EKW094 Wie sie

TL;DR Und wer mitreißt, so wie sie, verströmt, statt tausend Tränen, tausend helle Töne.

Hi, Matthias hier, Euer werktäglicher Blödelbarde von der Reimdingsifront. Und wie das eben so ist an dieser Front, da gibts manchmal blitzartige Landgewinne und manchmal Stellungskrieg und weil ich Kriegsmetaphern sehr, sehr, sehr dämlich finde, sag ich einfach wie es ist:

Heute red ich keinen Scheiß,
Weil ich kein‘ Scheiß zu reimen weiß
Dafür hab ich was ganz Kleines
Und, guess what, ich glaub, ich mein es
Sogar ernst, so ernst ich kann,
Schaun wa mal, ob’s klappt. Bis dann!

Wie sie

Wie sie in ausgesuchter Zeit
In hemmungsloser Redlichkeit
Die Nächte überwindet
Und am Tag
An dem sie lebt, nicht Stunden schindet
Selbst den Morgen mag
Mit seinen Bitterstoffen
Denen sie ein Nippen gönnt
Nicht mehr…
Statt dass sie frustbesoffen
Hin und her
Durch Stunden rennt
Und, statt zu spalten, stets verbindet

Wie sie mit wohlgesetzten Schritten
Grenzen überschreitet
Lachend Möglichkeit verbreitet
Wo die Anderen nur stritten
Und inmitten von Erstarrung
Chaos stiftet
Und Verwirrung mit „Das ist gewollt!“ beschriftet
Überall, mit bunten Stiften

Wie sie statt Zielen tausend neue Listen hat
Die wie Gedichte klingen
Weil sie, bis zu einem Grad
Wo kleinkarierte Könige regier’n,
Auch stimmen
Und das Schulterzucken zur Vollendung bringt
Wenn denn am Ende nur der Ausgang stimmt
Und dabei gerne alles neu entworfen sieht
Solang es nur genau, wie sie es meint, geschieht

Wie sie mit zäher Eleganz
Die Schönheit sieht
Und einen Sinn, auch wenn er wacker flieht,
Vom Grund des tiefsten Ozeans
Der Torheit hoch auf ihre Seite zieht
Und mit der Hoheit ihrer Lebensgier
Ein Ehrenmal des Lebens meißelt
Das sie dann, nach fünf Minuten oder so,
In Grund und Boden lacht, und wo
Gelacht wird fallen Pläne,
Und wer mitreißt,
So wie sie, verströmt statt tausend Tränen
Tausend helle Töne

EKW093 Igelpenisse

TL;DR Frühling lässt ja sein blaues Band undsoweiter, und da flog mir heute im Rahmen wichtiger Internetrecherchen das Foto eines kleinen, sein Geschlecht präsentierenden Igels über den Bildschirm.

Es kam ein geschniegelter Igel
Zu Ingo und zeigt‘ seinen Schniedel
Und Ingo, der stierte
Wie traumatisiert
Doch er wirkte im Ganzen zufrieden

Hi, Matthias hier. Let’s talk Igelpenisse, shall we? Frühling lässt ja sein blaues Band undsoweiter und da flog mir heute im Rahmen wichtiger Internetrecherchen das Foto eines kleinen, sein Geschlecht präsentierenden Igels über den Bildschirm. Nun, er war klein, ohne Frage, und ganz rosa. Und das Igelchen guckte ganz grimmig in die Kamera, als er da so auf dem Rücken liegend zum Star tierpornographischer Aufnahmen wurde. Nun besitzen Tiere im Allgemeinem und Igel im Besonderen überraschend wenig Persönlichkeitsrechte und daher konnte das Tier – außer grimmig zu gucken – auch recht wenig gegen den voyeuristischen Akt unternehmen, der da an ihm vollzogen wurde. Auch die Stacheln, das ist mein Takeaway aus diesem Foto, scheinen eigentlich eher dekorativer Natur zu sein, denn immerhin lag der Igel mit dem stacheligen Rücken zuunterst direkt auf der nackten Handfläche eines menschlichen Präsentators. Alles in allem, das muss ich allerdings zugeben, ist das beschriebene Igelfoto ausnehmend knuffig und daher verlinke ich es trotz potentiell persönlichkeitsrechtlicher Problematik und eventueller Jugenschutzrelevanz in den Shownotes (Und zwar genau hier: https://heavenlyhedgies.com/wp-content/uploads/2019/04/Zeke-male-hedgehog-3_cropped.jpg).

Die Nachbarin

Ich habe eine Nachbarin
Die wohnt bei mir im Haus mit drin
Woraus Du Fuchs wohl sogar ohne
Kontext weißt, wie ich so wohne
Wär’s ein Einfamilienheim
Passt keine Nachbarin mehr rein
Das heißt, sie passte, nur dann hieß sie
Mitbewohnerin, ich ließ sie
Wohl womöglich in ’nem Zimmer
Unterm Dach die Nacht verbringen
Oder sie wär Lebensparter-
In, doch gäb das wohl Theater
Würd ich sie mit Nachbarin
Bezeichnen. Nicht dran denken. Schlimm.
Und ja, ich weiß, ein Doppelhaus
Pass ebenfalls, in dem wir aus
Getrennten Hälften morgens steten
Schritts heraus zum Carport treten.
Aber nein, in diesem Falle
Wohn‘ wir mit noch and’ren alle
Separat in Wohnungen
In ein- demselben Hause drin

Doch wie auch immer, diese Dame,
Die im Haus ich wohnen habe
Hat mir letztens mal im Flur
Wo ich sie ansprach, einfach nur
Ein „Komm zum Punkt!“ ins Angesicht
Geschrien. Warum? Ich weiß es nicht.

Leider besteht die Welt nicht nur aus Klamauk und Igelpenissen. Machmal musst auch du, lieber Koffer, musst auch du, liebe liebliche Lieblingsreisetasche die harte Realität namens „Zeitökonomie“ facen, wie man so schön sagt. Und diese Zeitökonomie, let’s face it, die sagt mir, dass die heutige Episode zwar unterdurchschnittlich lang bzw. überdurchschnittlich kurz ist, dass ich aber, wenn ich jetzt noch einen seelenlosen Vierzeiler dranhänge, den Normerwartungen an einen Durchschnittsreimdingsipodcast absolut entsprochen habe und damit mein Tagwerk für heute beschließen kann. Also: Tschüß.

Ich Sachen ‚Stacheln‘ kann es sein
Dass Igel oder Stachelschwein
Gar harte Konkurrenz erwächst
Wenn Du Dein Weib ins Dickicht hetzt

EKW092 Feuerkind

TLDR; Feuerkind, hast in Flammen gestanden, sie brannten bis sie irgendwann dann viel zu schnell /
Erloschen sind, hast auf Regeln geschissen, weil du sicher warst zu wissen dass sie einfach nur/
Bescheuert sind/
Feuerkind/
Ruhe deiner Asche/
2 Kubikmeter Dreck/

Hi, Matthias hier. Bin ein bisschen spät dran heute. Kommt davon, wenn man über Dinge schreibt, die persönlich sind und dann nicht funktionieren. Whatever. Muss Du durch, und die nächste Folge wird dann wieder lustig. Juchhe! Ciao.

Feuerkind

11 Grad in der Sonne,
Im Schatten der Linden kannst du Matten von Krokussen finden

11 Grad und die Bussarde paaren sich im Himmel wie schon immer, seit Millionen von Jahren

11 Grad und die Schreie der Vögel hallen weit übers Feld und waldige Hügel

11 Grad, nur am Friedhof im Wald, liegt noch Schnee und die Gräber sind kalt

11 Grad und ich sehe dich vor mir, wie du grinst, wenn du ein paar alte Böller explodiern

Lässt, 11 Grad, immer Nerd, immer Spiel mit dem Feuer, like what?!, einfach unerhört

11 Grad, viel zu warm, für den knöchellangen Mantel, ob du den wohl zuletzt noch getragen hast?

11 Grad, viel zu kalt, um zu brennen, deinen Geist zu erkennen den nur Feuer entflammt hat

11 Grad, 2 Kubikmeter Dreck zwischen mir und dir und das Feuer ist weg

Feuerkind, hast in Flammen gestanden, sie brannten bis sie irgendwann dann viel zu schnell

Erloschen sind, hast auf Regeln geschissen, weil du sicher warst zu wissen dass sie einfach nur

Bescheuert sind
Feuerkind
Ruhe deiner Asche
2 Kubikmeter Dreck
Brauchen ewig
Bis sie
Verfeuert sind

2 Grad, alle Wolken verzogen, doch es Leichtigkeit zu nenn‘ wär gelogen

2 Grad, Sterne schieben Extraschicht, doch das Licht erreicht uns nicht

2 Grad, und am Friedhof im Wald, liegt noch Schnee und die Gräber sind kalt

2 Grad hinterm Haus, Zigaretten, einer holt das alte Foto von dir raus

2 Grad, alte Stories fliegen, einer stolpert, lässt ein Clausthaler liegen

2 Grad, irgendwo schreit’n Kind, einer flucht und rennt, weil wir ja glücklich sind

2 Grad, Mehrfamilienhausiedlung, ‚Ist schon zehn? Mann! Verabschiedung

2 Grad, eine Ewigkeit nichts gehört und dann – Bamm! – stoppt die Zeit

2 Grad, alle friern, keiner lacht doch es findet sich keiner, der Feuer macht

Feuerkind, hast in Flammen gestanden, sie brannten bis sie irgendwann dann viel zu schnell

Erloschen sind, hast auf Regeln geschissen, weil du sicher warst zu wissen dass sie einfach nur

Bescheuert sind
Feuerkind
Ruhe deiner Asche
2 Kubikmeter Dreck

Nichts ist gut
Und alles lodert
Du hast es angezündet
Bevor’s vermodert
Du hast es angezündet
Und duckst dich jetzt weg
Hinter 2 Kubikmetern Dreck

Feuerkind, du hast in Flammen gestanden, und sie brannten bis sie irgendwann dann viel zu schnell

Erloschen sind, hast auf Regeln geschissen, weil du sicher warst zu wissen dass sie einfach nur

Bescheuert sind
Feuerkind
Ruhe deiner Asche
2 Kubikmeter Dreck
Brauchen ewig bis sie
Verfeuert sind

EKW091 Baum und Blatt

TL;DR „Er gehörte zu den Malern, die Blätter besser malen als Bäume“. Aber dennoch wurde aus „einem Blatt, das im Winde wehte (…) ein Baum; und der Baum wuchs , er strecke unzählige Äste aus und bekam ganz phantastische Wurzeln…“

Es fand ein Poet aus Hannover
Kein‘ Reim auf die Heimat, was doof war,
Drum dichtete er
Meist über das Meer
Weil’s reimlich viel leichterer Stoff war

Hi, Matthias hier. Ja, so hab ich auch mit dem Kopf geschüttelt, als ich den EingangsLimerick zum ersten Mal laut vorgelesen habe. Aber schließlich gibt’s einen Grund, warum ich die Dinger Reimdingsis nenne und nicht Poeme oder so. Als Alltagspoet musst du wirklich sehr gut sein oder opportunistisch und nach 90 Folgen Koffer-Wörter-Podcast kann ich ruhigen Gewissens sagen: Ich habe aus Gründen hart an meinem Opportunismus gearbeitet. Denn erstens bin ich nicht sehr gut, sondern nur gut. Und zweitens bin ich so verdammt faul und prokratinatorisch veranlagt, dass ich jeden Werktag kurz vor Mitternacht vor dem Dilemma stehe, jetzt noch mal richtig einen rauszuhauen oder einfach das Erstbeste ins Mikrofon zu rülpsen, was mir durch den Schädel geistert. Momentan zum Beispiel liegt ein Buch neben meiner Tastatur, das ich erst kürzlich wieder hervorgekramt habe, weil es ein paar bedenkenswerte Dinge über das Schaffen von Kunst enthält. Lasst uns also streng nach dem Motto „Einfach-das-Erstbeste-ins-Mirko-Rülpsen“ kurz mal darüber reden. Das Buch heißt „Baum und Blatt“ und stammt von J.R.R. Tolkien, dem Herrn-der-Ringe-Typen, der im Nebenjob aber auch Philologie-Prof. in Oxford war. Neben einem lesenswerten Aufsatz über „Märchen“, in dem es unter anderem um Phantasie und Imagination geht (für die verknöcherte Professorenschaft damals offenbar eher ein Reizthema) ist in diesem Buch auch die recht kurze Geschichte „Blatt von Tüftler“ – Leaf by Niggle – abgedruckt. Niggle ist ein Maler, aber einer von der vor sich hinfriemelnden Sorte. Mehr oder weniger sein ganzes Künstler-Leben lang malt Niggle an einem einzigen Baum, wobei er eigentlich, wenn man es ganz genau nimmt, nur einzelne Blätter malt. Tolkien schreibt „Er gehörte zu den Malern, die Blätter besser malen als Bäume“. Aber dennoch wurde aus „einem Blatt, das im Winde wehte (…) ein Baum; und der Baum wuchs , er strecke unzählige Äste aus und bekam ganz phantastische Wurzeln…“ Und man kann sich denken, wie die Geschichte weitergeht. Vögel besuchen den Baum, hinter dem Baum entwickelt sich eine Landschaft und nach und nach ist Niggle ganz und gar damit beschäftigt, dieses eine Bild immer mehr zu erweitern. Er vergisst seine anderen Bilder oder verwendet sie, um das eine große Bild zu erweitern. Dauernd wird er durch dämliche Alltagsdinge und insbesondere seinen nervigen Nachbarn aufgehalten und Niggle wird niemals fertig. Die Leute fangen an, über den komischen Kauz zu reden, man macht sich Sorgen, man beginnt, seine Nützlichkeit für die Gesellschaft in Frage zu stellen und Niggle selbst reibt sich vollständig zwischen seinem Baumprojekt, seinem Alltag und den gesellschaftlichen Zwängen auf. Interessant ist, dass Nigel nicht mal ein besonders guter Maler ist, nur für diese Sache mit den Blättern, da hat er ein Händchen und versucht stets, bei jedem Blatt „seien Form, seien Glanz und das Glitzern der Tautropfen an seinen Rändern einzufangen.“ Mich hat die Geschichte von Tüftler, wie er im Deutschen heißt, schon als Kind fasziniert. Denn na klar, auf die sprachliche Kunst übertragen, war Tüftler eher der Reimdingsi-Schmied als der Romancier, und doch entsteht schließlich ein in mehrfachem Sinne wunderbares Gesamtwerk. Was ich immer ganz besonders eindrucksvoll fand, war die Tatsache, dass Niggle trotz all seiner Schwierigkeiten und all seiner Verzweiflung, die er – auch selbstverschuldet – erleiden musste, niemals Opportunist geworden ist.

Baum und Blatt

Irgendwo hat eine Junta Gott gespielt
Und irgendwo ein Papst ein Pferd gesegnet
Irgendwo hat ein Minister auf das Kanzleramt geschielt
Und irgendwo hat’s auch bestimmt geregnet

Irgendwo hat ein Konzern den Aktienwert halbiert
Und irgendwo ein Arsch mit seinem Geld geprahlt
Irgendwo ist irgendwas Verbotenes passiert
Und Niggle hat an seinem Blatt gemalt

Irgendwo hat eine Frau kein Kind empfangen
Weil sie gerade lieber Star Trek sah
Und irgendwo, da hat sich einer aufgehangen
Weil er in Grammatik eine Niete war

Irgendwo hat ein Friseur eröffnet
Und die anderen Friseure haben ihn verklagt
Irgendwo hat jemand zu spät Stopp gesagt
Und Niggle hat an seinem Blatt gemalt

Und irgendwann, da haben sie gefunden
Dass der Niggle nicht zuhause hocken soll
Dass der Niggle viel zu viele Stunden
Viel zu wenig Pferde segnet, woll

Und haben ein Gesetz gemacht
Dass Niggle keine Blätter malen darf
Das hat den Niggle letztlich umgebracht
Denn Pferde segnen, das kann nur der Papst

EKW090 Proxima Centauri

TL;DR Es ist Mathematik und Physik /
Du lässt Einsteins Theorem /
Und Poincaré und sein Dreikörperproblem /
Erst ziemlich alt und alsbald auch im Regen steh’n /
Musst dich dann im inversen Kranich dreimal in der Hocke drehen /
Und dann ab zu den Stern‘ auf Nimmerwiedersehen /

Hi, Matthias hier. Als erstes, Ihr lieben Koffer, muss ich mich für gestern, Folge 89, entschuldigen. Ich hab mir den ersten Teil dieser alten Geschichte eben noch mal angehört und „Holgerdiewaldfee!“ war die schlecht! Kaum zu ertragen schlecht, um genauer zu sein. Und darum habe ich spontan entschlossen, den zweiten Teil im Rahmen dieses Koffers nicht vorzutragen. Zumal die Geschichte ja eh fragmentarisch bleibt und kein Ende hat. Aber: Weil ich ja ein Ehrenmann bin und überhaupt klammheimlich total super, habe ich den zweiten Teil der Geschichte zumindest in Gänze in die Shownotes geschrieben, da darf du dann gerne reinschauen, wenn Dich dringende, masochistische Gefühle überwältigen. Was dann aber heute machen? Na, Reimdingsen natürlich. Und weil ich mich irgendwie verpflichtet fühle, den Fauxpas von gestern vergessen zu machen, gibt es heute ein langes, frisch gemachtes Reimdingsi. Nur für Euch. Und damit genug der Vorrede. Macht et jut und bis Montag irgendwann. Tschüß 🙂

Was is’n dieses Ding,
dieses: Leben,
Eben diese Existenz, an der wir:
Kleben, die wir statt keinen Pfifferling
Auf sie zu – bling – geben
Auf dieses riesige Podest heben

Dabei sind: wir nicht mal Existentialisten
Suchen nicht wie Parzival den Gral der Christen
Ist ’n toughes Game: als Heide auf der Heide
Zwischen Wölfen und Schafen zu steh’n
Und irgendwann mal schlafen zu geh’n
Einfach schlafen und chill’n
Mit den Pupill’n den Rill’n
Der Träume zu folgen
Durch die Kronen der Bäume
Zu den schwarzen Räumen
In den Wolken

Wir bilden einen Ring
Aus Dingen um uns rum
Halb Wall, halb Fallschirm
Doch fallen wir alle
Nur mal langsam, mal schneller
Und dann hallt der Knall ’n bisschen heller

Doch es macht einen Unterschied,
Ob du’s ertragen oder ob du’s geliebt hast
Denn zu lieben ist leicht, doch es zu hassen
Und es dennoch zu ertragen, da reicht
Ein bisschen seichte Musik nicht
‚N bisschen leichte Kritik nicht
Da brauchst du Support vom ganzen Universum
Von allem was durch Zeit und Ort und drumherum
Fällt, von allen Quasaren, allen Quarks und Pulsaren
Und von allen Sternen, die in die Ewigkeit starren

Proxima Centauri, nur vier Lichtjahre
Und dann ist es vorbei
Proxima Centauri, Dreitausend Kelvin
Und du bist frei

Proxima Centauri, ich misse
Deinen leichten Sternenwind
Proxima Centauri, ich hisse die Segel
Bis ich dich finde

Ich steh am Teleskop
Und schaue auf die Erde
Die, ich schwör, bei Gott, hah!,
Wohl kaum vermissen werde

Denn ich werde gehalten
Von einem fünf Milliarden Jahre alten
Dreifachsternsystem
In dem man immer irgendwo ’n Stern aufgeh’n
Seh’n kann, ja das nenn ich Erleuchtung, Mann!
Und niemand erwartet, dass ich hier überlebe
Und den Stab nach einem langen Leben
An den nächsten übergebe
Hier ist alles ein Kann, kein Muss, Mann,
Alles Leben ein Wunder, oder eben nur ein Funken
Geflunker über Soll’n und Sein, über Haben und Wissen
Über Lieben und Sterben, über Verzehren und Küssen

Proxima Centauri, nur vier Lichtjahre
Und dann ist es vorbei
Proxima Centauri, Dreitausend Kelvin
Und du bist frei

Proxima Centauri, ich misse
Deinen leichten Sternenwind
Proxima Centauri, ich hisse die Segel
Bis ich dich finde

Und wenn du fragst, wie das möglich ist,
Was der Weg ist, statt Dasein zu fristen
Einfach Segel zu hissen

Es ist Mathematik und Physik
Du lässt Einsteins Theorem
Und Poincaré und sein Dreikörperproblem
Erst ziemlich alt und alsbald auch im Regen steh’n
Musst dich dann im inversen Kranich dreimal in der Hocke drehen
Und dann ab zu den Stern‘ auf Nimmerwiedersehen

Proxima Centauri, nur vier Lichtjahre
Und dann ist es vorbei
Proxima Centauri, Dreitausend Kelvin
Und du bist frei

Proxima Centauri, ich misse
Deinen leichten Sternenwind
Proxima Centauri, ich hisse die Segel
Bis ich dich finde

Und hier die versprochene Fortsetzung von gestern (Zeitvertrag, 2. Teil):

3.

Die schönste Frau, die mir je begegnet ist, heißt Mascha Stern. Das erste, was ich von ihr sah, war ein Namensschild. „Dr. Mascha Stern“ stand darauf und links neben dem nüchtern gesetzten Namenszug war ein kleines Foto abgedruckt. Ich kniete auf dem Boden, hielt das Schild in der Hand und wurde mehrmals fast über den Haufen gerannt. Es war mit Sicherheit nicht der allerbeste Platz um auf dem Boden zu knien und sich kopfüber in ein Namensschild zu verlieben – ich kniete direkt hinter dem Haupteingang der Bildungsmesse. Dr. Mascha Sterns Lächeln verursachte ähnliche Glücksgefühle in meiner Magengegend wie die Zitronensahntorte, die meine Mutter zu meinem 17. Geburtstag gebacken hatte. Ihr Lächeln verhieß die leichte, reuelose Süße von Biskuitboden, ihre Lippen den Geschmack von fruchtig-sahniger Ekstase, ihre Augen strahlten wie die Morgensonne über den Zitronenfeldern Kaliforniens. Meine ursprünglichen Ambitionen für den Messebesuch änderten sich urplötzlich. Die neue Aufgabe hieß, der verzweifelten Dr. Mascha das Namensschild hinterher zu tragen. Ich zog mir eine Din-A-4-große Farbkopie des Schildes und ließ sie über die Hallenlautsprecher ausrufen. Ich wartete lange.

Nach zwei Stunden hatte ich Ruth, die Frau vom Messeinfostand so gut kennen gelernt, dass wir uns duzten und uns mehr oder weniger ewige Freundschaft geschworen hatten. Sie war 34, vollschlank, hatte eine Scheidung und eine Fehlgeburt (in dieser Reihenfolge) hinter sich gebracht und lächelte mich fröhlich an. Sie hatte den Namen Mascha Stern alle zehn Minuten ausgerufen und zwischendurch eine Schachtel Zigaretten geraucht. Ihre Stimme war dennoch ungewöhnlich klar, nicht der typische Raucherbelag, nur alle halbe Stunde schüttelte sie ein Hustenanfall, der ihre Krankenkasse über eine Beitragserhöhung von einem halben Prozentpunkt hätte nachdenken lassen. Sie nannte mich Wonneproppen (was Angesichts ihrer Statur ein Witz war) und lachte mich aus wegen Dr. Stern. Und du kennst sie nur von dem Foto hier? Verrückter Bengel. Natürlich fand sie mich total süß. Ich mich auch, irgendwie. Jedenfalls spielte ich gekonnt den Romeo der Bildungsmesse und nach einer Dreiviertelstunde glaubte ich selbst daran. Ja, ich war verdammt romantisch. Denk mal drüber nach, Sebi (Nenn mich nicht Sebi!), hier laufen nur Lehrerinnen, Wissenschaftlerinnen und Dezernentinnen rum. Das hat doch den erotischen Charme von Sägespäne. Ruth mochte diesen Frauenschlag nicht. Bei mir dagegen löste der Begriff „Dezernentin“ herrlich schlüpfrige Assoziationen aus. Dr. Mascha Sterns Foto sah aus, als wäre sie eine verdammt gute Dezernentin. Wie gerne hätte ich von Ruth eine Zigarette geschnorrt, die Augen geschlossen und mir Mascha Stern in einem engen, mausgrauen Hauch von einem Kostüm vorgestellt, wie sie langsam die randlose Brille abnimmt und mich dezernentinnenhaft zur Rede stellt. Aber rauchen ging nicht (kleine Wette mit mir selbst) und Augen schließen wäre unhöflich gewesen, schließlich bemühte sich Ruth wirklich sehr um meine noch recht fragile Beziehung zu Dr. Stern. Trotzdem verlor ich kurz vor Mittag die Geduld. Ich dankte Ruth, ließ ihr zwei Visitenkarten da (eine zum „in Kontakt bleiben“, eine für Frau Stern, so sie ihre Hörgeräte jemals wieder fand) und fing an, die Stände abzusuchen. Am frühen Abend schaute ich auf dem Weg in mein Hotel ein letztes Mal am Informationsschalter vorbei. Ruth war nicht mehr da, auch keine der anderen Kolleginnen vom Vormittag, nur zwei junge BWL-Studenten-Aushilfstypen und eine dürre Vierzigjährige. Ob Ruth vielleicht eine Nachricht für mich hinterlassen hätte, ja, Moment, hier eine Notiz, das ist alles? Ja. Es waren drei Worte. Danke und Mascha Stern. Auf der Rückseite ihre Kontaktdaten. Es war die Visitenkarte eines Ausstellers für Mathematiklehrmittel. Dr. Mascha Stern war darauf zu lesen, Stand 75.

Als ich mit der Nachricht in der Hand Stand 75 aufsuchte, war Mascha Stern bereits gegangen, nur heute Morgen, ganz früh sei sie kurz da gewesen. Wann sie denn wiederkäme, morgen früh, danke, nein, Nachricht ist nicht nötig. Der Weg ins Hotel zog sich hin, die S-Bahn war rappelvoll mit Messegästen, ich verlief mich auf dem Weg vom Bahnhof zum Hotel und fand zu allem Überfluss den Fahrstuhl im Hotel defekt vor, so dass ich neun Stockwerke hoch laufen musste. Bei Stockwerk acht klingelte mein Handy. Am anderen Ende quäkte ein Stimmchen in einem Tonfall, als hätte man eine Kröte mit einem Reibeisen erschlagen. Ihr Name sei Stern, sie wollte sich bedanken etc. pp. … mal treffen … nein, sie hätte keine Durchsage gehört … die ganze Woche noch in der Stadt … ficken. Zumindest lief es darauf hinaus. Ich lehnte atemlos (vom Treppensteigen) am Geländer, kramte die gefaltete Farbkopie ihres Messeausweises aus der Tasche und versuchte krampfhaft, die herrlich grau kostümierte Dezernentin vor meinem inneren Auge erneut erstehen zu lassen. Stattdessen sah ich eine rollige Kröte mit Kehlkopfentzündung. Irgendwie gelang es mir, die redselige Dr. Stern auf ein nicht genau datiertes Treffen in den nächsten Tagen an ihrem Stand zu vertrösten. Wir vollzogen ein umständliches Abschiedritual, versicherten uns nochmals hochgradiger Neugier aufeinander und legten schließlich auf. Ich stapfte in mein Hotelzimmer und sagte der Minibar den Kampf an, sie sprang wahrscheinlich zurück in ihren Teich. Wir trafen uns am übernächsten Tag, kurz nachdem ich mich in Jenny verliebt hatte.

4.

Ich erwache durch lautes Geschrei. Es ist noch stockdunkel. Ich sehe Jenny am Fenster sitzen, die Tagesdecke um ihren Körper gehüllt, die Knie angewinkelt, das Kinn auf das rechte Knie gestützt. Sie schaut aus dem Fenster auf die schwach erleuchtete Straße. Die Laternen in meiner Straße hängen an langen Drahtseilen, die zwischen zwei Häusern über die Straße gespannt sind. Schon ein leichter Wind lässt sie hin- und herschwenken und sie werfen ein gespenstisches, unruhiges Licht auf den Asphalt. Wer schreit da, flüstere ich, um sie nicht zu erschrecken. – Ein Mann. Ein betrunkener Mann. Wohl ein Penner. – Beobachtest du ihn schon lange? – `Ne Weile. Ich lehne mich zurück und schließe die Augen. Was tut er? – Er sitzt auf der Türschwelle gegenüber und schreit. – Warum? – Er ist ein betrunkener Penner, darum. Keine Ahnung. Ich denke an unser erstes Zusammentreffen. Unseren Zusammenprall und öffne die Augen. Soll ich runter und mit ihm reden? Ja, sagt sie, das wäre gut. Ich bin müde und entsprechend schlecht gelaunt. Warum geht sie nicht selbst, wenn es ihr so wichtig ist? Und was soll ich tun, wenn er mit hoch will. – Dann sagst du nein. Aber er wird mit hochwollen, sage ich. – Bitte, sprich mit ihm. Sie tapert am Bett vorbei in die Küche. Ich ziehe eine Jeans an und einen Pullover und folge ihr. Sie steht im dunklen Flur an der Haustür und hält mir eine Flasche Cola hin. Hier. Ich nehme die Flasche und schlurfe das dunkle Treppenhaus hinunter. Hinter mir fällt die Wohnungstür ins Schloss, ich taste mich langsam vorwärts.

5.

Am nächsten Tag ließ ich die Messe sausen und ging stattdessen in den Zoo. Es war später Vormittag und die einzigen Gäste neben mir waren Mütter, die ihre Kinderwagen über die gepflasterten Wege schoben. Der Himmel war grau. Hinter dem Vogelzwitschern, dem Gekreische der Affen und all den anderen Tierlauten, dem Schreien, Brüllen, Bellen, Blöken, hörte ich den Stadtverkehr um den Zoo herumbrausen, als ob das dunkle Autodröhnen das Geräusch des grauen Himmels war. Ich hatte einen leichten Kater, weil ich nachts zuvor allein eine Flasche Whiskey aus der Minibar geleert hatte. Eine zeitlang hatte ich versucht, meine Tagträume von Dr. Mascha heraufzubeschwören, doch immer saß eine hässliche braune Kröte auf ihrem Kopf und quakte mich an. Gegen halb zwölf setzte ich mich in den Biergarten. Es war immer noch kalt und grau draußen und ich war der einzige Gast. Der Kellner brachte nur ein fragendes Schnauben heraus, bestimmt roch er meine Fahne. Ich störte, hatte offenbar kein Recht, hier zu sein. Warum konnte ich mich nicht einfach zu den Kinderwagenhühnern mit einer Plastikflasche Bonaqua an den Rand des Spielplatzes setzen und den Kindern beim Spielen zusehen, schien er mich zu fragen. Ein großer, dicker Typ war er, jetzt schon schwitzend, das schwarze Haar an der Stirn klebend, dünne Lippen. Ich bestellte Kristallweizen, weil ich das irgendwie passend für den Zoo fand und versank danach in dumpfe Grübelei. Nach einer Wartezeit von fünfzehn Minuten döste ich ein.

Erwachen. Orientierungslosigkeit. An der Tür zum Innenbereich des Cafés stand der Kellner und beschimpfte eine andere Angestellte, brüllte sie an. Seine Hand sauste ein paar Mal auf den nassen Tisch neben ihm. Zwischen den beiden breitete sich eine Bierpfütze aus, ein zerbrochenes Glas lag neben ihnen auf dem Boden. Fetzen von beschissener Kuh, besoffener Schlampe und Feuern drangen zu mir herüber. Benommen, fast noch im Halbschlaf stand ich auf und näherte mich ihnen. Was mich faszinierte, war die Stimme der Kellnerin, die manchmal protestierend in seinen Redeschwall einfiel. Etwa zehn Meter entfernt blieb ich stehen, halb gedeckt von einem recht verkümmerten Buchsbaum, der aus einem Betonquader zwischen den Tischen herauswuchs. Nachdem sich die Kellnerin eine weitere unflätige Schimpftirade ihres Chefs angehört hatte, fing sie mit einer dunklen, durchdringenden und leicht wackeligen Stimme an zu sprechen. Ihre Stimme klang wie ein seltsam unbestimmter Singsang, getragen, fesselnd, immer wieder absterbend und – tatsächlich – sturzbetrunken. Sie erklärte ihm, was für ein mickriger Niemand er sei, dass er sich seine Joseph-Goebbels-Anwandlungen besser für das Affenhaus aufsparen solle oder wenn er nachts mal wieder verzweifelt versuchen würde, eines der Hängebauchschweine zu vergewaltigen. Dass er das letzte Wesen auf der Erde sei, das in diesem Ton mit ihr reden dürfe, dass er ein Nichts, ein erbärmlicher Kinderficker sei, ein kümmerliches Arschloch. Sie wandte sich ab und blickte mit leeren Augen in meine Richtung. Immer noch kämpfte ich mit einer lähmenden Müdigkeit, riss krampfhaft die Augen auf. Außerdem hatte ich Durst. Der Kellner brüllte etwas, sie zischte zurück, Fick dich doch, schwankte in meine Richtung. Ausdruckslos schaute sie mich an, wie ich mit geweiteten Lidern wie gelähmt halb hinter diesem Buchsbaum stand, den Kellner von hinten auf sie zustürmen, ihn ihren Kopf von hinten in beide Hände nehmen sah, wie ich bewegungslos den Kerl den kleinen Kopf auf einen Plastiktisch hinuntersausen lassen sah, den kleinen Kopf, jetzt blutend. Ich wollte schreien und schaffte es nicht. Der Kellner beugte sich über sie, nahm das Kinn in eine Hand, zwei Schraubendreherfinger schlossen sich um ihren Kiefer und zwangen die Frau, ihn direkt anzuschauen. Verschwinde zischte er, verschwinde oder du bist tot. Sie richtete sich auf, langsam, taumelnd, stolperte in meine Richtung, der Kellner verschwand. Sie torkelte mir in die Arme, sah mich nicht, als hätte sie mich eben nicht bemerkt, rannte weinend in mich hinein. Du hast es doch gesehen, flüsterte sie. Sie roch nach Alkohol. Ja, brachte ich hervor, es tut mir leid, ich war wie gelähmt. Ich stotterte noch mehr in dieser Art und nichts davon war gelogen, ich hätte helfen wollen, ehrlich, ernsthaft, aber konnte mich nicht rühren. Pech für mich, schrie sie und rannte weg, schnell, unsicher, mit den Armen rudernd und ich wieder starr, bestürzt, unfähig zur Bewegung. Schließlich zwang ich mich, ihr hinterher zu gehen, Noch während ich sie suchte, rief ich die Polizei an.

Auf dem Bürgersteig vor dem Haupteingang fand ich sie. Sie saß auf dem Bordstein, hatte ein Taschentuch vor den Kopf gepresst, telefonierte. Sie trug immer noch eine weiße Schürze, darunter einen dunkelroten Rock, Camper, das Oberteil ein dunkelgrünes Etwas mit langen, dünnen Ärmeln. Ihre Haare hatte sie hochgesteckt. Mit etwas Abstand kniete ich mich neben sie, wartete ab. Sie bemerkte mich, sah kurz zu mir herüber, telefonierte weiter mit einer Freundin oder Mitbewohnerin. Ich ruf noch mal an, dann legte sie auf. Was willst du? – Ich hab die Polizei angerufen. – Ja, haben die mir erzählt. – Hör zu, wegen eben, ich war völlig weg… Der Rest war Gestammel. Meine Stimme versagte, die Tränen schossen hoch, ich drehte mich weg von ihr. Ich wünschte mir, die Szene noch einmal durchleben zu können, wünschte, ich wäre im richtigen Augenblick losgestürmt und hätte ihn aus vollem Lauf zu Boden geworfen. Warum hatte ich nicht einmal das Richtige tun können, statt einfach nur dazustehen und zu beobachten? Die Tränen liefen an meinem Gesicht herunter, die schämte mich, war wütend, auf mich, den Scheißkellner, dieses schwitzende Arschloch, war wütend auf sie, warum auch immer. Ich stand auf. Bleibt gefälligst hier sitzen, bis die Polizei kommt! Ihr Gesicht stand direkt vor meinem, ein dünnes Oval mit einer klaffenden Wunde links oben über der Augenbraue, die Augen zusammengekniffen, ihr Mund bebte. Setz dich hin! Auch ihre Augen schwammen in Tränen. Ich brauche deine verdammte scheiß Aussage, damit sie ihn bestrafen.
Ich sank zurück auf das Pflaster, murmelte ein Schongut. Sie nahm das Taschentuch vom Kopf. Wie schlimm sieht es aus? Es war ziemlich übel, obwohl die Wunde über ihrem linken Auge klein war. Augenbraue und Wange waren mit braunem Blut verkrustet, Blutflecken waren überall auf der Schürze und ihren Schuhen verteilt. Der Rest war makellos, die funkelnden, dunklen Augen, das glatte, schwarze Haar. Hat aufgehört zu bluten, sagte ich, solltest du nähen lassen wegen Narbe und so. Und so? Auf und so kann ich verzichten, zischte sie. Soll es wachsen, wie es will.

EKW089 Zeitvertrag

klitzekleines morgengedicht

lächle
streich die Haare ins Gesicht
blinzle
kitzle und dann
küsse mich
verkrieche Dich in mir und
liebe mich

Hi Matthias hier. Ich hab heute mal wieder ein kleines, eher unlyrisches Experiment vor. Aber, ist ja schließlich mein Podcast hier und ich darf die Regeln ändern, wie ich will, nicht war? Noch immer bastele ich an der Frage herum, was mein nächstes größeres Schreibprojekt sein soll und da ist mir heute wieder ein sehe altes Fragment in die Hand gefallen, von dem ich mich frage, ob es möglicherweise die Arbeit wert wäre, weiter daran zu basteln. Nicht genau an dieser Geschichte, wohlgemerkt, aber an einer Geschichte in der Art dieses Fragmentes. Und das Beste ist es natürlich, sich das Ding erst noch einmal durchzulesen, bevor ich weiter darüber nachdenke. Fangen wir also an. Denn ich habe es bisher noch nicht gemacht, sondern werde es jetzt einfach live hier lesen. Mal sehen, vielleicht gibt es im Anschluss noch einen Kommentar, vielleicht auch nicht. Schauen wir mal… Der Text hat keinen Titel, aber das Dokument heißt „Zeitvertrag“. Wird also zumindest sowas wie ein Arbeitstitel sein.

0.

Ich habe Jenny an einem sonnigen Oktobermorgen verlassen. Mit verheulten Augen rannte ich die Straße entlang, trampelte auf dem noch nassem Kastanienlaub herum und wäre fast auf einen Hund getreten, der mit einer Tüte Brötchen im Maul unterwegs nach Hause war. Wir beide sprangen zur Seite, gleichermaßen erschrocken, er ließ seine Tüte fallen, ich trat in eine Pfütze. An der ersten Kreuzung ertappte ich mich dabei, wie ich gewissenhaft nach links, rechts und wieder links schaute, bevor ich die Straße überquerte. Auf der anderen Seite rutschte ich auf ein paar Eicheln aus, die ein freundlicher Baum wohl nachts zuvor dem Sturm geopfert hatte. Während der mit grau-weißen Wolkenfetzen gesprenkelte Himmel von mir weg raste, verabschiedete sich mein Verstand eilig von der Welt. „Hallo Herbst“, dachte ich und schlug auf.

1.

Sie liegt in ihrem Bett und schläft, ihre Arme seltsam hinter dem Kopf verrenkt. Es ist mitten in der Nacht, ich sitze auf der Türschwelle, ein Bein angewinkelt, eins weit ausgestreckt und lese in einem Asterix-Comic. Die Leselampe auf dem Nachttisch ist kaputt, ebenso die Glühbirnen in der Küche und im Wohnzimmer. Ich habe das Licht im Flur angeschaltet und die Tür zum Schlafzimmer halb geöffnet. So kann ich lesen und sie anschauen, wann immer ich will. Mitten im Kampfgewühl erscheint Kleopatra vor dem gallischen Dorf. Sie sitzt auf einem pyramidengroßen Thronwagen, gezogen von unzähligen Sklaven und streckt die arrogante Nase in die Luft. Ich stehe auf, strecke meine tauben Beine, lösche das Flurlicht und gehe langsam zu ihr. Die einzige Lichtquelle ist nun die Laterne, die vor dem Fenster über der Straße hängt. Ich liebe dich, flüstere ich in ihr Ohr, streiche dabei ihr schwarzes Haar nach hinten und hoffe, dass sie mich hört. Ich liebe dich, Jenny. Vorsichtig lege ich mich neben sie, schiebe erst einen Arm unter ihren Rücken, dann ein Bein über ihre Beine und bewege sie so etwas zur Mitte des Bettes hin. Sie dreht sich auf die Seite, den Rücken zu mir. Fertig? murmelt sie. Ja, sage ich. Die Gallier haben gewonnen, wie immer, haushoch. Sind ja schließlich die Guten. Sie dreht ihren Kopf, ihre Augen sind geöffnet. Nicht wirklich spannend, oder? Die Römer haben das Dorf abgebrannt, diese Pissnelken, flüstere ich, das war knapp. Ich schließe die Augen und lege meinen Kopf an ihre Brust. Gute Nacht. Nacht. Ein Auto fährt unten vorbei, eine Kirchturmuhr schlägt, eine Gruppe von Leuten unterhält sich unter dem Fenster. Als ich noch alleine war, hat mich so etwas gestört.

2.

Einmal haben wir Jennys Mutter besucht. Das war im letzten November. Eines Nachmittags stand Jenny plötzlich in meinem alten Büro und fragte, ob ich mit wollte. Ich muss arbeiten, sagte ich. Was nicht stimmte. Weder musste ich arbeiten, noch arbeitete ich jemals wirklich. Meistens saß ich am PC, abonnierte, las, kündigte Newsletter und trank dazu Pfefferminztee. Ach komm schon, dann lernst du sie mal kennen. Sie ist total harmlos, sagte Jenny. Na sicher, entgegnete ich, und darum besuchst du sie auch nie. Weil ich’s alleine nicht aushalte. Zu zweit ist das bestimmt lustig. Ich hab ihr schon gesagt, dass ich dich mitbringe. Das war seltsam. Eigentlich war es nicht ihre Art, mir ihren Willen aufzuzwingen. Schließlich gab ich nach.

Jennys Mutter lebte in einer Art Loft nahe dem Stadtzentrum. Als wir vor der Wohnungstür standen, kam uns ein intensiver Duft entgegen, es roch wie in einer Backstube. Sie macht Plätzchen, sagte Jenny. Damit du siehst, was für eine tolle Mutter sie ist. Die Tür ging auf und vor uns stand eine schlanke Frau Mitte vierzig, pechschwarze Haare, dunkle Augen, Perlenohrringe, beiger Hosenanzug und davor – ganz Hausfrau – eine orange Schürze. Kinder, ihr seid zu früh! krähte sie uns entgegen, ich bin noch mitten in der Arbeit. Der Ton ihrer Stimme war unangenehm: rauchig, penetrant, mit einem Hauch gespielter Fürsorge. Sie platzierte uns auf dem couchähnlichsten Gegenstand, der in der ganzen Wohnung zu sehen war, einer riesigen Fleischwurst aus PVC. Dann war sie in der Küche verschwunden. Jennys Blick erinnerte mich an den Gesichtsausdruck einer Anklägerin, die ich einmal im Fernsehen beim Haager Kriegsverbrechertribunal gesehen hatte. Nicht gut? fragte ich. Nicht gut. Sie deutete auf unsere unglaublich unbequeme Sitzgelegenheit. Ihr letzter Lebensabschnittsgefährte war irgendwas Halbwichtiges bei der Messegesellschaft, der konnte immer Ausstellungszeug abstauben. Ich find’s hier irgendwie lustig, log ich. In Wirklichkeit war die Wohnung vollkommen absurd. Das Wohnzimmer sah aus, als hätte jemand in einer Ruine den Schutt in die Ecke geschoben, wahllos Werkzeug an die Decke gehängt und schließlich widerwillig Zentralheizung und fließend Wasser eingebaut. Außer der Fleischwurst gab es im Wohnzimmer noch einen Fernseher, der mitten im Raum stand, ein kaputtes Cello in der einen Ecke (der Hals war angebrochen und hing zur Seite), eine vertrocknete Zimmerpflanze in der anderen Ecke, einen schönen ovalen Tisch aus dunklem Holz und vor der Fleischwurst – wohl als Ersatz für einen Couchtisch – eine alte Waschmaschine, die auf die Seite gelegt war. Dazu kamen der ganze Kram, der von der Decke hing und der Pelz eines Waschbären oder Dachses oder irgendeines ähnlichen Tieres, der direkt vor dem Fernseher lag. Sie ist eine Art Künstlerin, erklärte Jenny, so in der Art. So in der Art? fragte ich. Ich seh’ sie nicht oft, sie ist verrückt, ich wüsste nicht, was ich alleine mit ihr reden sollte. Jenny zog mich dicht an sich heran, nahm mein Gesicht in beide Hände und küsste mich. Die Frau hat einen totalen Dachschaden, sagte sie schließlich. Hätte sie nicht so viel Geld, wär’ sie schon lange in einem Irrenhaus gelandet.

Nach einer guten Viertelstunde kam Jennys Mutter aus der Küche und setzte sich vor uns auf die Waschmaschine. Neben sich stellte sie eine riesige Schüssel mit dampfenden, köstlich duftenden Keksen. Als weder sie noch Jenny Anstalten machten, sich welche zu nehmen, hielt auch ich mich zurück. Sofort wandte sie sich mir zu. Über Sie weiß ich eigentlich nur, dass sie Sebastian heißen und in einem Verlag arbeiten, sagte sie. Schulbuchverlag, ergänzte ich, wir machen Schulbücher. Undankbare Zielgruppe, möchte man meinen, sagte sie, undankbar und stur. Ich unterrichte ja nicht, sagte ich, wir stellen nur die Hilfsmittel her. Eigentlich ist es meine Aufgabe, die Schulbuchautoren in bestimmten didaktischen Fragen zu beraten. Ein Helfershelfer, interessant, sagte Jennys Mutter. Dann werde ich mich jetzt mal ums Abendessen kümmern. Sie ließ uns mit der Keksschale allein und verschwand wieder in die Küche. Es war kurz vor fünf. Ich schaute ihr nach, sah dann zu Jenny hinüber. Sie hatte mir nie von ihrer Kindheit erzählt. Wie hatte diese schräge Frau es wohl geschafft, eine Tochter aufzuziehen? Jenny sah ihr sehr ähnlich. Auch sie hatte schwarzes, glattes Haar und dunkle Augen. Auch Jenny war groß, etwa 1,75 Meter groß und sehr schlank. Aber ihre Stimmte war anders. Fast alles, was sie sagte, klang wichtig, selbst wenn sie vor sich hin murmelte kam es mir vor, als spräche sie mich direkt an. Die Präsenz ihrer Stimme gab mir immer das Gefühl, sie stände dicht an meiner Seite, wenn sie auch fünf Meter entfernt von mir in einem Supermarkt mit einem Verkäufer redete. Als Jenny und ich uns das erste Mal trafen, war mir zuerst diese ungewöhnliche Stimme aufgefallen, eine Stimme, die den ganzen Raum ausfüllte und die, obwohl sie sehr, sehr leise sprach, auf alle Menschen in der Nähe eine starke Wirkung hatte.

Warum wolltest Du, dass ich mitkomme, fragte ich Jenny. Warum sind wir überhaupt hier, deine Mutter hat anscheinend nicht viel Zeit. Jennys Mund verzerrte sich zu dem, was ich als ein dankbares Lächeln interpretierte. Ich weiß, sie ist schrecklich, sagte sie. Aber ich muss sie was fragen und wollte nicht alleine kommen. Und was? Ach, Geld. Kein Problem, Geld kriege ich immer. Ich wollte nur nicht alleine hierher, das halte ich nicht aus. Wenn sie mit ihren verfickten Keksen kommt und auf dieser albernen Waschmaschine sitzt. Mit diesem Plastik-Dings und so… Sie war immer leiser geworden, flüsterte schließlich. Was würdest Du denn sagen, wenn das da deine Familie wäre? So eine bescheuerte Kuh, die wer weiß was in der Küche macht, nur Schwachsinn erzählt und keine zwei Minuten still halten kann! Sie verstummte. Die Tür zur Küche ging auf und ihre Mutter kam herein, auf beiden Handflächen balancierte sie große Platten mit belegten Brötchen. Kinder, schön, dass ihr da seid, rief sie und knallte die Teller neben die Keksschale auf die Waschmaschine. Endlich mal wieder Gelegenheit, ein paar hungrige Mägen zu füllen. Dann sah sie mich an. In diesem Verlag, in dem sie da arbeiten, werden da eigentlich nur Schulbücher verlegt? Ja, ausschließlich. Meine Jenny wollte auch mal Bücher schreiben, früher. Das hätte mir gefallen. Meine Tochter, die große Schriftstellerin. Aber später dann wollte sie nichts mehr davon hören. Jenny, oder? Warum eigentlich? Sie blickte ihre Tochter an, das erste Mal, seitdem wir hier waren, schauten sich die beiden direkt in die Augen. Die Mutter, auf ihrer völlig deplazierten Waschmaschine sitzend, eingekreist von Keksen und belegten Brötchen. Und die Tochter, die dunkeläugige Frau, die leicht nur vorgebeugt auf ihrem Platz saß, angespannt – ich konnte ihre Schläfen pochen sehen – wie eine Stahlfeder. Ich brauche etwas Geld. Etwas mehr als sonst. Ihre Mutter wandte sich den Brötchen zu und reichte mir ein Tablett. Ich nahm mir eins. Es schmeckte normal, der Käse frisch, nicht billig, nicht vergiftet. Geld? Natürlich. Bekommst du. Überweise ich dir gleich morgen. Es ist für ein Auto, sagte Jenny. Ich bräuchte so 10.000 Euro. Ja, kein Problem, sagte ihre Mutter. Kauend sah ich den beiden zu. Sie schwiegen sich an, offenbar war alles gesagt. Jenny stand auf und winkte mir zu. Wir müssen los, Sebastian hat noch Arbeit im Verlag. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, ging sie zur Haustür, wo sie wartete, bis ich mich verabschiedet hatte. Jennys Mutter war auf der Waschmaschine sitzen geblieben und hob eine Hand zum Abschiedsgruß. Schön, dass sie mich mal besucht haben, sagte sie. Jenny kommt so selten, das war sehr schön heute. Bis zum nächsten Mal dann, murmelte ich, ging zur Tür, nahm Jenny an die Hand und verließ mit ihr die Wohnung. Wir redeten erst, als wir auf der straße standen. Das ist doch ein Scheißleben, hörte ich sie sagen.

Okay. Ich hab gerade mal auf die Uhr geschaut und es sind schon 15 Minuten vorbei. Dabei ist erst die Hälfte geschafft. Die zweite lese ich dann morgen. Und, wie wars bisher so, du Koffer? Ich halt mich erst noch einmal zurück, aber so ganz allgemein würd ich sagen: Ganz okayer Anfang, und dann zunehmend zäh, nicht wahr? Bin mal gespannt, wie der zweite Teil sich liest. Das mache ich dann morgen. Bis dahin. Tschüß

EKW088 Krokuspflücken

TL;DR Violett und Blau und Gelb /
Und Weiß sind ihre Farben /
Strahlen noch im Tod und welken /
Ohne je zu klagen /
Strahlen noch im Tod und welken /
Ohne je zu klagen /

Hi, Matthias hier. Krasser Move heute: Direkt mal früh angefangen, und deutlich vor Mitternacht fertig. Jippie… Nur ein Reimdingsi heute, und nicht mal ein besonders gutes. Mir gefällts aus Gründen trotzdem. Endlich mal kein fuck Sonett, sondern… Keine Ahnung. Hör’s Dir einfach selbst an. Tschüss und viel Freude bei „Krokuspflücken“

Komm wir gehen Krokuspflücken
Auf der grünen Wiese
Alles glänzt im Sonnenscheine
Keine glänzt wie diese

Gelb und Violett und Blau
Vergnügen sich die Blüten
In der Sonne bis wir zwischen
Ihren Resten wüten

Rupfen alle grünen Stengel
Aus der feuchten Erde
Bis wir sie in Händen halten
Wo die Blüten sterben

Lass uns ihre schönen Leichen
In die Vase stellen
Wo die toten Leiber bald
Im schalen Wasser quellen

Gelb und Violett und Blau
Und Weiß sind ihre Farben
Die sie lange noch im Tod
Auf ihren Leibern tragen

Violett und Blau und Gelb
Und Weiß sind ihre Farben
Strahlen noch im Tod und welken
Ohne je zu klagen
Strahlen noch im Tod und welken
Ohne je zu klagen

EKW087 Siebenundsiebzig Stabreimsonette

TL;DR Wir schauen jetzt abends alle gemeinsam und – ganz wichtig – schweigend Netflix, denn alle interessanten Dinge haben wir uns bereits im ersten Lockdown erzählt.

Frühling

Das Kätzchen auf der Fensterbank
Mein Schätzchen mocht‘ es sehr
So lang sie’s sah, ward ihr nicht bang
Und krank ward sie nicht mehr

Doch als es Frühling worden war
Lauthals die Vögel schrien
Da war die Katze fort, und, ja,
Ward auch mein Schatz dahin

Hi, Matthias hier. Helligkeit, das stelle ich immer wieder fest, tut meinen Reimdingsis nicht gut. Vielleicht sind es aber auch der Frühling bzw. seine Vorläufer ganz allgemein, die die Reimdingsischmiede erkalten lassen. Na klar, es kommt noch etwas heraus, aber eher reichlich minderwertige Qualität. Mag sein, dass im Winter auch einfach das Urteil über die eigene Mittelmäßigkeit milder ist oder das depressive Hirn sich eher vom niveauarmen Nonsenssingsang der Kreuz- und der Paarreime gefangen nehmen lässt. Sollte diese These jedenfalls stimmen, dann stehen Euch, ihr lieben Koffer, ganz furchtbar fiese Wochen bevor, bis sich das Autoren-Hirn dem Klima angepasst und in seinen üblichen Trott zurückgefunden hat.

First Date

Sie hatte sich Chopin gewünscht
Den hat sie sehr verehrt
Problem: Sie hat mich kalt erwischt
Schopeng? Das war verkehrt…

Da hilft kein Geld, kein Sixpack, nix
Wenn Du Schopeng vergeigst
Ist das wie Raider anstatt Twix
Drum: Besser, wenn du schweigst

Und wo wir schon dabei sind: Twix
Und Raider? Never! Klar?
Der ist so alt, dass, wenn du’s sprichst
Dein Date ein Reinfall war

Denn wenn sie geht, hat sie Niveau
Was bei Schopeng sein kann
Und lacht sie: Flieh! Ist besser so!
Dann bist du nicht ihr Mann

Es ist heute nicht allzu viel geschehen in meinem disfunktionalen Dichterhaushalt. Der Höhepunkt waren einmal mehr diverse Lieferantenbesuche, die erkleckliche Mengen an Essen und Küchenzubehör gebracht haben. Als da wären: Unmengen ultrakoffeinhalte Limonade und zwei Universalgrößentopfdeckel. Und ja, das ist recht armselig für ein auf äußere Stimulans angewiesenes Poetenleben, und nein, ich kann es nicht ändern, denn mit Corona tobt das draußen die beste Ausrede der Welt, um über Veränderung gar nicht erst nachzudenken. Stattdessen schauen wir abends alle gemeinsam und – ganz wichtig – schweigend Netflix, denn alle interessanten Dinge haben wir uns bereits im ersten Lockdown erzählt und die Urlaubsfotos aus der Zwischenlockdownphase haben wir uns nun auch schon alle sieben mal angeschaut und irgendwann ist auch mal Schluß mit norwegischer Landschaft, Himmel! Ich habe mir in der Not eins meiner eher schlechten unveröffentlichten Bücher hervorgekramt, nämlich „Siebenundsiebzig Stabreimsonette“ und ein wenig geschmökert. Es ist, wie gesagt, eher schlecht, aber in einem Gratis-Podcast liegen die Maßstäbe auch nicht allzu hoch, nicht wahr? Ich geh mich jetzt ein wenig schämen, sage „Tschüß“ und eins meiner saumäßigen Stabreimsonette musst Du Dir jetzt doch noch anhören.

Fernreisenpropaganda

Sie sitzen säumelig in ihrer Stube
Schaun sich Superheldenfilme an
Sediert von Super-, Bat- und Spinnenmann
Und saugen Cheddar aus sehr schönen Tuben

Furchtbar fad, nicht wahr? Wie wär’s dagegen
Raus ins Feld und munter zu marschier’n
‚N Blick auf Amsterdam, Athen riskier’n
Die knorren Knochen noch mal zu bewegen?

Alles schon getestet und gefunden
Dass ein Marsch nach Moskau und Paris
Meist mit gewissem Hindernis verbunden

Vielfach, weil das Kriegsglück uns verließ,
Die Wohnbevölkerung, genug geschunden,
Uns die Marschmusik ins Arschloch bließ

EKW086 Jugendliebe

TL;DR And nothing will be said but this:/
It was not much he had /
He knew to rhyme and how to kiss /
But that is not too bad

Jugendliebe

Sie hatte Augen, schwarz, wie angebrannte Zwiebeln
Brüste, wie die Pyrenäen, nur in flach
Und hatte einen Schatten unterm Dach
Der ging ihr aus dem Keller bis zum Giebel

Sie hatte ihren Reifegrad klar überschritten
Dennoch zog sie mich wie magisch an
Und ich verbrachte Stunden, ihrem Bann
Und ihrer Wonne nachzuspür’n in ihrer Mitte

Denn Annette las Sonette, selbst verfasst
Und ihre Stimme streichelte die feinen Ohren
Die der Herrgott mir in seinem Hohn verpasst

Und Stunden konnte ich in ihren Schoß mich bohren
Fern der Welt und aller Lebenshast
Und lies Quartette und Terzette wild rumoren

Hi, Matthias hier. Nur ein kurzes Lebenszeichen heute, liebes Kofferchen, denn ich muss noch die dritte Staffel „Star Trek – Deep Space Nine“ zu Ende schauen, ein inzwischen rund 25 Jahre altes Serienjuwel, das mir bereits in meiner Jugend etliche sinnfreie Nachmittage erleichtert hat. Und inzwischen, das kann ich wohl sagen, sind Commander Benjamin Sisko, Major Kira, Chefingenieur Miles O’Brian, Wissenschaftsoffizierin Jadzia Dax, der Formwandler Odo, aus dem mein Schreibprogramm permanent einen Udo machen möchte, und all die anderen zu treuen Weggefährten geworden. Als kleiner Reimdingsi-Schmied und Hobbyromancier kann ich vor der Leistung amerikanischer Writers‘ Rooms immer wieder nur den Hut ziehen, wie dort in mühevoller Fleißarbeit Charaktere entwickelt und Plots gestrickt werden. Das hat dann häufig mit dem, das der/die deutsche Kulturgrießgrämin unter „Kunst“ versteht, wenig zu tun, aber im Gegensatz zu Mutter Courage wird Star Trek wenigstens – und zwar freiwillig – rezipiert und so schlecht ist das, was man da lernt, auch nicht. Ich zumindest hab dank Star Trek ganz anständig Englisch gelernt und zwar doppelt so viel wie inne Schule. Ist ganz interessant, dass das bei dem eigenen Sprössling ähnlich läuft. Es wird zwar vonseiten der zuständigen Englisch-Lehrkraft die eine oder andere Notwendigkeit zur Verbesserung angemahnt, aber dank seines Hobbys, dem Programmieren kleiner Computerspiele, spricht und schreibt er ungefähr doppelt so gut, wie ich es in dem Alter konnte. Isso. Und letzte Woche hat er mich dann auch wieder eingespannt, weil er für sein neues Survival Game noch ein Stückchen Hintergrund-Musik brauchte.

„Papa, Du kannst sowas doch, machste mir Musik für mein Spiel?“

Hab ich natürlich gerne gemacht und mich dann auch gefragt, was das ein eigentlich ist, ein Survival-Game? Denn ums Überleben geht’s ja eigentlich immer, irgendwie. Das, was du gleich hörst, ist jedenfalls das Ergebnis einiger Samstagsstunden vor dem Computer. Und weil das hier schließlich ein Reimdingsi-Podcast ist und kein Ich-zeig-Dir-was-ich-letztes-Wochenende-getan-hab-Podcast gibt’s gratis noch ein neues Reimdingsi dabei. Auf Englisch. Dank Star Trek. Tschüß.

Survival Game

My life’s just a survival game
The end is well defined
I know, this kind of game is lame
Unless I somehow find:

Some kind of thrill, subtle suspense
Perhaps I will see deeper sense
Perhaps some higher providence…

Y’may rest assured I’ll figure soon
An answer, more or less in tune
With expectations high and low
And my performance will outgrow
The modest entrance fee you paid
To see me fail, hence, I’m afraid
The end will stay be set in stone
My flesh will rot down to the bones

And nothing will be said but this:
It was not much he had
He knew to rhyme and how to kiss
But that is not too bad

EKW085 Nachtgedanken

TL;DR Wenn ich Nachtgedanken höre, dann denke ich als Kind der 1980er natürlich nicht an Heinrich Heine, sondern an Hans-Joachim Kulenkampff. Chopins Nocturnes Opus 9 Nr. 2: So klang das, wenn Herr Kulenkampff von 1985 bis 1990 jeden Abend vor Sendeschluss in seinen „Nachtgedanken“ noch was vorgelesen hat, bevor dann die Hymne und das Testbild kamen.

Das Leben schmeckt, auf alle Fälle,
Nicht wie eine Frikadelle
Wenn’s dann aber doch so schmeckt
Ist was im Frittenfett verreckt

Hi, Matthias hier. Nachtgedanken ist das Stichwort, liebe Kofferträger_innen. Wenn es heute wieder reichlich spät geworden ist, dann hab ich wohl wieder zu viel an Deutschland gedacht. Denn tut man solches, das wusste bereits Heinrich Heine, dann ist mit Schlafen Essig. 1844 hat Heine seinen Gedichtzyklus „Zeitgedichte“ veröffentlicht und das berühmteste Gedicht daraus, die „Nachtgedanken“, beginnen mit eben diesem berühmtes Satz:

„Denk ich an Deutschland in der Nacht, /
Dann bin ich um den Schlaf gebracht“

Ich denke bestürzend wenig an Deutschland, und ich glaube, Heine hat auch ein bisschen übertrieben. Denn sein Gedicht, das kannst du gerne nachlesen, handelt eigentlich mehr von seiner armen alten Mutter, die da irgendwo in Hamburg rumhockte und sich antisemitisch anpöbeln lassen musste, während Heinrich in Paris rumgebohemiant hat. Ich war die Tage mal bei seinem Grab am Montmartre-Friedhof und seine Statue dort sieht überraschend ernst aus, aber ich glaub, das liegt daran, dass er tot ist, nicht, weil’s ihm in Paris besonders schlecht ergangen wäre. Oder er hat gerade gerade an seine Mutter oder Deutschland oder beides gedacht und, tja, da kommt Weinen von.

Nachtgedanken

Wenn Heine seinen Heinrich rieb
Bevor er ein Gedichtchen schrieb
Dann dachte er mitunter gar
An seine alte Frau Mamá

Kein Wunder, dass sein Heinrich schlaff
Herunter hing statt stattlich-straff
Ihm heim ins Reich den Weg zu finden
Er blieb in Paris. Aus Gründen.

(‚kay. In Deutschland war’s auch scheiße
War ganz schlau, nicht hinzureisen.)

Ich sag’s ganz ehrlich: Ich hab nicht gewusst, dass dieses Gedicht mit „Deutschland“ und „Nacht“ und „um den Schlaf gebracht“ etc. „Nachtgedanken“ heißt. Wenn ich Nachtgedanken höre, dann denke ich als Kind der 1980er natürlich an Hans-Joachim Kulenkampff. (Chopin Nocturnes Opus 9 Nr .2 spielt) So klang das, wenn Herr Kulenkampff (selig) von 1985 bis 1990 jeden Abend vor Sendeschluss in seinen „Nachtgedanken“ noch was vorgelesen hat, bevor dann die Hymne und das Testbild kamen. Das waren kurze Geschichten, philosophische Gedanken und auch ganz viele Reimdingsis. Er hat quasi meine Idee geklaut. Nur vorher. Zwischen 500.000 und 1.000.000 Zuschauer hatten die Nachtgedanken, das galt damals als wenig, aber waren ja auch alle im Bett und mussten sich auf die Wiedervereinigung vorbereiten. Und ich meine, 1 Mio, das sind ungefähr 30 Fußballstadien voller Menschen in Nicht-Psndemiezeiten. Finde ich ganz schön viel für eine Mitternachtssendung mit einem alten Onkel, der im Fernsehen was aus einem Buch vorliest. Ich gab gelesen, eine Sendeminute Nachtgedanken kostete inklusive Tantiemen und Honorar für Herrn Kulenkampff 500 Mark, also umgerechnet 5000 Miami-Vice-Kaugummis. Das waren bei 5 Minuten Sendezeit ein Mac Mini in Vollausstattung mit Apple Care Plus und dickem Time-Maschine-Laufwerk. Nur gab es sowas damals alles noch nicht und darum glaub ich, Herr Kulenkampff hat das Geld tatsächlich komplett in Miami-Vice-Kaugummis und Panini-Fußballsammelbilder umgesetzt, zumindest hab ich mein Geld damals dafür verwendet und es war gut angelegt.

Tja. Und gelernt haben wir auch viel. War’n zwar häufig schon bisschen was müde und/oder angeschickert von Eckes Edelkirsch, Lambrusco oder Asbach Cola, aber dann noch mal so einen Ringelnatz oder Carl Gustav Jung obendrauf, das hat man sich natürlich nicht entgehen lassen. Und haben wir uns natürlich alles gemerkt. Für später, inne Schule, potentielle Sexualpartner_innen zu beeindrucken. War so mittelerfolgreich, sag ich mal, aber meinen Seneca, den kenn ich jetzt, dank Kuli. „Du wirst aufhören zu fürchten, wenn du aufhörst zu hoffen.“ Der könnte doch auch von mir sein, oder? In diesem Sinne: Tschüß!

Nachtgedanken 2

Ich wär gern Hans-Joachim Kulenkampff
Der nachts im Fernsehen Texte las
Nur sind die meisten Texte angestaubt
Und die modernen kosten was

Das ist okay, nur zahlen kann ich’s nicht
Dafür ist das Budget zu schmal
Und bloß ein altes, klassisches Gedicht
Zu lesen find‘ ich eine Qual

Das ist der Grund, warum ich selbst zum Stift
Vielmehr ins Keyboard greif, und schreib
Und wenn ein Reim auch mal daneben trifft
Ist er dafür tantiemenfrei

Ach Kulenkampff, Du hast mich jede Nacht ins Bett gebracht
Wie häufig lag ich lange wach und hab den Fernseher angemacht
Und da saßt du mit einem Buch und hast sonor im milden Ton
Gelesen, Brille abgesetzt, und dabei schlief ich dann meist schon

Ich hab dank Hans-Joachim Kulenkampff
Von Christian Morgenstern gehört
Mit Erich Kästner, Seneca und Kant
Hat er mich spät im Bett beehrt

Mich hatten vorher Magnum, Denver-Clan,
Die Golden Girls ins Bett gebracht
Doch erst wenn deine tiefe Stimme kam
Hab ich die Augen zugemacht

Und weil der Kulenkampff schon lang nicht mehr
Für mich und all die ander’n liest
Greif ich zum Podcast-Mikrophon und les‘
Bis du in Ruh die Augen schließt

Ach Kulenkampff, Du hast mich jede Nacht ins Bett gebracht
Wie häufig lag ich lange wach und hab den Fernseher angemacht
Und da saßt du mit einem Buch und hast sonor im milden Ton
Gelesen, Brille abgesetzt, und dabei schlief ich dann meist schon

Ach Kulenkampff, Du hast mich jede Nacht ins Bett gebracht
Wie häufig lag ich lange wach und hab den Fernseher angemacht
Und da saßt du mit einem Buch und hast sonor im milden Ton
Gelesen, Brille abgesetzt, und dabei schlief ich dann meist schon

Die Hintergundmusik ab Minute 03:04 ist die Nocturne in Es-Dur, Op. 9 Nr. 2 von Frédéric Chopin, gespielt von Frank Levy (Public Domain): https://musopen.org/music/108-nocturnes-op-9/#recordings