EKW023 Corona-Zoo-Haikus #zoorona

Hi, ich bin Matthias und mir ist aufgefallen, dass ich mal mit Heitideiti-Bullshit aufhören sollte. Nein, wirklich. Covid-19 aka Corona ist so gut wie gar nicht aufgetaucht in diesem Podcast und das ist natürlich schlimm. Wenig beschäftigt mich mehr in diesen Tagen und diese so genannten Corona-Kritiker bringen mich direkt auf die Palme. Du weißt schon, wen ich meine: Nicht die dummen Friesenkötters von nebenan, was erwartest du denn von denen? Doch nicht, dass sie mit ihren Facebook-Posts über arme konventionelle Bauernschicksale, böse, böse Wölfe, kriminelle Ausländer, getunte Opel-Calibras und ihren man-wird-doch-wohl-mal-fragen-drüfen-Antisemitismus aufhören? Es wäre doch geradezu grotesk einsichtig, würden sich die an Spitze der Corona-Warner stellen. Nein. Ich meine diese saturierten Promi-Kackbratzen deren Namen ich hier nicht nenne. Denen geht es nämlich darum, dass ihre nächste Millionen in Gefahr ist. Oder dass sie einfach so gelangweilt sind in ihren SoHo-Houses, dass sie einfach nicht anders können, als sich gegenseitig mit Bullshit zu unterhalten. Zum Glück ist ihre Welt und der zugehörige Social-Media-Schatten sehr weit weg von mir.

Ziemlich nah sind dagegen die anderen. Die Nicht-Idioten, für die aber andere Regeln gelten, als für den Rest. Weil sie die Sache im Griff haben und weil sie das alles mit Corona und so zwar durchaus kapiert haben, aber so ganz auf alles kann man ja auch nicht verzichten, das verstehst du doch bestimmt. Oder? Denk doch z. B. mal an die Kinder, die müssen doch auch mal raus und soziale Kontakte und so und überhaupt, sowas ist doch total wichtig für die Entwicklung. Naja, entgegne ich da. Viellicht. Aber seht’s doch mal so rum: Ihr habt das doch alles gehabt, oder? Das Mit-Vielen-Freunden-Treffen und Draußen herumtollen und so, meine ich. Und wohin hat’s Euch gebracht? Dahin, dass ihr mit Eurer egoistischen Affenliebe Euch selbst und andere in Gefahr bringt.

Ich war am Wochenende mit den Kindern im Zoo. Nicht. Ganz bestimmt nicht! Aber viele andere waren’s. Und ich hab aus Zeugenberichten ein Mosaik aus dem „Man-wird-doch-wenigstens-mal-Herbst“ 2020 zusammengestellt. Es sind nur kleine Puzzleteilchen. Die poetische Entsprechung eines solchen Puzzleteils ist ein Haiku.

(zu den formalen Besonderheiten des Haikus siehe hier: https://siebenmeilenstiefel.antville.org/stories/2247172/)

Eine Straßenbahn
Am Eingang zum Streichelzoo
Hustet sie Menschen

Raschelndes Herbstlaub
Riesenschlangen überall
Mit Nasenbären

Samstagvormittag
Husten pampt an der Kasse
Er habe ein Recht

Gähnender Käfig
Orang-Utans im Lockdown
Kicken Kastanien

Sonne, buntes Laub
Frau flieht aus Quarantäne
Zur Streichelwiese

Kindernasenrotz
Besucht das Regenwaldhaus
Roswithas Schal rutscht

Im Giraffenhaus
Oh! und Ah! und ab und zu
Trockener Husten

Laut bellender Horst
Wölfe kriechen irritiert
Aus ihrer Höhle

Ein Kinderspielplatz
Liegt verlassen im Regen
Gedränge im Shop

Regenmäntel und
Popcorngeruch im Bistro
Renate riecht nix

Joscha hat Schnotten!
Gummistiefelgehopse
In Matschepampe

Löwenbrüllen lässt
Menschen zusammenrücken
Irgendwo kichert’s

Nachmittagssonne
Scheint auf verwaiste Wege
Zoodirektor keucht

Smartphone im Nebel
Affe kaut tausend Splitter
Von Gorilla Glas

Ein Gutachter stöhnt
Da sind Löcher im Gitter
Geier am Himmel

Frösteln beim Essen
Der kleine Jens rennt kurz los
Die Heizung hochdreh’n

Klirrendes Dunkel
Das grelle Licht der Klinik
Auf Tiergehegen

Tschüss und viel Spaß im Zoo am Wochenende!

EKW022 Kommunikationsprachtexemplar

Du wirst diese These vielleicht schon mal gehört haben: Unter den Studierenden des Fachs Psychologie finden sich diejenigen mit der größten Klatsche. Größter Quatsch, sollte man denken und ich habe keine Zahlen dazu außer meiner alltagsempirischen Wahrnehmung. Und da gibt es sehr ausgeglichene und in sich ruhende Absolventen dieses Faches. Allerdings auch solche mit einem riesengroßen Hau. Unklare Befundlage also. Aber darum soll eigentlich gar nicht gehen, sondern um ein Fachgebiet, das ich noch ein wenig besser kenne und in dem es nach meiner Meinung eine analoge Entwicklung zu beobachten gibt. Allerdings nicht im Allgemeinen, sondern ganz speziell bei einem sehr kleinen, mir gut bekannten Sample. Bei mir selbst nämlich. Und es geht um die Kommunikationswissenschaft. Verdammte Axt, kann ich nicht gut kommunizieren. Alter Schwede, aber sowas von nicht. Ich hab mich paradoxerweise aber schon sehr früh für Kommunikationstechnologie interessiert. Bereits in der Schule habe ich ISDN-Telefonanlagen programmiert. Obwohl ich nie telefoniert habe. Ich war auch der erste mit Modem und einer eigenen E-Mail-Adresse. Obwohl ich nie E-Mails bekommen habe. Fax. BTX. Es war immer dasselbe, Und anfangs dachte ich noch, es länge einfach nur an all den anderen Idioten. Denn in ihrer kommunikativen Praxis, die sie fortwährend vor meinen Augen ausführen, da bekleckerten sie sich wahrlich nicht mit Ruhm.

Silke fragt

„Hat jemand schon mal Dal gekocht?
Ich hab’s bei Gundi voll gemocht! 😋
Was brauch man denn für das Gericht?
Hat jemand einen Tipp für mich? 🤔⁉️“

Ja, Silke: Google. Chefkoch. Mann!
Wie man wohl derart doof sein kann…?!
Was fragst du hier bei Insta rum?
Bist du nur einsam? Oder dumm?

Du hast grad hundertfünfunddreißig(!)
Zeichen (ja, auf die Emojis scheiß ich)
In ´ne Frage reingesteckt,
Die in mir nur Erschöpfung weckt.

Der Dummen-Thread nimmt seinen Lauf…
Der Marcus: „Dal, da steh ich drauf!
Ich weiß nur, dass man Curry braucht
Und Linsen. Bohnen geh’n wohl auch…“

Die Daggi: „Linsen mag ich nicht.
Ist Dal nicht ein Diät-Gericht
Für Detox oder so? Ich mag
Ja Avocados. Nur nicht hart.“

Und Denni schreibt: „Bei REWE gibt’s
Voll geile Avocado-Dips!
Wie heißt das noch, mit Knofi drin?
Mit G? ich fahr da gleich mal hin!“

„Sind Linsen nicht voll ungesund…?“
„Iwo, ich kauf die frisch, im Bund…!“
„Das kenn ich nur von Paprika…“
„Ich mag ja Dill. Ist selten da…“

„Hey Leute, wegen Dal noch mal,
Ich glaub ich frag mal im Lokal,
Wo’s auch die leckren Krabbenchips
Zum Essen vorher gratis gibt.“

„Das hat doch zu.“ „Ach Mist!“ „Egal…“
„Dann machst du’s halt ein andermal!“
„Läuft eigentlich ‚Suits‘ auf Netflix noch?
Das war ganz cool…“ „Ja, sag ich doch!“

So läuft das, wenn die Silke fragt:
Die Entropie steigt, alles quakt.
„Voll lieb!“ nennt Silke dies Gesabbel
Ihrer Vollidioten-Bubble.

Irgendwann hab ich natürlich gemerkt, dass die anderen zwar Vollidioten sind, ich selbst aber leider nix besser. Eigentlich im Gegenteil. Wo ich Ironie zu versprühen gedachte, sahen alle anderen Arroganz. Wo ich Zuhören simulierte, sahen alle anderen Arroganz. Und wo ich mich selbst zu erklären suchte, sahen alle anderen… Ja genau. Dabei war das wirklich nicht und niemals die Absicht. Aber du kennst die Leute: Kannste machen, was du willst, sie kriegen es immer in den falschen Hals. Sind halt einfach scheiße, diese Menschen.

Neo

Ein neoliberaler Sack
Macht Ärger, weil er Ärger hat.
Er sagt zur Marktfrau:
„Sag mir mal, was ist das, ’neoliberal‘?

Sie sagen alle, das sei schlecht.
Ich glaub’s zwar nicht, doch ganz in echt
Hab ich ja keinen blassen Schimmer
Was das ist. Das stört mich immer.“

„Ist schon gut“. Die Marktfrau spricht,
„Die wissen das auch selber nicht.
Die merken, dass du irgendwie
Ein Arschloch bist. Doch keins wie sie.

Du bist ein Breitarsch in der Welt
Der schmalen Ärsche. Eins mit Geld.
Sie fragen rum. Und treffen dann
Den Menschen, der’s erklären kann.

Es sei, sagt er, der Habitus,
Der nervt! Und dann der ganze Stuss
Von Leistungswillen, Fleiß und Markt,
Den man nicht stören darf, wenn’s hakt.“

„Das leuchtet ein“, sagt ihr der Mann
„Wie komm ich an den Typen ran,
Der solche Analysen trifft?
Die sind gesellschaftliches Gift!“

„Oh Mann, weißt du es wirklich nicht?“
Die Marktfrau starrt ihm ins Gesicht,
„Du hast uns das doch selbst erzählt,
Mit PowerPoint! Für sehr viel Geld!

Auf einer Schulung der Partei
Warst du für einen Tag dabei!“
„Ach stimmt…“ Der Mann denkt länger nach
„Der Auftrag hat nicht viel gebracht.

Da hab ich mir in einer Nacht
Den Scheiß kurz selber ausgedacht.
Und wieder, schwups, kaum war’s vorbei,
Vergessen. Futsch. Im Einerlei

Meiner Consulting-Gigs verschollen.
War halt, was sie hören wollen.“
„Und, was ist die Konsequenz?“
Die Frau ist bleich wie ein Gespenst.

„Ruhig Blut!“ Jetzt ist der Mann am Zug.
„Ich denk, für heute ist’s genug.
Doch morgen hab ich noch was frei.
Du kannst mich buchen. Jederzeit.“

Manchmal läuft Kommunikation auch einfach schief. Ohne, dass irgendwer irgendwas dafür kann. Das ist dann PPP für den- oder diejenige, der/die was erreichen will. Sagte ich PPP? Ich meinte PP. Persönliches Pech. PPP kam gerade ganz tief unten aus dem Rückenmark und hatte sich seit dem Lateinunterricht in der achten Klasse dort festgesetzt. Partizip Perfekt Passiv. Grammatik für Opfer. Auch so eine Sache: Latein. Eine Sprache, mit der man nicht kommunizieren muss. Tolle Erfindung. Schwierige Lehrerpersönlichkeiten leider. Aber ich hatte Glück: Nach einem typischen Nichtkommunikationsexemplar am Anfang hatte ich ein untypisch kommunikatives Exemplar bis zum Abitur, bei dem wir unter anderem Ovid lasen, Hexameter lernten und lateinische Theaterstücke lasen. Fast schon Kommunikation also. Da hatte Herr Rosmarin nicht so viel Glück. Eigentlich sogar Pech. PP. Oder auch PPP. Du Opfer, ey. Tschüss.

Herr Rosmarin

Herr Rosmarin kam nicht umhin
Den Namen eher schlimm zu finden
Den man ihm beim Ortstermin
In Clausthal-Zellerfeld verliehn.

Man rief ihn schlicht den „Kräutermann“
Was fies war, weil in Jugenjahr’n
Ein ebensolcher Mann ankam
Und Rosmarin das Leben nahm

Nicht was ihr denkt! Herrgott nochmal!
Der Kräutermann kam nur und stahl
Dem Rosmarin die Kampfmoral
Indem er Medizin empfahl

So tauschte also Rosmarin
Den Rucksack mit den Büchern drin
Gegen ’nen Schuss mit Heroin
Und Heroin ist ganz doll schlimm!

Herr Rosmarin verlor Kontrolle
BAföG, Studium, seine Olle
Bis man ihm befahl, er solle
Auf Entzug. Wenn er denn wolle…

Also Clausthal-Zellerfeld.
Die Klinik aber kostet Geld
Und um zu seh’n, ob’s ihm gefällt
Wird erst ein Ortstermin gewählt

Und justament an diesem Tag
Steht Rosmarin am Tor und sagt
Dem Pförtner wie er heißt und wagt
Ein Witzchen, was dem nicht behagt.

So ruft der ungehalt’ne Mann
Sodann bei seiner Chefin an
Und kaum hat er Frau Doktor dran
Sagt er: „Hier steht so’n Kräutermann…“

Krawumms! Der Name sitzt. Und schon
Springt Rosmarin zum Telefon
Und schreit, das sei doch reiner Hohn!
Und das mit ihm! In diesem Ton!

Das war so mittelhilfreich und
Frau Doktor sah nun keinen Grund
Ihn trotz Termins und Sucht-Befund
Hier aufzunehmen. Diesen Hund!

So kam es dass Herr Rosmarin
Noch häufig vor Gericht erschien,
Doch Clausthal-Zellerfeld wurd ihm
Zum Glück erspart. Na Immerhin.

EKW021 Mach doch mal was mit Tieren

Brehm einmal anders

Ein Frosch ist einmal, schwer besoffen,
Im Sumpf auf einen Storch getroffen.
Hat ihn beschimpft und ihn beleidigt;
Der Storch hat sich nur schwach verteidigt.

Da nahm der Frosch den Adebar
Und fraß ihn auf, mit Haut und Haar.
Worauf er seines Weges schwankte
Und Gott für diesen Happen dankte.

Sein Ende würd‘ ich gern verschweigen
Verfiel er doch `ner Igeldame.
Und beim Versuch sie zu besteigen
Hat er sich aufgespießt, der Arme.

Zusammengeschludert. Das ist wohl das korrekte Adjektiv. Es war viel los heute und wenn es schnell gehen muss und das Hirn mehr oder weniger auf Autopilot arbeiten muss, dann gehen halt nur Tiere. Tiere gehen immer. Tiere und Kinder. Nur dass man bei Kindern aufpassen muss wegen anrufenden Muttis, die es immer ganz furchtbar finden, wenn irgendwelchen Lyrik-Kindern Dinge geschehen. Böse Dinge. Weil’s gerade ins Reimschema passt oder weil der Dichter mental nur auf einem Zylinder läuft und versucht, sich mit Sex und Crime über die Ziellinie zu retten. Beides adäquate Themen für leichte, lyrische Treffer. Beides in Verbindung mit Kindern aber eher so… tseeeeee. Schwierig, sag ich mal. Tiere dagegen. Kein Problem. Man muss ein bisschen bei typischen Haustieren aufpassen: Hunden, Katzen, Hamstern. Etcetera. Einerseits. Andererseits sind’s dann halt doch nur Tiere. Wussten schon die alten Griechen. Stichwort: Aesop und seine dusseligen Fabeln, bei denen Deutschlehrer/innen ja so abgehen. Hab ich übrigens nie verstanden. Langweiliger Schrott. Aber muss ja jeder selber wissen.

15 minutes fame

Die Schnäbel ragen jäh empor:
Familie Schwan hat heut‘ was vor!
Herr Schwan schaut die fünf Schwänchen an
„Wir geh’n jetzt auf die Autobahn!
Das ist gefährlich, aber auch
‚Ne Riesenchance! Verlasst euch drauf.
Auch wenn wir bloß ein bisschen gehn,
Wird man uns sehn. Und das wird schön!“
Die Mutter Schwan ergänzt: „Denn dann
Werd ich berühmt mit meinem Mann
Und auch ihr Kinder allesamt
Seid plötzlich deutschlandweit bekannt!
Welch packendes Szenario,
Familie Schwan im Radio!
Wenn eine Sendung unterbricht
Und tief besorgt der Sprecher spricht:
‚Vorsicht am Dreieck Havelland
Dort laufen Schwäne dicht am Rand
Des Mittelstreifens. Menschenskind!
Wie mutig diese Schwäne sind!‘
Nur so – ich sag’s ganz unverblühmt –
Wird Schwan in diesem Land berühmt.“
Dann posen alle gut gelaunt
Für ihren Instagram-Account.

Ich sag’s mal einfach so, wie es ist: Es ist jetzt gerade realtime 22:33 Uhr, heute war ein relativ anstrengender Tag und ich würd die Folge gerne noch vor Mitternacht publizieren. Die Zeit drängt also ein wenig. Und wenn man sagt, dass Tiere eigentlich immer gehen, sind Vögel, zumindest aus meiner Sicht so eine Art Homerun. Vögel gehen nicht nur immer. Vögel gehen vor allen Dingen schnell. Ich wünsche Euch also viel Spaß mit zwei zusammengeschusterten Vögelreimen, deren Entstehung wahrscheinlich weniger Zeit in Anspruch genommen hat als die RTL-2-Nachrichten. Gibt’s RTL2 eigentlich noch? Aber ich denke, Du verstehst, was gemeint ist…

Beten für Bekloppte

Ein Sperber sperbert im Gebüsch
Nach Sperlingsküken, weil die hübsch
Als Amuse-Gueule zu reichen sind:
Als „Aperol an Sperlingskind“

Nun denn, der Sperber sperbert sehr
Allein das Jagdglück sperrt sich mehr
Und mehrer, bis der Sperber-Herr
Sich bittesehr dagegen wehrt:

„Athene!“ sperbert er gebeugt
„Du Göttin aller Jägersleut!
„Ich jag schon ewig vor mich hin
Doch jag ich nix, das macht kein‘ Sinn!

Und auch kein‘ Spaß, drum sieh mal zu,
Dass ich was fange. Amen!“ Puh…
Dass das nix bringt, habt ihr – genau –
Sofort gewusst. Ihr seid ja schlau.

Er hat die Frage falsch gestellt
Vielmehr: er hat sich schlicht verwählt!
Athene? Really, Sperberlein?
Muss so viel Dullitum denn sein?

Hättst du Diana mal bekniet
Denn, Dude, das ist ihr Fachgebiet!
Oder zu Artemis gesperbert
Und die Alte nicht geärgert…

So fängst du statt Vögelein
Beim Sperbern dir nur Zecken ein.

Familiäre Vorbelastung

Es raucht an einer Haltestelle
Eine Schwalbe auf die Schnelle
Einen Joint. Und läuft blau an.
Das Gras hat ihr nicht gut getan.

Es kommt der Bus, die Schwalbe sitzt.
Der Bus fährt ab, die Schwalbe schwitzt.
Es kommt ein zweiter Bus. Doch sie
Bleibt sitzen, zittert wie noch nie.

Der zweite Bus fährt ab, das Tier
Muss husten, kippt zur Seite, friert,
Und schlottert wenig schwalbenhaft,
Bis schließlich ein Passant es rafft,
Dem schlaffen Vogel Luft verschafft
Und ihn dann in die Klinik schafft.

„Das war sehr knapp!“ Der Arzt ist ernst
„Ich hoff nur, dass du daraus lernst!“
„Herr Doktor, klar, auf jeden Fall!“
Die Schwalbe nickt. „Ich merk’s mir mal.“

„Was merkst du dir?“ Der Arzt bleibt dran.
Die Schwalbe seufzt. „Nun, guter Mann,
Ich bin wohl von der falschen Art!
Das Rauchschwalbengeschäft ist hart…

Doch soll um der Familie Willen
Niemand sich gleich selber killen!
Werd‘ wohl in die Ferne fliegen,
Wo die Dinge anders liegen.“

Schnitt. Die Schwalbe flog sehr weit,
Wo sie ’ne Mehlschwalbe gefreit
Hat. Weißes Pulver? Alles klar!
Die erste Line knallt wunderbar.

So. Morgen wieder mehr Text und Mühe meinerseits. Schlaf gut und träum vielleicht mal was mit Menschen. Coole Spezies. Bisschen lethargisch vielleicht, aber ansonsten: Top. Tschüss.

EKW020 Evaluation Day

Kennst du das? Manchmal, wenn ich wieder einmal unter schweren Minderwertigkeitskomplexen leide, brauch ich irgendwas zum daran Festklammern. Dann erinnere ich mich zum Beispiel daran, dass ich einmal Wissenschaftler war…

Nee, anders. Lass mich mal gleich zum Punkt kommen.

Erinnerst Du Dich noch an Folge 11? 38317? Wenn ja, wirst du vielleicht festgestellt haben, dass ich ein eher skeptisches Verhältnis zum Thema Liebe habe. Nein, nicht in der Weise, dass ich ihre Existenz leugne, ich hab ja so in Etwa gesagt: Sie ist evolutionär so dermaßen praktisch, also funktional, dass es vollständig absurd wäre, wenn eine der evolutionär erfolgreichsten Spezies des Planeten die Existenz der Liebe leugnen würde… Ja okay, ganz offenbar hat die Fortpflanzung in den letzen Jahrtausenden meist auch ganz gut ohne Liebe funktioniert, aber das ist noch mal ein ganz anderes…
Weißt du was? Ich fang noch mal von vorne an:

Hi. Matthias hier. Ich bin/war ja Wissenschaftler und hab mich viele Jahre im Umfeld der Evaluationsforschung getummelt. Also der Wissenschaft, die sich mit der Frage beschäftigt, wie sich Effekte bestimmter gesellschaftlicher Veränderungen oder Programme wissenschaftlich intersubjektiv nachvollziehbar untersuchen und bewerten lassen. Und da liegt es nahe, dass ich auch auf der interindividuellen bzw. persönlichen Ebene das Instrumentarium der Evaluationsforschung heranziehe, um z. B. eine Partnerschaft, eine Beziehung…

Himmel.

Die Frau meines Lebens hat Geburtstag. Heute. Und ich hab kein Geschenk. Also: Schon, ja. Den üblichen Killefit. Aber jetzt nix, wo sie oder Außenstehende wahrscheinlich denken: Holla! Ich will aber ein Holla-Geschenk machen, denn so ein Geburtstagsschenk ist ja nun mal, ob du’s nun mal willst oder nicht, ein Statement: So viel bedeutet mir unsere Liebe. State of the Union. Quasi eine Art Halbjahreszeugnis. Findest Du nicht? Gut für Dich. Zumindest sehr bequem. Lass mich raten: Ihr schenkt Euch sowieso meistens nix. Oder schenkt Euch zusammen größere praktische Dinge. Einen gemeinsamen Urlaub. Einen Aufsitzmäher. Eine Hollywoodschaukel. Sehr praktisch, seh ich ein. Weißt Du was? Du musst das hier auch nicht zu Ende hören, fahr doch einfach eine Runde mit Deinem, stopp, ich korrigiere, Eurem Aufsitzmäher durch die Gegend und freu Dich darüber, dass Du Dich nicht mehr anstrengen musst. Ach, das findest du jetzt ein bisschen sehr verkürzt? Ihr liebt Euch einfach auf einer tieferen Ebene, die keiner materiellen Bestärkung bedarf? Entschuldigung, aber ich rede auch nicht von materiell. Ringe, Uhren, Ketten, Ohrringe, Mobiltelefone, Computer, Fahrräder, Urlaube: Ja, hab ich schon geschenkt. Been there, done that. Aber davon rede ich jetzt nicht. Es muss halt ganz genau passen.

Es muss, wie gesagt, diesen „Holla“-Effekt haben. Diese bürgerliche Entsprechung von „Ich-rette-Dich-aus-der-Toilette-eines-brennenden-Zuges-No-Matter-What! Nur ohne Zug. Und ohne Feuer. Aber ein Holla-Geschenk sagt eben: Ich WÜRDE, Schätzelein, ich würde! Ist eben Pech, dass brennende Züge derart aus der Mode gekommen sind. Und selber einen anzünden, um dann die große Show abzuziehen: pfff. Also erstens ist das gefährlich und man gefährdet ja auch andere. Kann ja niemand sicher davon ausgehen, dass die anderen Menschen auf Zugtoiletten auch mutige Lebensgefährten in Reichweite haben, die sie da rausholen. Und zweitens ist es ja auch uncool, sowas zu erzwingen. Es müsste sich schon spontan ergeben. Und am besten genau am Geburtstag. Da brauchste Glück, großes Glück. Lottoglück. Holla-Geschenke sind da anders. Sie verlasen sich nicht aufs Glück, sie erschaffen Situationen des verlässlichen Hollas.

Schlachtplan

Sie kam und sah und blieb. Und da
War ich, der leicht befremdet war
Geschmeichelt zwar und glücklich: Ja!
Doch skeptisch. War der Dame klar…

EKW019 Yvonne

Yvonne

Durchs Fenster strahlt die Sonne rein…
Ach Gott, das soll ein Anfang sein?!
Ja was? Nicht Avantgarde genug?
Klingt ausgelutscht und wenig klug?
Und Paarreim? Wie bei Wilhelm Busch?
Bei Loriot? Ja…, Bravo…, Tusch…

Wir sind im Jahre Zwanzig nach
Millenium-Bug und Expo-Schmach
(Was soll das sein? fragt ihr. Ich schrei:
Ey, was weiß ich?! War zwar dabei,
Doch bin ich alt und gammelig
Steht so im Netz. Was weiß denn ich?)

Na gut, dann strahlt die Sonne nicht…
Und nu‘? Wo isse? Wat weiß ich!
Schon explodiert? Ach nein? Was dann?
Wie fang ich‘s an? Sag’s, alter Mann!
Durch‘s Fenster strahlt halt IRGENDWAS:
Die Sonne, Lady Gaga, Gas…

Als wenn Gas strahlt… Dann gucks doch nach!
Gasstrahlung. Wikipedia. Ach?
Okay. Ein Fenster. ETWAS strahlt.
Ein Klimanotstand droht. Doch halt!
Die Rettung naht! Zu Plump…? Ach wie?
Wenn sie nicht naht, kommt sie dann nie?

Durchs Fenster… weißte was? Egal.
Rumms! Fenster zu! Du kannst mich mal.
Da kommt kein Gas und keine Sonne,
Und stattdessen kommt: Yvonne!
Wie man‘s schreibt, mit lautem „e“
Damit sich‘s reimt. Ach was? Ach nee.

Sie kommt, wie‘s sich normal gehört,
Durch eine Tür. Und sie betört
Den Dichter und die Musen und
Steht in der Wohnung. Ohne Grund.
Nur mit ´ner Wumme in der Hand.
Drückt ab. Lacht. Heulte. Und verschwand.

War das jetzt Avantgarde genug?
Mit Tempuswechsel, Tod und Trug?
Ganz ohne Sonne jedenfalls
Hat uns Yvonne plattgewalzt.
Okay. Erschossen. Wie auch immer.
Schlimm genug. Teil 2 wird schlimmer.

Hi, Matthias hier. Heute ist Freitag, der 9. Oktober 2020 und schon allein das wirst Du womöglich vollständig anders sehen. Bei Dir könnte schließlich auch Montag, der 12. Oktober 2020 sein. Es sei Dir völlig unbenommen, welches Datum Du gerade als das für Dich passende identifizierst. Ich bin auch vollständig fein damit, wenn für Dich noch Sommer ist oder das Jahr 2019. Diese Einleitung hier erfüllt einen deutlich anderen Zweck, als über die Relativität von Zeiterleben und die Nichtlinearität der Podcastnutzung zu schwadronieren. Das Schwadronieren selbst aber, das Geschwafel als solches, das ist es, was an dieser Stelle das einzig Wichtige ist. Das hast Du womöglich auch am ersten Gedicht dieser Episode bemerkt, hast Dir unter Umständen sogar einen kleinen Marker im Hinterkopf gemacht, einen Marker des Inhalts „Hm, komm mal zum Punkt, Alter!“ Mitten ins Schwarze, junge Freundin und Chapeau(!) mein junger Freund. Die Sache mit der Kreativität ist mal gar nicht so trivial. Klar, es ist was anderes, wenn du bereits seit Wochen oder Monaten diesen einen Gedanken mit Dir herumträgst. Dann geht es mehr ums Handwerk und den berühmten Tritt ins Hinterteil, diesen Gedanken, diese Idee dann einfach aufzuschreiben. Aber vorher wird’s halt schwer. Stell Dir vor, Du hättest irgendwann die dusselige Idee gehabt, einen täglichen Gedichtdingsi-Podcast zu veröffentlichen, in dem Du wegen Unlust, Dich mit Copyright etc herumzuschlagen, ausschließlich eigene Reimdingsis veröffentlichst. Dann brauchst Du eben genau das: Reimdingsis. Und zwar eine ganze Latte. Am Besten immer mehrere zu einem Thema, so dass die Episode jeweils einen schmissigen Titel bekommen kann. Wie „Jakob-Sisters“. Oder „Schleim“. Also musst Du häufig, genau, wenn gerade nix passendes zur Hand ist, neue Reimdingsis verfassen und Du sitzt dann da und machst einfach das, was Du immer tust, wenn Du keine Idee hast: Drauflosschwafeln. Nur in Strophen halt. Weil Lyrik und so. Und meistens schält sich so nach zehn, zwölf Zeilen irgendein Thema heraus. Wie bei so einem Bildhauer, der einfach mal anhängt loszuklöppeln und zack! Steht da ein Penis. Einfach weil der Penis bereits vorher im Stein steckte, man musste ihn nur noch herausschälen. Und genauso ist das mit dem Dichten. Ich suche einfach den Penis im Geschwafel und… Naja. Wenn Du den Penis dann gefunden hast, dann könntest Du anschließend anfangen, alles Nichtpenishafte drumherum einfach abzuschlagen. Aber das ist ja das nächste Problem. Wenn Du weißt: Morgen brauche ich schon wieder einen neuen Penis, dann könnte man das Nichtpenishafte ja auch lassen, wie es ist, und behaupten, dass das auch ein Penis ist, ein verkrüppelter Penis halt oder so, und damit hast Du auf einmal viel mehr Peniscontent, der möglicherweise auch bis morgen reicht. Das ist dann keine Kunst mehr, das ist große Kunst.

Yvonne II

Es lag der Herbst auf Stadt und Land
Und mittendrin im Herbst befand
Yvonne sich mit ihrem Kind
Das sich in ihrem Bauch befind

BEFAND! Ja Himmelkruzifix!
Yvonne heult… So wird das nix!
Yvonne HEULTE! Imperfekt!
Was hat man in dich reingesteckt

An Futter, Bildung, Antriebskraft
Damit‘s der Bub im Leben schafft
Und dann versägt er jämmerlich
Die Tempuswahl im Spottgedicht.

Und überhaupt: Man spottet nicht
Wenn eine Frau zusammenbricht
Die nur zu bald ein Baby kricht
Und sei’s auch nur für ein Gedicht

Denn alle wissen, dass Yvonne
Einst als reiner Reim für Sonne
In des Dichters Schaffen trat.
`Ne Schwangerschaft dagegen hatte

Diese Dame nie im Sinn
Gehabt, als sie zum Dichter hin
Geschludert ist und ihn erschossen
Hat. So froh und unverdrossen.

Lange her. Jetzt steht sie da,
Der Körper wohlgerundet. Zwar
Noch immer diesen Schelmenblick
Doch der dreht nicht die Zeit zurück

Zum unbeschwerten Töten alter
Männer, die ist flöten. Halt! Da…
Sagt sie grad „Moment, ich hole…“?
Und hat – schwupps – schon die Pistole

Aus dem letzten Reim zur Hand
Drückt ab. Lacht. Heulte. Und verschwand.

Schau mal. Erinnerst Du Dich noch an meine messerscharfe Analyse von vor dem zweiten Yvonne-Reimdingsi? Wir haben jetzt schon 7 Minuten und 50 Sekunden miteinander verbracht und ich hab erst zwei Penisse investieren müssen, um Dich einigermaßen brauchbar zu unterhalten. Ich denke, so wird man’s wohl machen müssen, damit wir noch ein wenig kurzweilige Zeit miteinander verbringen können. Eine andere Idee ist es, Hörerinnern und Hörer als Content-Generator_Innen mit einzubinden. Das mach ich vielleicht mal, wenn ich vollkommen verzweifelt bin und ich kann Dir aus heutiger Sicht nur dringend empfehlen: Sollte im Rahmen dieses Podcasts zu solchem Unsinn aufgerufen werden, dann weißt Du, dass die besten Zeiten vorbei sind. Du kannst ja noch ein paar Wochen an Bord bleiben, aber dann musst Du den Absprung schaffen. Und bevor Du das wirklich in Erwägung ziehst, muss ich noch schnell ein ganz wichtiges, ja, ich würd‘ fast schon sagen: Gedicht vortragen. Denn es liegt mir sehr am Herzen, dass auch Du es noch hörst. Bis hoffentlich bald! Tschüss!

Diese eine Sache

Mir gehts gut, ich hab Geld
Ich wohn nicht in Bielefeld!
Wohn in Jöllenbeck! (Was stört.
Weil‘s zu Bielefeld gehört.)

Alldieweil: Mir geht‘s gut
Und so geht‘s auch meiner Brut
Leben hier wär nicht schwer
Wenn nur Bielefeld nicht wär…

Ja okay, ich seh‘s ein!
Leben könnte schöner sein.
Diese Stadt in der Näh
Macht die Existenz schon zäh.

Also los, es muss sein,
Auf zum Rathaus, Bombe rein.
Es macht Bumm, oh wie dumm,
Keiner da, kein Schwein am Schrein.

Auf der Flucht, halb im Wahn
Auf der Autobahn am fahr’n
Gaspedal, Fuß wie Blei
Steht frontal die Polizei.

Blaues Schild, Rettungstat
Bremsmanöver, ziemlich hart,
Lenkrad rechts, 90 Grad
Auf die Autobahnabfahrt.

Neue Stadt, neues Glück,
Nette Kirche, schöner Blick
Hier in Sennestadt! (Was stört?
Dass das Kaff – so ein Fick!
Auch zu Bielefeld gehört.)
🙁

EKW018 Ambitionen

Der Plan

Ich habe eine Auster in der Wanne
Und eine Auster schwimmt bei mir im Klo.
Die Dritte hab ich letztens in ’ne Kanne
Mit Wasser reingelegt. Frag mich nur, wo…

Ich hatte alles lange am Computer
Geplant, wie „Matze und die Muschis“ triumphier’n
Die Charts erobern und mit richtig guter
Musik die Medien und die Massen faszinier’n.

Die Proben liefen gut. Die Austern haben
Gerockt wie Bolle. Hatten’s richtig drauf!
Der Sound: Akut stabil! Ich sah schon Scharen
Von Fans am Schrei’n, die Hallen ausverkauft.

Tja Leute. Und dann kam Corona:
Konzerte abgesagt. CD geknickt.
Jetzt sitz ich mit drei Austern in der Wohnung
Und fühle mich vom Leben echt gefickt.

Hi, i bims, der Matze, nur ohne die Muschis, die sind ein bisschen einsilbig zurzeit, da hab ich sie von jeglichen Mikrofonpflichten befreit. Austern bewegen sich nicht und haben im Prinzip keine Sinnesorgane, das muss ein schönes Leben sein. Nichts stört, nichts stinkt, kein Netflix, nur futtern und Fortpflanzung und was für eine! Austern sind Hermaphroditen, haben in sich also das Potential zur Ausformung mehrerer Geschlechter. Und während die Pazifische Auster zuächst als Männchen auf die Welt kommt wovon dann nach einige Zeit nigefähr die Hälfte weiblich wird – ich hab keine Ahnung, vielleicht gibt`s da ´ne Castingshow oder so – während das bei der pazifischen Auster jedenfalls ziemlich geordnet abläuft und die Weibchen dann auch Weibchen bleiben – warum auch nicht, oder? – währenddessen ändert sich das bei den europäischen Austern quasi ständig. Geil. Und noch viel besser ist das deutsche Fachwort dafür, die europäischen Austern heißen „Konsekutiv rhythmische Hermaphroditen“. Ihr Lieben, ich hab echt lange an einem Gedicht gearbeitet, in dem Konsekutiv rhythmische Hermaphroditen nicht nur vorkommt, sondern auch das Metrum bestimmt – Konsekutiv rhythmische Hermaphroditen – aber mir ist dann irgendwann aufgefallen, was für akademische Rattenscheiße sowas eigentlich ist und hab mich stattdessen – apropos akademische Rattenscheiße an etwas erinnert, was mir letztens ein netter Rezipient schrieb, nämlich, ob der Name dieses kleinen Podcasts hier eigentlich etwas mit Kofferwörtern zu tun hat und ja! Natürlich! Ich hab mir ja geschworen, in diesem Podcast niemals Wikipedia vorzulesen, aber schau gerne selbst mal nach, was so ein Kofferwort eigentlich ist. Es ist einfach die Verschmelzung zweier Wörter in ein neues Wort, in dem beide Ursprungsbedeutungen enthalten sind und wie’s der Zufall so will ist Hermaphrodit natürlich ein tolles Beispiel: Aus Hermann und Aphrodite wird Hermaphrodit und das heißt: Männlich und Weiblich. Und es gibt in der Sprachwissenschaft natürlich noch eine Reihe andere berühmter Beispiele: Aus dem Adjektiv „Breit“ und dem Tiernamen „Frettchen“ wurde im 18. Jahrhundert das „Brettchen“, im Prinzip einfach der Verweis auf die damals gängige Methode, wie Brettchen, Frühstücksbrettchen hergestellt wurden, in dem man einfach mithilfe eines Hammers ein Frettchen breit schlug und es dann einige Monate zum Trocknen aufhängte. Es gibt tausend weitere Beispiele. Und, um zurück zur Ausgangsfrage zu kommen: Dieser Podcast heißt „Ein Koffer Wörter“, weil ich das einen coolen Namen fand und auf unserem Speicher offensichtlich noch ein Koffer herumstand. Und jetzt kommt der Trick: „Speicher“. Plus „Offensichtlich“. Gleich: „Spoffen“. Also bleiben wir bei Koffer. Klar geworden?

Auf dem Speicher

Manchmal gähnt der Tag mich an,
Das Maul weit aufgesperrt, dass ich
Das Zäpfchen zucken sehe im Minutentakt,
Dass sein Gestank nach unverdauter Zeit
Mich würgen lässt

Dann kotz ich Großbuchstabensuppe in mein WeWeWe
Dann geh ich auf Besuch zu meinem Einkaufskorb
Im WeWeWe
Und stopfe ihm und meinem Tag das Maul
Mit Sternen, die an Dingen hängen.
Immer fünf, wie ein versoffener Advent.

Dann leg ich mich vor meine Tür
Und schau dem gelben Mann durch ihren Schlitz zu
Wie er beige Boxen stapelt
Bis das Schlitzlicht dunkelbeige
Dann rot und schließlich schwarz wird
Und erlischt

Dann träum ich von der Zeit
Die roch, wie frisch gemähtes Gras
Und Sommerstaub auf einem Speicher
Voller Kisten zwischen Sonnenstrahlen
Und ich ahne, dass es einfach
Beige Boxen der Verwandten waren
Deren Zäpfchen nicht mehr zucken

BREAKING NEWS: Literaturnobelpreis 2020. Gerade im Livestream gesehen, dass Louis Glück ihn bekommen hat und jetzt kommst du. Wie findest du das? Kennst du die Dame überhaupt? Ich hab bis eben so gedacht. What?! Kennischnisch. Nie gehört. Aber ich sag mal so: Kennst du Jennifer Doudna? Die hat das Ding dieses Jahr in Chemie gewonnen. Chemie, brrrr, oder? Aber hast du da auch gedacht: What?! Kennischnisch. Ich frag ma so rum: Welchen Chemiker oder welche Chemikerin kennst du denn so? Außer deinen ChemielehrerInnen? Aber in Literatur, da finden auf einmal viele, sie könnten da mitreden. Ich kann’s nicht. Aber ich freu mich sehr, dass eine Lyrikerin gewonnen hat, und damit komm ich auch mal zum Titel der heutigen Folge: „Ambitionen“

Milchzahn

Wer sagt es ihr?
Den Alte-Leute-Text mit Jahren
Und der Jugend und mit der Vergänglichkeit?
Wer sagt der laut-vergnügten Lücke mit dem Blutzahn
In dem schnottenkrustensatten Händchen
Dass es keinen Grund zur Freude gibt?

Ach kuck! Da issa ja, der Satz! Der,
Wäre man nicht pazifielbeschäftigt
Schnell als nasenblutverschmierter Klumpen
Diesem Sager in der alten Fresse landen würde!
Nur weil du ein mittelstark-verpfuschtes
Leben vor dir herträgst wie den Scheck aus dem
Vergleich im Musterfeststellungsverfahren
Arschloch gegen Arschlochfirma
Ist dein Wunsch nach Neu noch lange keine Norm
Nicht mal besonders sinnvoll
Denk dir nur: Nochmal dein ganzes Arschlochleben!
Macht doch keinen Sinn

Ich sage: Raus den viel zu kleinen Zahn!
Und größer, besser, krasser werden als
Der mittelstark-verpfuschte Loser
Mit dem Nasenbluten
So viel Zeit muss sein

Ich glaub, ich bin sowas wie Experte für Ambitionen. Nicht die eigenen. Da gibt es einen blinden Fleck, der ist halb so groß wie zwei Saarländer. Aber die Ambitionen der anderen, die hab ich gesehen. Und mitgemacht. Und mitgelitten. Und mitgefeiert. Ich hab Arschlöcher gewinnen sehen und die nettesten Kerle verlieren. Und umgekehrt. Und wenn du das nicht versteht, dass alles möglich ist, weil das Leben komplizierter ist als dein Weltbild, dann wünsche ich dir viel Spaß mit deiner Arschlochweltsicht, egal, ob Du von unten oder von oben auf die Dinge schaust. Ich sag nicht, dass es keine statistischen Auffälligkeiten gibt. Aber das ist nur Statistik. Und ich sag nicht, dass man immer die Wahl hat. Du kannst, auch ohne die Wahl zu haben, ein Arschloch sein. Oder werden. Oder was erreichen. Oder scheitern. Aber weißt du, was du immer tun kannst, egal, wo du gerade bist? Wenn du glaubst, dass es darauf eine Antwort gibt, dann hast du’s nicht verstanden. Tschüss.

In der Ritterstraße

In der Ritterstraße ist der Sperrmüll abgeschafft
Manchmal, im Januar, fliegen Tannenbäume
Auf den Innenhof
Als Teamevent
Und das ist alles
Alles
Ist schon alles
Alles andere wird noch gebraucht

Die Tische werden noch gebraucht
Die Stühle werden noch gebraucht
Die MacBooks werden noch sie werden
Immer noch und immer wieder
Werden sie gebraucht
Ja selbst die Schilder mit den flotten Sprüchen
Werden noch gebraucht
Die Schilder, die zuvor an Backsteinwänden
Die zuvor in Traumfabriken hingen
Schaffen nie den Weg hinunter an die Straße

Einmal in der Woche
Ungefähr
Oder im Monat
Wenn ein Traum zerplatzt
Und eine Miete aussteht
Oder vier
Wenn Träume und Ideen platzen
Wie die Seifenkisten
Auf der Abfahrt in die Hölle

Einmal in der Woche
Ungefähr
Wenn Tische in den Hof getragen
Lebensläufe aktualisiert
Und Insolvenzanträge an das Amtsgericht Charlottenburg von Praktikanten
In die Post gegeben werden
Kann man echte Tränen sehen
Ehrliche Bilanzen lesen
Doch die Tische werden abgefangen
Schaffen nie den Weg hinunter an die Straße
Weil es noch Ideen gibt und Seifenkisten
Und Bedarf an Tischen, Stühlen und Computern
Weil es Träume gibt, die dumm und falsch
Und trotzdem ehrlich seien können
Träume, groß genug für Teamevents
Und dumm genug für Weihnachtsbäume
Träume, die zu Schildern führen
Die an Backsteinwänden hängen

Keine Zeit für Sperrmüll
Und wenn doch mal etwas übrig bleibt
Und unten an der Straße steht
Erfindet eine eine App dafür
Sie braucht dafür
Nur einen Traum
Und einen Tisch
Und einen Stuhl
Ein MacBook und ein Schild
Mit einem flotten Spruch an einer Backsteinwand

EKW017 Triefendes Triptychon

Aalquälerei

Es lebt im Panamakanal
In meerestiefer Seelenqual
Ein depressiver Tiefseeaal.
Denn so wie all die and’ren Aale
Litt er schon so viele Male
An der Dopplung der Vokale
Die der Gattung eigen sind.

Klar, ihr sagt bestimmt: Der spinnt!
Weil ja gar nicht alle Aale
Deutsch und damit ‚Aale‘ sind
Doch bedenkt die Söhne, Töchter
Angelsächsischer Geschlechter
Dort ist ‚Aal‘ zwar nicht geläufig
Wohingegen ‚Eel‘ recht häufig
Für das Tier verwendet wird
Womit eins zum andern führt:
Käm doch unser Aal deswegen
Von der Traaufe in den Reegen

Hi, Matthias hier, der Typ vom „Koffer Wörter“ Podcast. Nur falls Du Dich fragst, wessen nur so mittel ohrschmeichelnde Stimme Du gerade hörst. Ja, es ist tatsächlich ein bisschen deprimierend, wenn man sich so durch die Podcastlandschaft hört und merkt, wie mittelmäßig die eigene Stimme doch ist. Das Zauberwort hieße hier Kompressor, das ist eine Art Push-up-BH für Stimmen, aber letztlich kann der Kompressor nur pushen, wenn auch was zum Pushen da ist. Aber ich hasse Schminken etc. ja überhaupt. Was ein Fehler ist, willst du die Öffentlichkeit erreichen. Mein großes Vorbild Richard Nixon z. B. Hat nur gegen diesen Katholikenbengel Kennedy verloren, weil er kein Makeup wollte und deshalb im Fernsehen geschwitzt hat. Die Welt könnte ein viel besserer Ort sein, hätte er damals. 1960 die Wahl gewonnen… Politik., oder? Ich halt mich mit politischen Statements ja eher zurück, aber das musste mal raus. Dennoch: Wir werden wohl alle gemeinsam auch mit der mir so eigenen vokalen Unterdurchschnittlichkeit leben müssen, denn eine geilere Stimme bezahlen kann ich erst, wenn ich MINDESTENS 5 RATINGS bei APPLE PODCASTS BEKOMME. Ja, Herrschaftszeiten, ist das denn wirklich soooo ein riesiger Aufwand? Ja, Android-UserInnen sind bei dieser Thematik erst mal raus, aber mit ein wenig Aufwand könnt auch Ihr da abstimmen. Es ist nun mal das einzige relevante Portal, alles andere ist Kinderkotze… Okay. Konzentrieren wir uns auf Inhalte. Die sind auch so ein Thema. Ich muss ökonomischer werden. Vier, fünf Reimdingsis pro Folge, sowas schlaucht und das Autorenteam kann das auf Dauer nicht leisten. „Sprich langsamer!“ höre ich die rauchenden Köpfe aus dem Maschinenraum des Koffer-Wörter-Podcasts stöhnen. „Sprich langsamer!“ Ich spreche ja schon viel zu langsam. Ich ertrage mich selbst überhaupt nur mit mindestens 1,5-facher Geschwindigkeit, sonst frag ich mich immer sofort, was der Opa da im Handy macht. Mein Kompromissvorschlag lautet: Weniger Gedichte, mehr feuilletonistisches Popcorn. Vulgo: Moderationstext. Ach, scheißt drauf.

Hecht

Wer herrscht im See, und das mit Recht?
Der Hecht.

Er hat dem Wels den Pelz verwämst
Dass du ihn nicht mehr wiederkennst
Und hat den Barsch, und hat die Brasse
Harsch am Arsch gefasst
Sie nass gemacht
Die schlaffen Flaschen
Den Forellen, weil sie Welle machten
Dicke Dellen bei- und sie dann umgebracht
Und schließlich, in ’ner schlimmen Schlacht
Die Schleien tot gemacht
Die „Was?!“ Genau. Sie werden nicht vermisst…
Im Gegensatz zu den Elritzen
Die in Ritzen sitzen
Und zur Seite flitzen
Wenn Du mal vom Ufer aus ins Wasser pisst
Die, also die Elritzen, hat der Hecht mit kessen Sprüchen und viel Pressen
Aufgefressen
Nur die kapitalsten Karpfen
Und die Mückenlarven
Hat der Hecht zunächst verschont
Damit er nicht alleine wohnt
Und was zu futtern hat

Bis er im Schlamm ein Armengrab
Bekam nach einem einsamen Gefecht
Mit dem Gevatter Tod. Das lief echt schlecht
Zurecht

Ich sollte vielleicht noch was zum Titel der heutigen Episode sagen. Natürlich geht’s um Fische und wie der Name „Triefendes Triptychon“ bereits nahelegt, um drei verschiedene Fische. Äh, Meeep…! Das waren doch schon viel mehr Fische, die der Herr Hecht im letzten Reimdingsi abgeschlachtet hat. Ich konkretisiere also: Täterfische. Fische, die selbst Dinge tun, nicht so elende Opferfische wie die Elritzen oder Schleien, die nur ihres Namens wegen in Gedichten auftauchen und die sich ansonsten keine Sau interessiert. Als dritten Fisch nach Aal und Hecht hab ich noch den Lachs herausgesucht. Vielleicht einfach, weil ich die Farbe mag. Und den Geschmack. Eigentlich bin ich ja Vegetarier, aber für Lachse mach ich da gerne mal eine Ausnahme. Diese schneidigen, muskulösen Viecher, die in lauschigen Aquakulturen mit Hühnerscheiße und Antibiotika gefüttert werden, um schließlich doch von der Lachslaus langsam äußerlich und innerlich aufgefressen zu werden. Hmmm! Lecker! War ein recht kurzes Vergnügen heute, aber ich denke, du bist auf den Geschmack gekommen und vielleicht schreib ich morgen was über Heringe und Austern. Mach ma jut, da draußen und bis denne!

Lachs

Knapp unter dem Polarkreis schwimmt
Ein Lachs und lutscht ein Peppermint
Nicht etwa, weil das üblich ist,
Vielmehr: Der Lachs ist Anarchist!
Sein Lutschen ist gezielter Akt
Wie auch sein Tun im Katarakt
Den schwimmt er ganz bewusst HERAB
Und nicht HINAUF, wie’s Vattern tat
Und Muttern auch, wie’s alle Lachse
Seit der Urzeit als Erwachs’ne
In Erfüllung ihrer Pflicht
Als Lachse tun. Doch der hier: Nicht!
Er ist der unlachsigste Lachs
Von allen. Aber ohne Flachs!
Als alle anderen ins Meer
Geschwommen sind. Blieb einer: Er!
Und statt im Fluss zu pinkeln ist
Er strikt ans Land. Hat dort gepisst.
Ihm macht im Unabhängig-Sein
Kein Lachs was vor. Nicht mal zum Schein.
Und während die Familie noch
Die Flüsse hochschwinnt, hofft er doch
Dass irgendwer es bis hierher
Zum Lachsrebellen schafft. Denn er,
So nonkonform er sich auch gibt,
Braucht dennoch eine, die ihn liebt.

EKW16 Tinder-Trilogie

Hallo du toller Mensch, der/die du noch immer meinen Podcast hörst. Das ist gar nicht so selbstverständlich, du könntest ja schließlich auch stumm und wütend Fleisch in Dich hineinstopfen oder durch Tinder-Bildchen hindurchwischen. Vielleicht weißt du auch gar nicht, was Tinder ist und verstehst vor diesem Hintergrund die Genialität des heutigen Folgentitels gar nicht. Ja, lach nicht. Es gibt Menschen, an denen ist Tinder, das ja auch schon wieder ziemlich angestaubt ist, kompletto vorbeigegangen. Das vergessen die Twitter- und Insta-Häschen da draußen gerne schnell. Dabei hast du selbst nur so irgendwie mitgeschnitten, was dieses TikTok eigentlich ist und fühlst dich gleich ziemlich alt, wenn ich dir jetzt sage, dass dein hippes Instagram heute 10 Jahre alt geworden ist. Die „Tinder-Trilogie“, so heißt die Folge heute. Und Igor hat mal ein bisschen für uns recherchiert, was es damit eigentlich auf sich hat:

Igor

Das Handy summt und Igor stöhnt,
Denn was er sieht, nein, das versöhnt
Den Igel nicht. Der wirft enttäuscht
Das Handy weg mit „F•CK!“-Geräusch.
„Ich wollte doch bloß ein paar Schnecken
Checken und dann niederstrecken“,
Sagt er stark frustriert zum Dachs,
Der lax durchs Gras am Waldrand stakst.
Und Igor folgt. Soll doch der Finder
Seines Handys dieses Tinder
Und die ganzen geilen Schnecken,
Sie sich darin wohl verstecken
Soll’n, versteh’n. Doch Igor hat
Die miesen Penisbildchen satt.

Gleich mal ein riesengroßer Disclaimer: Es gibt keine Penisbilder bei Tinder. Hat es nie gegeben. Wird es nie geben. Weil die Typen auf Tinder nämlich ausschließlich zärtliche Kuschelhasen sind, die potentielle Geschlechtspartner/Innen mit ihrer humorvollen Art zum Lachen bringen wollen. Denn das ist es doch, worum‘s eigentlich geht. Um‘s gemeinsam Lachen. Nicht um Penisse und nicht ums Jahresbrutto. Dafür gibt’s Elitepartner. Ich bin in einem Alter, ich hab Freunde, die völlig ironiefrei Elitepartner nutzen. So verzweifelt sind die. Irgendein Comedian hat das vor vielen Jahren auf die Formel „Reste ficken“ gebracht und NEIN! Das ist entmenschlichend. Niemand sollte Rest sein. Aber das ist eben der Unterschied zwischen dem Sollen und dem Sein. Ich als Empiriker sage: Es gibt ihn, diesen Rest. Ich bin dieser Rest bzw. könnte dieser Rest sein. Hab ich noch letztens zu Fredo gesagt und er hat das überhaupt nicht abgestritten.

Krass sachliche Romanze

Wir trafen uns in Hasselberg, der Autobahnraststätte
Ich hatte ihr Foto auf Tinder geliked
Und sie sofort „Hey ;)“ Voll die Nette!

Sie wollte ein Nudie, ich hab es geschickt
Zwei Stunden gewartet und auch eins gekriegt
Und denk noch „Die faked, jede Wette!“

Ich poste Emojis, so Herz, Einhorn, Wein
Wo ich halt denk: Könnt was für Mädels sein
Und einen Tag später schickt sie einen Link
Mit Geodaten aus Hessen
Ein Rasthof, laut Foursquare ein Reinfall: Es stinkt,
Voll teuer und sauschlechtes Essen
Darunter ein Foto plus Datum plus Zeit
Und scheiße das Foto war geil!
Beim Shooting, kein Scherz, war sie richtig breit
Und ging mit ´ner anderen steil.

Ich noch so zu Fredo: „Das meint die nicht ernst!“
Und er so: „Wir fahren da hin!“
Und samstags um elf sitz ich da und, kein Scherz,
Ich seh sie und mir klappt das Kinn.

Haare zum Klettern, Rapunzel und so!
Gesicht wie gemalt und ein J.Lo-Po!
Und sie so: „Was kann ich dir bringen? Hallo.“
Und ich nur so: „Alles?“ Von Sinnen…

Ihr Name war Jenni mit einfachem i
Hey, Jennifer Lawrence war nichts gegen Sie
Der Arsch nicht, und auch nicht die Titten.

Am Sonntag hab ich sie bei Tinder gelöscht
Sie stank halt voll übel nach Fritten.

Ich hab ja in Folge 11 schon mal viel über die Liebe gesprochen und: das finde ich das wirklich ehrliche an Tinder. Matchen, Chatten, Daten heißt es auf der Startseite, nicht „Alle 37/10-Sekunden zwingt sich ein verzweifelter Idiot sich in eine andere verzweifelte Idiotin zu verlieben“. Liebe ist dabei nicht ausgeschlossen, im Gegenteil. Wir frickeln uns das schon irgendwann so zurecht, dass wir’s ohne rot zu werden Liebe nennen können. Aber wenn das wenigstens alle auch mal zugeben würden, wär schon viel gewonnen. Stell dir vor, du stehst da auf dem Empire State Building und wartest auf diese eine Liebe und die kommt nicht und dann siehst du jemand anderen dort stehen, der/die zwar nicht die/der eine ist, aber auch ganz nett. Und nu? Ihr geht nach Hause? Really? Wenn die Welt so funktionieren würde, wär‘ nach Adam und Eva aber mal gar nix mehr gekommen! Die Alte, die ihm den Apfel reingedrückt hat und der Alte, der 100 Jahre lang mit diesem passiv-aggressiven Du-bist-Schuld-Mantra durch die Dornen rennt. Die wären einfach mal verbittert und verbiestert gestorben und heutzutage würden alle Echsenmenschen-Dschungelcamp gucken. Liebe ist gleich Interesse minus Alternativen mal Überwindung.

Oder, sie kommt einfach von tiefstem ganzem Herzen:

Schabe im Herzen

Isch habe eine Schabe
Die Schabe hab isch lieb
Ihr lieblisches Gehabe
Hat misch das Hirn zersiebt.
Die Schabe aß den Kuchen
Isch aß den Kuchen auch
Um dort nach ihr zu suchen
Schwupps! War sie in mei’m Bauch.
Die arme kleine Schabe!
Hab sie in misch versenkt
So wollt isch’s immer haben
Im Herzen, zwar… Geschenkt.

P.S.: Ich habe einen Kurzausflug in einen befreundeten Podcast gemacht. Der heißt „Roboter und Pilze und ich hab ihn in den Shownotes verlinkt (hier: https://open.audio/library/tracks/94334/). Timm Süß, ein Podcast- und Sound-Tausendsassa ist unter die Zeichner und Illustratoren gegangen, dokumentiert seine Fortschritte in diesem Podcast und er und ich haben ein kleines Joint-Venture veranstaltet in dem er gezeichnet hat und ich gedichtet. Ist cool geworden.

Und damit zum letzten Reim-Dingsi von heute. Hat eigentlich nix mit Tinder zu tun aber schon was mit Liebe, irgendwie. Und ich musste es unbedingt heute noch in die Folge reinbekommen, weil doch die Physiknobelpreise verliehen wurden und dieses Gedicht, also thematisch… Hör‘s Dir einfach an und wenn’s nicht klick macht. Kein Problem, hat bei mir auch gedauert. Tschüss und bis zum nächsten Mal!

Die Schützes von nebenan

Im Zentrum der Milchstraße
Sitzt eine Quetsche
Die hat einen Schwager
Der neben mir wohnt

Im Zentrum des Schwagers
Erhitzten gefletschte
Vergoldete Brücken
Die Nachbarin schon

Im Zentrum der Nachbarin
Quietschen der Wäsche
Die Spitzen entzückend
Durch dürren Beton

Im Zentrum der Spitzen
Spritzt liebes Gequietsche
Auf goldene Brücken
Dynamisch im Ton

Im Zentrum des Quietschens
Schwitzt glücklich die Quetsche
Galaktische Schwaden
Dem Schwager zum Lohn

EKW015 Epitaph für eine Wespe

Epitaph für eine Wespe

Die Wespe an der Scheibe klebt
Im Grunde so, wie sie gelebt
Hat: Provokant und eher hässlich,
Dabei stets, und das verlässlich,
Störend auf die Art und Weise
Die ich als perfide preise.

„Preise“, ja! Aus Pietät,
Die man wohl stets dem Dichter rät,
Spricht dieser über tote Wesen:
Stets im Guten, nicht im Bösen
Sollte so ein Nekrolog
Gehalten sein, den man vollzog.

Nun denn. Die edle Wespe war
Bestimmt, das glaub ich ganz und gar
In ihrer Wespenhaftigkeit
Unübertroffen. Stets bereit
Zu stehlen, rauben und zu morden
Wozu sie erzogen worden.

Bis sie selbst zum Opfer wurde:
Fenster offen und absurde
Mengen Obst hinter der Scheibe.
Leichte Beute, denkt sie, bleibe
Ich doch gleich für länger da,
Was dann auch ihr Verhängnis war.

Denn summ, schleck, wumms! Die Fliegenklatsche
Saust. Die Wespe wird zu Matsche
(Spätestens beim dritten Mal
Denn vorher bog sie sich vor Qual…)
Stimmt, so ein Ende ist betrüblich
Wenn auch regional recht üblich

Anderswo mag man mit Büchern
Schuhen, Spray und feuchten Tüchern
Ähnliche Erfolge feiern
Hier jedoch besteht man bleiern
Auf die Klatschenvariante.
Wohl auch, weil man sonst nichts kannte.

Klebt sie also an der Scheibe
Wo sie, während ich dies schreibe
Und erzähle, immer noch
Dort festhängt. Wo sie einstmals kroch.
Und ganz vielleicht als Garnitur
Auch kleben bleibt? Ich mein ja nur…

Hi, Matthias hier. Hattest Du ein schönes Wochenende? Meins war feiertagig, falls das ein Wort ist. Ich könnte auch sagen „feierteigig“, denn ich hab Bienenstich gebacken. Das hat länger gedauert, als gedacht, war aber sehr lecker und ich hab einen Bienenstich-Vierzeiler gereimt. Wenn du in die Shownotes guckst, findest du dort sogar den Link dazu. (https://kraehenpost.antville.org/stories/2293122/). Du wirst gleich vielleicht ein bisschen überrascht oder sogar empört sein, aber das, was ich in meinen Reim-Dingsis beschreibe, das ist manchmal gar nicht passiert. Tja. Tatsächlich. Zumindest nicht 1:1. Es gibt und es gab zum Beispiel gar keine Wespe, die über der Obstschale am Küchenfenster klebt. Nope, nie passiert. Tatsächlich klebt sie am Arbeitszimmerfenster, ganz ohne Obst, ich schau grad drauf, wenn ich ein bisschen rechts am Bildschirm vorbeilinse. Ich hab ihr wirklich mehrere Chancen gegeben, durch das gekippte Fenster wieder zurück ins Freie zu fliegen. Hab wie verrückt mit einem Asterix-Comic herumgefuchtelt. Aber sie wollte nicht. Ich hab auch keine Fliegenklatsche hier, sondern hab die Wespe mit der Rückseite meines iPhone Xr zerquetscht. Mit nur einem Versuch. Und weil wir gerade Anfang Oktober haben, bin ich davon überzeugt, dass die Wespe auch gar nichts zu fressen gesucht hat, sondern eine Bleibe für den Winter. Ich darf mich wohl ganz offiziell Königinnenmörder nennen. Wobei: Mörder? JuristInnen würden dem wohl wiedersprechen. Einerseits wegen der fehlenden Menscheneigenschaft der Königin. Andererseits aber auch wegen des Fehlens eines eindeutigen Mordmerkmals. Du kann das gerne mal durchprüfen und mir dein Ergebnis mitteilen.

Im Fall des nächsten toten Insektes möchte ich ein ursächliches Mitwirken an dessen Ableben sogar vollständig bestreiten, wobei, wie du noch hören wirst, ich durchaus Schuld bei gewissen menschlichen Protagonisten sehe.

Die Fliege

Im Bücherschrank, bei Kierkegaard,
Wo Wahrheit nah am Wahnsinn lag,
Sah ich sie eines Tages liegen,
Still, verkrümmt. Die Stubenfliege.

Offenbar belesen hat
Sich dies Tier noch bis ins Grab
An den letzten großen Fragen
Abgeplagt. Ich muss schon sagen:
Heidewitzka und Respekt!
Hab nie ein Insekt entdeckt
Das mit solcher Leidenschaft
Sich des Sinnens stiller Kraft
Bis zuletzt befleißigt hat
Ob erfolgreich? Keiner sagt,
Keiner weiß es. Denn nun lag
Sie vertrocknet (und zwar arg)
Im Regal. Und sah geplagt,
Fast vergrämt aus. Ich erschrak!

Was, wenn uns’re Philosophen,
Diese klugen (manchmal doofen)
Denker/innen all die Zeit
Mit den Fragen, die sie weit
Häufiger als Einsicht fanden,
Die Insektenwelt zuschanden
Und zugrund‘ gerichtet haben?
Weil die Fliegen, Käfer, Maden
All die paradoxen Schleifen
Durchaus sehn, doch nicht begreifen
Konnten. Und dann sehr frustriert
Ihres Lebens verlustiert
Und abhanden ‚kommen sind…

Möglich wär’s! Ich nahm geschwind
Meinen allerbesten Besen
Und lies diesem armen Wesen
Ein Begräbnis ersten Rangs
An der Wand des Bücherschranks
Hinter Hegel, Marx und Kant
Angedeih’n. Und wenn ich mal
Müde von des Denkens Qual
Mich erinnern will, wie gut
Großhirnschmalz beim Denken tut,
Zieh ich Hegel, Marx und Kant
Aus dem Schrank, schau an die Wand
Und beschau die Fliege: „Dich!
Hat’s vernichtet. Und mich nich!“

Die Fliege im Regal, die gibt’s übrigens wirklich. In Kirkegaards Nähe. Marx hab ich allerdings erfunden. Du hast Dich bestimmt schon gewundert. Natürlich, es gab nie einen Philosophen namens Marx. Ich brauche nur irgendwas kurzes mit x am Ende, das in die Reihe zwischen Hegel und Kant passt und ja, es gibt zwar Horx, diesen selbsternannten Zukunftsforscher, aber so einen aus dichterischen Gründen in meinem Bücherregal auftauchen zu lassen…, puh. Vielleicht bin ich zu eitel. Vielleicht ist es genau das, was dieses mittelmäßige ich von Giganten wie Gernhardt, Schiller oder Kloppstock unterscheidet. Einfach mal einen Horx auftauchen lassen, wenn’s der Sache dient.

„Und Horx! da sprudelt es silberhell, Ganz nahe, wie rieselndes Rauschen, Und stille hält er, zu lauschen; Und sieh, aus dem Felsen, geschwätzig, schnell, Springt murmelnd hervor ein lebendiger Quell, Und freudig bückt er sich nieder Und erfrischet die brennenden Glieder.“

Die Bürgschaft, meine Lieben. Friedrich von und zu. Lasst Euch mal nicht täuschen, der kam aus einfachem Hause. Soldaten- und Gärtnerinnen-Kind, der hat den Horx am Schopf ergriffen, skrupellos, er wusste ja: Ich muss noch mindestens die Glocke schreiben, besser zwei, damit’s auch ordentlich bimmelt im Gebälk. Dem Schiller war Prestige mal scheißegal, der wollte einfach nur die Silben perlen lassen.

Perlen ist überhaupt ein gutes Stichwort, denn wir kommen zum nächsten und letzten Todeskandidaten in dieser Folge und der hätte wohl so einiges getan, damit da noch was perlt. Hat es aber nicht, und darum ist er dann, aber hörs Dir einfach selbst an und denkt immer daran: Ich bin hier nur der Bote! Wenn Dir das alles zu furchtbar ist: Auf der Venus soll‘s ganz schön sein. Nur dass es keine Podcasts gibt und keine Atemluft. Ich sag schon mal Tschüss und wir hören uns!

Jonathan

Ein Pottwal namens Jonathan
Schwamm abends in der Bucht
Am Strand.
Es wurde warm, die Ebbe kam,
Da half kein Fluchtversuch.
Verdammt.

Ein Wal im Wasser ist schon schwer,
Doch außerhalb wird’s krass.
Fatal.
Der Auftrieb fehlt ihm dann doch sehr,
Und Jo, so semi-nass,
Litt Qual.

Am dritten Tag ist Jonathan
Im heißen Sand verreckt.
Man denkt:
Wie lange geht das gut? Und wann
Wird er, stark aufgebläht,
Gesprengt?

Es sind elf Tage. Dann macht’s BUMM!
Und Jonathan ist weg.
Vom Strand.
Nur Fetzen liegen noch herum
Und Knochen. Bald bedeckt
Von Sand.

Die Jonathan-Geschichte wird
Von Pottwaleltern gern
Verwandt,
Wenn mal ein Junges rebelliert.
Es hält sich dann sehr fern
Vom Strand.

EKW014 Letztlichkeiten

Der Bauer und der Tod

Es lag im fernen Brønnøysund
Ein Bauernhof. Der schön war und
Auch alt. So wie der Bauer selbst.
Ein weiser Mann. Das klingt gestelzt?
Vielleicht. Doch es ist trotzdem wahr.
Denn als der Mann sein Ende sah
In Form von einer großen Flut
Auf der der Tod ritt (ziemlich gut!),
Da rief der Bauer: „Geilomat!
Der Tod ist hip! Und kühn! Und smart!
Mit diesem Typen geh ich gerne
In die Kiste. Oder Ferne.“
Und Gevatter Tod war cool.
Beruhigt‘ die Flut, schnappt‘ sich ’n Stuhl
Und trank zusammen mit dem Bauern
Selbstgebrannten. Zum Verdauen.
Eine „pinne“ wie man sagt
Am Brønnøysund. Wo niemand klagt
Und niemand lange lamentiert.
„Bereit?“
„Bereit.“
Der Bauer stirbt.
Und niemand in der Gegend hat
Das Grab geseh’n, die Ruhestatt.
Und niemand kennt des Bauern Sterne.
In der Kiste. Oder Ferne.

Hi, ich bin Matthias und manche Themen sind kacke. Da kannst Du Witze drüber machen und verletzt Menschen. Oder du tröstest und andere denken: Fick Dich, Du hast keine Ahnung, Du priviligiertes Arschloch. Oder du hältst deine Klappe und tust dir selbst leid aber so funktioniert das nicht, nicht solange es Gehirne und Tastaturen und Mikrofone gibt… Und du, also ihr, also du bist ja schlau genug. Du weißt wo der Knopf zum De-abonnieren dieses Podcasts ist. Ab jetzt nur noch Gedicht-Dingsis und dann ist der Feiertag auch vorbei und wir machen alle wieder den normalen Kram. Ciao.

Der Orkan steht

Ganz leicht verdruckst
Steht ein Orkan am
Gartenmäuerchen

Ein Liebespärchen fliegt vorbei
Sehr aufgeregt, sehr aufgereiht
Im Kreis

Ein Fleischermeister fliegt vorbei
Er klammert sich an eine Würstchenkette
Grundsolide Handwerkskunst, zu sehen
An den toll gedrehten Zipfelchen
Ob da wohl ein paar Schweinchen
Etwas voreilig gestorben
Worden
Sind?

Ein Fleischermesser fliegt vorbei
Der Unterleib von einem Fleischermeister
Fliegt vorbei
Ein Liebespärchen ist geviertelt worden

Meine Gartenmauer bröckelt
Ist gefünftelt worden
Der Orkan muss weiter

Ein Wölkchen

Die Treppe hoch zum Turm war steil.
Egal, kein Grund, mich zu beeil-
en, oder anzupeilen, dass
Ich schneller auf der Zinne saß.

Das Ziel war klar: Nicht lange sitzen,
Sondern Springen, Fallen, Spritzen
(Blut. Und was da sonst noch spritzt.
Mein erstes Mal. Man weiß ja nix.).

Nichtsdestotrotz. Ich keuchte hart,
Als endlich ich zur Zinne trat
Und runtersah, mit wenig Graus,
Denn plötzlich kam die Sonne raus.

Und all mein Frust, die Depression
War plötzlich fort. Ihr kennt das schon
Aus jedem billigen Gedicht:
Da geht sowas. Im Leben nicht.

Die Sonne jedenfalls schien hell
Wie auch mein Leben. Wow, wie schnell
Das in Gedichten möglich ist!
Ein Wort, ein Reim, die Logik sitzt.

Ich rief: „Oh Sonne, Retterin!“
Und merkte, dass sie kaum mehr schien.
Ein Wölkchen wölkte und verschliss
Das Sonnengelb im Schattenriss.

Es spritzte stark. Damit ihr‘s wisst.

Schwarzes Loch

Unterm Gullideckel, senkrecht abwärts vom Planetenring
Liegt Brunhild
Ruthe-
Möllers
Rest
Im Weg
Diverse Käfer haben sich beschwert
Die Kletterei sei unzumutbar
Andere sind schwer begeistert
Brunhild Ruthemöller hatte gut gefrühstückt
Donnerstag
Und war auch sonst ganz gut im Futter

Gerade Donnerstag
Da wird viel frustgeschissen, sagt das Umweltamt, denn
Das belege die Statistik
Einfach mal ein deskriptiver Fakt
Am Rande
Brunhild Ruthemöller hat Physik studiert und kürzlich abgebrochen
Donnerstag genau
Im Gulli unter dem Planetenring
Ob sie auch frustgeschissen hat, ist nirgends überliefert
Möglich wär’s, die Käfer haben abgestimmt und:
Unentschieden

Brunhild Ruthemöller ist, das lässt das Schuhwerk stark vermuten
Ungeplant unterm Planetenring
Sie wollte doch Physik studieren
Und aufs Klo (davon ist ungefähr die Hälfte aller Käfer überzeugt)
Jetzt ist sie mittendrin
In der Physik und überhaupt
Und alle Käfer klettern wohl noch Wochen lang
Tja
Irgendwas ist immer.

Leslie

Leslie liebte die Stille des letzten Abteils der S5
Richtung Westkreuz –
4-nach. Und dann im Dekadentakt
Niemand um Viertel Sechs würde Dekade…
Auch Leslie nicht. Aber sie denkt es
Dekade, Dekade, Fassade, Nomade
Trifft Grundstücksverkäufer. Peng. Schade.
Sie sagt überhaupt nichts im 4er nach Westkreuz
Als Kaulsdorf zurückbleibt wie neurodermitische Stigmata
Stigmata, Stiefmutta, fick Dich halt hart-ta-ta. Stop.

Leslie liebte die Stille des letzten Abteils der S5
Und sie liebte den Lärm der Gedanken
Gedanken sind frei. Außer Menschengedanken
Die lärmen in Hirnen seit Menschengedenken
Und machst du ein Loch in das Hirn macht es Pfffffff!
Und sie fliegen ins Nichts. Richtung Westkreuz?
Vielleicht gibt es dort eine hirnfreie Zone
Und alle Gedanken, sie kreuzen sich wild
Wie ein Gangbang der Seelen, denn Seele, Gedanke
Der Unterschied ist was für Pfaffen und Zehlendorf
Zehlendorf, Brückengeländer und Seelenschorf. Stop.

Leslie liebte die Stille des letzten Abteils der S5
Aber Ostkreuz? Ist Scheiße. Am Ostkreuz ist Schluss
Mit dem Denken. Dann kommen die anderen.
Still? Ja, um diese Zeit. Aber sie stinken und husten
Und starren und tuscheln und schleifen ihr Bein hinterher
Himmel! Ostkreuz. Der Himmel für schleifende Beine
Die Klugen verstecken sich. Riesige Over-Ears wummern
In glänzenden Farben versprühen sie Leck-mich-
Ich-kann-auch-Karate-und-Boxen-Just-name-it
Sie riechen nach Rauch nur ein bisschen vom Schlauchen
Hat Leslie geschlaucht? Ja dann fick Dich halt hart, Mutti. Stop.

Leslie liebte die Stille des letzten Abteils der S5
Und sie liebte das Blau ihrer Nägel, ein himmlisches Blau
Nur die Form ist… Ja, fick Dich halt, Mutti
Du weißt doch: Wer kaut, muss nicht fressen, nicht kotzen, nicht sterben
Ja, such‘s dir halt aus. Isso. Fick Dich halt hart, alte
Mutti. Ein komisches Wort. So wie Jannowitzbrücke
Wie Lebenslauf oder Verhängnis. Ja, fick Dich halt hart.
Die Frau Jannowitz hat ihren Kerl überlebt, sagt das Netz
Ziemlich lange. Hat Party gemacht, aber bitteschön laut.
Jetzt ist sie vorüber. Die Frau. Und die Brücke, die Jannowitz
Brücke, die dösige Zicke, die Nägel sind scheiße, sagt Jannowitz. Stop.

Leslie liebte die Stille des letzten Abteils der S5
Sie fuhr nie bis, war nie am Westkreuz gewesen, im Swinger-Club
Für die Gedanken und Seelen und alles dazwischen
Vielleicht irgendwann, wenn sie kann
Überhaupt Ihr die Jannowitz nicht in die Quere kommt
Mit ihrer Brücke, der Spree und dem eisigen Wind
Da hat auch das Blau ihrer Nägel versagt und das Kauen
Vielleicht hat die Mutti sich endlich beruhigt und dann irgendwann
Steigen sie beide um 4-nach ins letzte Abteil und die Mutti kann flennen
Ja fick Dich halt, auf ihrem Platz bis zur Jannowitzbrücke
Zur Jannowitz, Leslie, zum Brückengeländer, ja fick Dich halt, rüber und
Himmlisches STOP.