In den schweren Ledersitzen
Sind sie glücklich? Eher nein!
Wie auch soll’n sie glücklich sein?
Zweimal Weltkrieg! Und dazu
Beide krass verloren. Buh!
Erste Republik verkackt
Zweite im Konsum versackt
Atmosphäre vollgeblasen
Tonnenschwer mit Treibhausgasen
Jetzt ist ihnen mächtig heiß
Guess what, guys, IHR habt den Scheiß
Voll versaut. Jetzt bleibt bloß sitzen
In der selbst gebrauten Hitze

Es war ja nicht alles schlecht. Und die Oppas von heute, das sind ja quasi, also das bin ja quasi… Also, bin ich das nicht irgendwie selbst? Ja, nee, rein faktisch bin ich’s wohl nicht, ich hab gerade dem Erstgeborenen noch einmal tief in die Augen geschaut und er schaute mit dem unserer Familie so eigenen festen Blick zurück und sagte… Und sagte Dinge. Dinge die von einer profunden Kenntnis zeitgenössischer Deutsch-Rap-Musik zeugen und die ich für das beste Verhütungsmittel seit dem Produktionsstart von Detmolder Landbier halte. Jedenfalls: Nein. Kein Oppa. Ey, Alter, i’schwör. Und stimmt ja. Ein Alter bin ich ja. Aus der Perspektive gewisser Absprengsel meiner DNA sogar ziemlich heftig und ja: Das ist kacke, wenn man nicht mehr selbst die Generation mit dem Himmelhochjauchzendzutodebetrübtgesicht sein darf, weil sich dann alle und wahrscheinlich auch zurecht über den Typen mit dem Longboard lustig machen, das er sich vor sieben Jahren zum Geburtstag gewünscht hat wegen Abschiedsschmerz von der Jugend und von dem er seitdem so häufig heruntergeflogen ist, dass es jetzt als Ich-Könnte-Ja-Menetekel neben dem BMX-Rad im Keller schimmelt. Ja, so richtig lange is‘ nicht mehr und das Longboard wird mit seinen ABEC-5000-Kugellagern wahrscheinlich noch lange alternde Retro-Nazis abwerfen, wenn ich schon längst als Schaumstoffpolster einer Tesla-Braut den Rücken stärke. In diesem Sinn. Tschüß! mit einem allerletzten Versuch, das Thema irgendwie würdig zum Ende zu bringen.

Warum denn ausgerechnet ein Kirschbaum?

In einem Kirschbaum, mitten in der Stadt
Sitzt Annmarie, die keine Eltern hat.
Das ist okay, sie – Annmarie – ist alt
Und wenn man alt ist, sind die Eltern kalt.

Sprich: Lange mausetot. Und leicht verwest,
Auch schwer mitunter. Siehst ja, wenn du stehst
Am Grab die einsunk’nen Stellen rund-
herum. Das machen Zeit und Würmer und
Natürlich Feuchtigkeit und viele Pilze.
Nur die Knochen sind noch da. Wer will’se
Denn auch fressen. Da kommt Weinen von,
Das kennt man schon vom Hühnerbeineessen…

Also: Annmarie. Sie lacht stattdessen
Über einen Mann am Fuß des Baums,
Der fleht und flucht, doch hört sie’s oben kaum.
Ist hoch geklettert, sieht nur seinen Mund
Wie er sich öffnet, schließt. Mal Strich, mal rund
Und denkt sich: Matschepampe. Sind die Eltern
Matschepampe, die in Holzbehältern
Wohl behütet in das Jenseits schwappt?
Wo sich ein Höllenhund die Knochen schnappt
Und all der Glibbersiff in Charons Schiff
Auf frisch geschrubbte Eichenplanken trifft?

Was, wenn man einfach hier im Baum
Verreckt? Das tropft doch kaum
Bis auf die Erde
Blätter werden
Leichensaft kanalisieren
Käfer werden hochmarschieren
Und die Pilze und die Würmer
Werden ihren Leichnam stürmen
Ganz egal ob unten oder oben
Ob im Himmel oder in der Hölle
Schnell geht anders. Aber: Grüne Welle.

Niemals wieder runter aus der Höhe
Nein. Sie bleibt.
Bis eine Tages eine Böe
Ihren letzten Knochen in die Gosse treibt.

EKW002 High Noon

Hight Noon: Stimmt schon, ziemlich geiler Folgentitel. Ist aber eigentlich so wie letztes Mal: Typ, der alleine und ein bisschen zu schnell spricht und zwischendrin was Gereimtes vorliest. Was ja besser ist als, sagen wir, Kohlrouladen. Oder so.

Folgentranskript:

Abzählreim

Ene, Mene, Katzenpisse
Im Kontinuum gibt’s Risse
Eben war noch Kambrium
Schwups, bringt sich’n Mammut um
Hat mit seinem Rüsselknochen
Das Anthropozän gerochen
Rüsselknochen gibt es nicht?
Mammut, jetzt versteh ich dich!

Sagte ich 12? Ich sagte 12, oder? Ich hab mir die Einstiegsfolge nicht noch einmal angehört, aber ich bin mir relativ sicher, dass eine 12 im Spiel war. Ich verliere Dich gerade, oder? Okay. Ich komm noch mal rein.

Hallo, mein Name ist Matthias, das hier ist „Ein Koffer Wörter“ und ich glaube, dieser Podcast wäre deutlich angenehmer zu hören, würde ich mich mit einer stimmlich wohl kontrastierten Gesprächspartnerin über, sag wir, Dinge unterhalten. Das hat sich das Mammut aus dem Einstiegsreim vielleicht auch gedacht. Denn deutlich wahrscheinlicher als die dort geäußerte Hypothese, es sei im Vorgriff auf das Menschenzeitalter freiwillig einfach selbst ausgestorben ist ja die These, dass die Mammut aus Mangel an Verfügbarkeit geeigneter Fortpflanzungspartner- Gendersternchen -Innen von der Erdoberfläche verschwunden sind. Was wiederum rein semantisch gesehen recht unglücklich formuliert ist, schließlich lagen noch jahrtausendelang überall die Knochen dieser Biester herum beziehungsweise ganze Mammuts mit Haut und Haar und Schinken und Filetsteak, weil sie nämlich tiefgefroren im Eis vergeblich auf die Abholung durch den sibirischen Bo-Frost-Mann gewartet haben. Aber wie komme ich jetzt auf’s Essen? Richtig: 12 Uhr mittags. Um dieser Zeit wird ja täglich eine neue Episode dieses Podcasts hier veröffentlich und ich schwöre bei allem, was mir hoch und heilig ist, dass das auf ewig so bleiben wird. Und weil es zur Mittagszeit so gut passt, habe ich als nächstes einen Reim ausgewählt, in dem es ums Kochen geht und über dessen Titel ich nächtelang nachgedacht habe. Mindestens.

Der Topf

Auf des Herdes hoher Roste
Stand ein Topf, der blubbernd toste.
Hitze kam von unten her,
Was nicht überraschend wär,
Wäre da nicht ein Detail, das
Nicht so recht zum vord’ren Teil passt.
Dieser Topf, von dem die Rede
War, war wahrlich eher blöde.
Nicht, dass man von einem Topfe
Viel erwartet, doch im Kopfe
Sitzt die eine oder ande’re
Hypothese beieinander.
Töpfe, denkt man, können nicht
Wirklich viel. Sie sind meist dicht
(Außer sie sind einfach Eimer.
Und der Eigentümer – einer
Namens Heinrich – hat ne Liese,
Die den Kerl auf dieses stieße.)
Jedenfalls, ein Topf, der dicht ist,
Kocht halt, was grad so Gericht ist,
Ohne dies zu kommentieren,
Denn als Topf hat man Manieren!
Also siedete das Wasser
Ungestört, doch es wurd‘ krasser…
Schon ein Blick unter den Boden
Hätt‘ dem Topf das Lid gehoben,
Was bei Topfes-Mimik-Deutern
Wohl als Zeichen leichten Meuterns
Gegen klare Fakten gälte.
Topfvokabular für: Schelte.
Denn da unten war kein Feuer,
Keine Platte im Gemäuer
Eingefasst, mit Hitzespulen,
Wo sich Induktionsstrom suhlen
Kann, bis oben etwas köchelt,
Und vor Hitze hechelnd röchelt.
Woher also kam die Flamme,
Der des Topfes Glut entstammen
Konnte, und dank der das Gut
Seines Inn’ren kochen tut,
So, dass Eiweißmolekülen
Bald im Schweiß die Hüllen fielen?
Stand der Herd auf einer Spalte?
Worin Magma offen walten
Konnte, bis zur Topfestäuschung?
Könnte sein. Denn das Geräusch und
Der Gestank von unten her
Stützt die These eher sehr!
Trotzdem falsch. Es war ein Drache,
Der in einer großen Lache
Blut gerutscht bis in die Küche
War, und nun dank der Gerüche
Hungrig nach dem Essen schrie,
Während er sein Feuer spie.
Ob der Drache bald sein Essen
Kriegte, bleibt wohl im Ermessen
Eines Lesers dieser Zeilen.
Denn der Dichter mag nicht weilen,
Wo die Drachenherrschaft dämmert!
Bin ja schließlich nicht behämmert.

Fünf Minuten lange Podcasts sind übrigens, das zeigen alle Markforschungsresultate zu dieser Frage, tödlich viel zu kurz. Der/die Durchschnittspodcastzuhörer/in wünscht sich die lange und erschöpfende Behandlung eines Themas, so dass man nebenbei ohne umzuschalten oder neu auszuwählen Pendeln, Einschlafen oder Famiienfeiern überstehen kann. Ich persönlich mag kurze Podcasts sehr. Weil sie in der Produktion nämlich deutlich weniger Arbeit machen und das finde ich ein relativ wichtiges Argument. Man hat ja schließlich auch ein Leben neben diesem Podcast, in dem man beispielsweise andere Podcasts hört und produziert und seiner Familie darüber hinaus den aufmerksamen Ehemann und Vater vorgaukelt. Es hat, wie so häufig im Leben, alles immer mindestens zwei Seiten und das ist eine derart dämliche Plattitüde, dass ich Dich für heute mit einem allerletzten Gedichtdings in die echte Welt entlassen möchte. Es trägt den viel versprechenden Titel „Fremder Typ. Süßigkeiten. Ihr kennt das Spiel.“ Und während Du Dir noch einen Perversling mit schwarzem Pollkragenpulli, Peitsche und Milka-Schokohasen vorstellst, sage ich schon einmal: Tschüß!

Fremder Typ. Süßigkeiten. Ihr kennt das Spiel

„Wunder!“! rief der Typ von Beteigeuze,
Als er eines nachts die Erdbahn kreuzte
Und auf einem Feld in Iowa
Ein Einhorn sah.
Und als das Einhorn schließlich spät
Zuhaus, gefragt, ob’s Hunger hätt’
Die Snackmaschine zeigt,
Die’s jetzt am Euter trägt,
Da fragt die Mutter: „Welches Euter?
Und wos sag I jetzt die Leite?“
Zückt das Einhorn flugs ein „Schleck“
(Ein Beteigeuze-Mode-Snack)
Was keiner nie bereute
(Werbeslogan auf dem Beutel).
Schwups. War Muttern weg.